Originelles und Originale in Binz auf Rügen: Mondänes und Modernes im "Sorrent des Nordens". Von Christine Heilmannseder
Vom Fischerdorf zum Ostseebad
Als im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das Baden im Meer in Mode kam, bekam der kleine Ort Binz offiziell den Titel Badeort. Und dieser Anlass veranlasste die Binzer, zusätzlich zu den Logierhäusern in Villenstil auch ein Kurhaus, eine Seebrücke und eine Strandpromenade zu bauen. Die Bäderarchitektur von Binz wird so berühmt, dass es in den 20er Jahren Mode ist, in das "Sorrent des Nordens“ zu reisen. Die Bäderarchitektur auf Rügen ist eigentlich ein Sammelsurium verschiedener Stilrichtungen, hat jedoch eines gemeinsam: weiße Sommervillen mit reich verzierten Balkonen, Erkern und Veranden. Und wer wusste schon, dass die an Klöppelspitze erinnernden Holzelemente an den Häusern früher von Bootsbauern hergestellt wurden, die die langen Winter überbrücken wollten?
Sehr viel ist seither passiert, doch sehr deutliche Veränderungen ergaben sich nach der deutschen Wiedervereinigung. Die Villen, nicht nur an der Strandpromenade, wurden nach altem Stil saniert und erstrahlen heute wieder nach altem Glanz. Blickfang ist das 1908 errichtete Kurhaus Binz, das, majestätisch gegenüber der Seebrücke gelegen, an den Luxus der 20er Jahre erinnert und heute ein elegantes Fünf-Sterne-Superior-Hotel beherbergt. 2001 wurde das Kurhaus komplett restauriert, modernisiert und als Travel-Charme-Hotel wiedereröffnet. Es erinnert an eine stilvolle Epoche und belebt die fast vergessene Ferienkultur wieder
Der beste Barkeeper von allen
Ein Kleinod, aber noch ein Geheimtipp, an der Strandpromenade ist das Hotel „Villa Salve“ mit seinen lediglich 13 liebevoll eingerichteten Stilzimmern. Die Besitzer Harald und Regine Schewe haben die 1899 als Gästehaus einer Gräfin erbaute Villa 1992 erworben und sehr erfolgreich zum Hotel umgebaut. Nicht umsonst nennt man Harald Schewe den „Macher von Rügen“. Denn es ist nicht nur das individuelle Hotel mit dem Restaurant, er hat auch noch eine Besonderheit unter seinem Dach: einen der besten Barkeeper überhaupt. Barmeister Bernd Beyer ist ein Binzer Original, das man kennenlernen muss. Abgesehen von seinem sprühenden Charme gibt es wohl keinen Cocktail, den er nicht kennt. Und zu jedem Getränk weiß er eine Geschichte.
Auch Fischer Kuse zählt zu den Binzer Originalen – wobei Fischer natürlich nicht so gesprächig sind wie Barkeeper. So stumm wie seine Beute ist er jedoch keinesfalls. Mit seinen bis zu acht Mitarbeitern holte Fischer Kuse seit 1980 bis zu 100 Tonnen Fisch pro Jahr aus der Ostsee. Seit fünf Jahren ist die Fangquote jedoch von Meeresbiologen festgelegt und von der EU limitiert, auch deshalb ist er mittlerweile der einzige Fischer im Ostseebad.
Und da er vom Fischfang alleine nicht mehr existieren konnte, hat er als zweites Standbein eine kleine Gastronomie direkt neben seiner Räucherei, wo bereits die fünfte Generation ein wenig mithelfen darf, dass die Gäste den wahrscheinlich besten Räucherfisch auf Rügen serviert bekommen. Zu finden ist Fischer Kuse am südlichen Ende der Promenade, direkt am Strand.
Originell ist der "rasende Roland“, eine zum technischen Denkmal erklärte Schmalspurbahn, die auf 27 km Länge über die Insel zuckelt und auch in Binz Halt macht. Nicht ganz so originell ist der Jagdschlossexpress, der die Gäste von der Seebrücke Binz bis auf den Tempelberg zum Jagdschloss Granitz bringt. Nach der größtenteils unspektakulären Fahrt erreicht man sozusagen als Belohnung das in idyllischer Lage auf einem bewaldeten Höhenrücken liegende Jagdschloss. Das unbedingt sehenswerte Schloss ließ sich Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus in der Nähe seiner Residenz bauen. Es vereint historische Baustile und seinerzeit modernste Techniken. Das Schloss wurde mehrfach umgebaut und als Jagdschloss, Wohnschloss und Schlossmuseum genutzt. Zeitweise bot es auch Kriegsflüchtlingen Unterkunft. Heute ist es Museum und der einzigartige Aussichtsturm, den nur ganz Mutige über eine filigrane Wendeltreppe besteigen, bietet bei gutem Wetter Fernsichten bis zum Kap Arkona, zur dänischen Insel Mön, bis nach Stralsund, Greifswald und aufs polnische Kolberg. Und wer nach den 154 Stufen Abstieg noch Reserven hat, sollte sich das etwa 1.000 Hektar große Waldgebiet, das zum Biosphärenreservat Südost-Rügen gehört und durch Rad- und Wanderwege gut erschlossen ist, nicht entgehen lassen. Der Rückweg ist zu Fuß empfehlenswert. Die Seebrücke erreicht man wieder in einer guten Stunde.