Werkstatt statt Studium

Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk. Drei Auszubildende mit Abitur erzählen, wie sie auf das Handwerk gekommen sind und was sie mit ihrem Fachwissen nach der Ausbildung machen möchten. Von Heidi Roider

Foto: AHM

Werkstatt statt Studium

Keramikkronen verblenden, Zahn- und Gebissmodelle herstellen oder mit dem Zahnarzt die richtige Wahl des Materials besprechen für Hannes Roithmeyer seit einigen Monaten Alltag. Er hat sich trotz Hochschulreife gegen ein Studium und für eine Ausbildung zum Zahntechniker entschieden: „Ich wollte nach dem Abitur etwas Handwerkliches machen, statt in überfüllten Hörsälen zu sitzen.“

Auf den Beruf gekommen ist er über seinen Onkel, einem Zahnarzt. „Ich habe durch ein Praktikum gemerkt, dass das etwas für mich ist.“ Jetzt lernt er seit September 2010 bei MC Dentaltechnik in Putzbrunn nahe München.

Gekommen, um vielleicht zu bleiben

Wie Roithmeyer haben immer mehr Auszubildende im Handwerk Abitur. Zwar ist die Abiturientenquote im Handwerk mit 6,9 Prozent in Deutschland nach wie vor im Handwerk gering. Einige Berufe sind bei Abiturienten jedoch äußerst beliebt, wie Fotograf, Goldschmied, Automobilkaufmann, Hörgeräteakustiker, Augenoptiker oder Orthopädiemechaniker. Auch Maßschneider, Bootsbauer, Brauer oder Mälzer stehen hoch im Kurs. In manchen Berufen, wie etwa bei den Zahntechnikern, liegt der Anteil sogar bei etwa 50 Prozent.

Die Suche nach Auszubildenden sei trotzdem schwierig, sagt Matthias Stabel, der 1996 MC Dentaltechnik gegründet hat. Auch wenn bei dem Zahntechnikermeister und stellvertretenden Obermeister die Auszubildenden nicht zwingend Abitur haben müssen. Bewerber mit Abitur hätten in der Regel aber die besseren Chancen.

Das habe ganz pragmatische Gründe: „Chemie, Physik, Mathematik, Anatomie – Abiturienten tun sich in der Schule einfach leichter“, sagt Stabel. Diese Erfahrung hat auch sein Azubi gemacht. In seiner Berufsschulklasse seien auch Hauptschüler, aber „die tun sich schon schwer“, erzählt Roithmeyer.

Mit dem nötigen Ehrgeiz und handwerklichem Geschick sei die Ausbildung aber auch für Hauptschüler machbar, ist sich Stabel sicher. Und sie hätten in der Branche auch nach wie vor Chancen. „Etwa die Hälfte der Abiturienten bleiben nach der Ausbildung nicht in der Branche“, sagt Stabel. Sie würden entweder an die Universität wechseln oder in die Industrie.

Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) verstärkt der demografische Wandel die Suche nach Fachkräften. Die Bewerberzahlen werden insgesamt zurückgehen. Daher sei es wichtig, „alle Potenziale zu heben“, so ZDH-Präsident Otto Kentzler.

Hannes Roithmeyer will auf jeden Fall in der Dentalbranche bleiben, aber nicht als Geselle. Das sei auch eine Lohnfrage. Ob er jedoch dem Handwerk als Meister erhalten bleibt oder ob es ihn danach doch in die Industrie zieht, könne er noch nicht sagen. „Ein Studium kommt aber nicht infrage.“ Nach der Ausbildung wolle er sich aber erst einmal ein Jahr die Welt anschauen und im Ausland arbeiten. „Zahntechniker sind in anderen Länder sehr gefragt“, sagt Roithmeyer. Wo, weiß er aber noch nicht genau: „Die USA wären cool.“

Über Praktika ins Handwerk

Auch Ricarda Schmidt will in dem Beruf, den sie gerade lernt, arbeiten, aber sich weiterentwickeln: „Ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich werde erst einmal Erfahrung als Gesellin sammeln und dann vielleicht den Meister machen.“ Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Augenoptikerin in Düsseldorf bei Brillen Kaiser.

Wie Roithmeyer hat sie sich während der Schulzeit auf eigene Faust informiert, da auch für sie ein Studium trotz Abitur nicht infrage kam. „Ich wollte auf jeden Fall arbeiten, aber es sollte kein Bürojob sein.“

Ein Praktikum nach der Schulzeit sei dann ausschlaggebend gewesen, den Beruf der Augenoptikerin zu ergreifen. „Die Arbeit ist abwechslungsreich, richtig schön.“ Sie habe nicht nur eine anspruchsvolle, handwerkliche und ästhetische Arbeit in der Werkstatt, sondern auch zunehmend Kundenkontakt. Menschen faszinieren auch Christina Praml. Ihr Traumjob: Fotografin. „Ich finde es interessant, wie unterschiedlich und anders Menschen dargestellt werden können.“ Es sei aber nicht einfach gewesen, in ihrer Region eine Lehrstelle zu bekommen.

Die 19-Jährige lernt seit Juni 2011 bei Karin Haselsteiner im niederbayerischen Tittling . „Eigentlich wollte ich bereits nach der zehnten Klasse eine Ausbildung machen, habe aber keine Lehrstelle bekommen“, erzählt die Auszubildende aus Grafenau. Um trotzdem ihren Traumjob zu bekommen, hat sie weiterhin Bewerbungen geschrieben und in den Ferien Praktika gemacht. „Kurz nach dem Abitur hat es dann doch geklappt. Ich bin so glücklich.“ Dieses Engagement weiß auch ihre Chefin Karin Haselsteiner zu schätzen.

Vor Christina habe sie ein Mädchen ohne Schulabschluss gehabt, sich von ihr aber bereits nach eineinhalb Jahren wieder getrennt. „Sie war leider sehr unzuverlässig.“ Wegen der guten Auftragslage brauchte sie aber wieder einen Auszubildenden. „Ich suchte dann bewusst einen Lehrling mit mindestens mittlerer Reife. Christinas Bewerbung war dann einfach die beste.“ Auch das Alter habe eine Rolle gespielt: „Die Auszubildenen haben Kundenkontakt, müssen beipielweise am Wochenende eine Hochzeitsgesellschaft mit dem Fotoapparat begleiten. Da muss dann auch das Auftreten stimmen“, sagt Haselsteiner. Und jemand mit 19 oder 20 Jahren habe ein professionelleres Auftreten als ein Lehrling mit 16 Jahren.

Außerdem hofft sie, dass ihr Christina Praml nach der Ausbildung erhalten bleibt. „Das Geschäft läuft gut.“

Und Christina Praml will Fotografin bleiben: „Momentan habe ich keine Ambitionen, ein Studium zu beginnen. Ich möchte das bleiben, was ich bin.“