Berufliche Bildung soll aufgewertet werden

Ist der Gesellenbrief so viel wert wie das Abitur? Die Wirtschaft und das Bundesbildungsministerium kämpfen gegen den Widerstand der Kultusministerkonferenz für eine Aufwertung der beruflichen Bildung.

Auszubildende im Kunstglasblaeserhandwerk: Die berufliche Bildung soll wieder einen höheren Stellenwert bekommen. - © dapd

Berufliche Bildung soll aufgewertet werden

Die Wirtschaft und das Bundesbildungsministerium kämpfen gegen den Widerstand der Kultusministerkonferenz für eine Aufwertung der beruflichen Bildung. "Der Gesellenbrief muss genauso viel wert sein wie das Abitur", sagt Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, zur Einstufung der Abschlüsse in den so genannten "deutschen Qualifizierungsrahmen".

Laut Esser geht es um die gesellschaftliche und politische Anerkennung der beruflichen Bildung und damit auch um die Sicherung des Fach- und Führungskräftenachwuchses. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) unterstützt die Forderung der Wirtschaft und der Wirtschaftsminister der Bundesländer, den Gesellenbrief innerhalb des achtstufigen "deutschen Qualifikationsrahmens" gemeinsam mit dem Abitur auf Niveau 4 zu stellen, wie die Abteilungsleiterin im Ministerium, Susanna Schmidt, betont.

Abitur wird höher bewertet

Inwiefern sich die Beteiligten auf ihrem Treffen am Donnerstag und Freitag dieser Woche näherkommen, ist weiter offen. "Es ist wichtig, dass ein Kompromiss gefunden wird", meint der bayerische Kultusminister und Koordinator der unionsgeführten Länder, Ludwig Spaenle. Bisher steht die Kultusministerkonferenz auf dem Standpunkt, dass das Abitur auf das Niveau 5 und die abgeschlossene Lehre auf Niveau 4 gehört.

Wie Esser sagt, werden durch die Einstufung in den Qualifikationsrahmen keine tariflichen Rechte oder Zugangsberechtigungen berührt. Vielmehr sollen die Abschlüsse entsprechenden Qualifikationsniveaus und damit bestimmten fachlichen und persönlichen Kompetenzen wie Team- und Führungsfähigkeiten oder Selbstständigkeit zugeordnet werden. Ziel müsse sein, dass jeder Arbeitgeber – egal aus welchem Land – bei einem Zeugnis sofort das Qualifikationsniveau erkenne. "Was nützt die ganze Arbeitnehmerfreizügigkeit, wenn die Abschlüsse nicht vergleichbar sind", betont Esser.

Hinter der Diskussion steht ein Beschluss der EU-Kommission von 2006, nach dem die Transparenz und Durchlässigkeit bei Berufs- und Ausbildungsabschlüssen und die Mobilität der Arbeitnehmer in Europa erhöht werden sollten. Auf EU-Ebene war deshalb ein Qualifikationsrahmen mit acht Niveaus erarbeitet worden, der mittlerweile auch in Deutschland und vielen anderen EU-Ländern umgesetzt wurde.

Geselle braucht Anerkennung

Dabei sind in anderen EU-Ländern – wie etwa Österreich oder Luxemburg – ähnliche Berufsbildungssysteme, die "einem regulären dualen Berufsabschluss vergleichbaren Abschlüsse darstellen, sowie die allgemeine Hochschulreife" ebenfalls auf Niveau 4 zu finden, wie es im Beschluss der Wirtschaftsministerkonferenz heißt.

Auf Niveau 5 sehen Esser und seine Mitstreiter die Gesellen mit besonderen Spezialkenntnissen wie etwa Servicetechniker im Kfz-Bereich und auf Niveau 6 den Meister oder Bachelor.

Die Kultusministerkonferenz und die im Philologenverband organisierten Gymnasiallehrer sehen das anders. "Wir fühlen uns nicht als etwas Besseres, aber das Abitur muss auf Stufe 5", sagt Horst Günther Klitzing, Vize-Chef des Philologenverbandes. Dies sei nur logisch, wenn auf Niveau 6 der Bachelor, auf Niveau 7 der Master und Niveau 8 die Promotion stehe. Im Übrigen gebe es schon heute für Meister eine Hochschulzugangsberechtigung.