Geliehene Mitarbeiter

Zeitarbeit bietet Chancen - aber nur mit klaren Regelungen.

Jana Tashina Wörrle

Geliehene Mitarbeiter

Schule, Ausbildung, Beruf und dann ein Leben lang im selben Betrieb - Die Erwerbsbiographie der meisten Deutschen sieht heute anders aus. Flexibilität ist sowohl von Arbeitnehmern als auch von Arbeitgebern gefordert. Unbefristete Arbeitsverträge und damit finanzielle Sicherheit und eine langfristige Planbarkeit von Beruf und Privatleben werden zunehmend zur Ausnahme. Auch im Handwerk und zu Zeiten des immer "bedrohlicher" werdenden Fachkräftemangels wird heute auf neue Arbeitszeitmodelle gesetzt. Teilzeitarbeit, projektbezogene Verträge und die Leih- bzw. Zeitarbeit gehören dazu. Gerade bei der letztgenannten Beschäftigungsform gehen die Meinungen jedoch stark auseinander.

Bedrohung oder Chance?

Viele qualifizierte Arbeitnehmer sehen sich durch die meist niedrigeren Stundenlöhne ausgebeutet und so mancher Arbeitgeber befürchtet, dass gerade durch diese Entwicklung der Fachkräftemangel noch gravierender werden könnte. Arbeitnehmer hätten so keine guten und sicheren Beschäftigungsmöglichkeiten und würden damit auch weniger Motivation und Engagement für den Beruf aufbringen. Im Gespräch mit einer Nachrichtenagentur forderte der Bundesvorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau), Klaus Wiesenhügel, einen "Stopp beim Wildwuchs von Jobs auf Zeit" und gleichzeitig, dass die Bundesregierung die gesetzlichen Rahmenbedingungen restriktiver regeln müsse. Unterstützt wird die negative Sichtweise zusätzlich durch Medienberichte, die darauf hinweisen, dass gerade die Zeitarbeiter in Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht geschützt seien.

"In der Bundesrepublik müssen die Beschäftigten ohne Festanstellung mehr noch als in anderen Ländern die Hauptlast der Krise tragen", sagte der Sprecher der OECD in Deutschland, Matthias Rumpf, im Zusammenhang mit einer Untersuchung zum Kündigungsschutz. Aber auch aus Sicht des Gesundheitsschutzes zeigen sich Nachteile für die Beschäftigten. So weist auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin auf einen Mangel im Gesundheitsschutz der Zeitarbeitnehmer hin, da diese oft unzureichend in die Betriebsabläufe integriert werden.

Ein paar Monate nach den wirtschaftlich schwierigsten Zeiten steht nun auch fest, dass die Beschäftigungszahlen im deutschen Zeitarbeitssektor während der Krise im Vergleich zu den Vorjahren zurückgingen. Nun in Zeiten der anziehenden Konjunktur gehen sie jedoch wieder nach oben. Waren es nach Angaben des Bundesverbands Zeitarbeit im Jahr 2008 noch rund 760.000 Zeitarbeitnehmer und daraufhin im Krisenjahr 2009 nur rund 630.000, so waren es im April 2010 wieder etwa 734.000 Beschäftigte, die über eine Zeitarbeitsfirma angestellt waren. Hier zeigt sich, dass die Zeitarbeiter wohl immer noch diejenigen sind, die in Krisenzeiten am schnellsten die Betriebe verlassen müssen.

Doch genau diese Ansichten können auch aus einer anderen Perspektive heraus betrachtet werden. Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass die Leiharbeit gerade für Langzeitarbeitslose einen Brückeneffekt zurück ins Berufsleben haben kann. "Die Beschäftigungswahrscheinlichkeit steigt dabei keineswegs nur in der Leiharbeit, sondern ebenfalls außerhalb der Branche", betonte der IAB-Arbeitsmarktexperte Florian Lehmer. 25 Prozent der befragten Leiharbeiter waren in den beiden Jahren vor dem Beginn dieser Beschäftigung mindestens die Hälfte der Zeit arbeitslos. Im Zweijahreszeitraum danach lag der entsprechende Anteil nur noch bei 17 Prozent. Allerdings würden es nur sieben Prozent der vormals Arbeitslosen schaffen die Leiharbeit in den beiden folgenden Jahren nach dem Beginn komplett hinter sich zu lassen.

Auch der Vizedirektor des IAB, Ulrich Walwei, gab zum Thema Leiharbeit grundsätzlich ein positives Feedback. Sie sei neben der befristeten Beschäftigung eines der wichtigsten Instrumente für die Unternehmen, um personalpolitisch flexibel auf Auftragsschwankungen reagieren zu können. Mindestens genauso wichtig seien aber auch Formen der internen Flexibilität wie Arbeitszeitkonten. "Die verschiedenen Formen der Flexibilität sind ganz entscheidend für den arbeitsmarktpolitischen Erfolg unseres Wirtschaftssystems. Sie werden weiter an Bedeutung gewinnen", so Walwei. Dabei gehe es aber um einen guten Mix aus Flexibilität, Stabilität und sozialer Sicherheit.

Soziale Sicherheit, dieser Begriff galt lange Zeit als Synonym für das so genannte Normalarbeitsverhältnis, also die unbefristete Vollzeitstelle eines abhängig Beschäftigten, der direkt bei dem Arbeitgeber, für den er seine Leistung erbringt, angestellt war. Im Jahr 2009 arbeiteten nach Angaben des Statistischen Bundesamts noch 66,4 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland als "Normalarbeitnehmer/-innen". 21,9 Prozent zählten zu den "atypisch Beschäftigten", also neben den Zeitarbeitnehmern auch zu den befristet Beschäftigten, Teilzeitkräften und geringfügig Beschäftigten.

Hilfe bei Auftragsspitzen

Obwohl diese Beschäftigungsformen mittlerweile auch Einzug in die Handwerksberufe finden, wird die Zeitarbeit hier bislang meist nur vorübergehend genutzt. "Zeitarbeit wird in Handwerksbetrieben traditionell genutzt, um Auftragsspitzen abzudecken oder den kurzfristigen Ausfall von Fachkräften zu ersetzen", sagte auch der Generalsekretär des Zentralverbands der Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke. Er sieht diese Form der Beschäftigung gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftmangels auch als Chance für Unternehmer. "Zeitarbeitsunternehmen können gerade den mittelständischen Handwerksbetrieben ohne eigene Personalabteilung bei der strategischen Personalplanung helfen", so Schwannecke. Dass das Thema im Handwerk gut aufgenommen wird, zeigt auch die Tatsache, dass einige Kreishandwerkerschaften wie etwa in Osnabrück und Ostbrandenburg selbst eigene Zeitarbeitsvermittlungen gegründet haben.

Mindestlohn gefordert

Anders als die meisten wahrscheinlich annehmen, ist die Zeitarbeitsbranche nicht erst in den letzten Jahren und mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitswelt entstanden. Bereits in den Jahren, in denen die Arbeitsplätze als krisensicher galten und der Begriff der "atypischen Beschäftigung" noch unbekannt war, gab es die erste Leiharbeitervermittlung in Deutschland. Im Oktober 1960 gründete der Unternehmer Günter Bindan im Bremen die erste Zeitarbeitsfirma in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Im Jahr 1970 wurde dann der erste Tarifvertrag zwischen dem damaligen Unternehmensverband für Zeitarbeit (UZA) und den Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) vereinbart und das Bundessozialgericht bestimmte, dass die Zeitarbeitsunternehmen mit ihren Mitarbeitern Dauerarbeitsverhältnisse eingehen müssen. Ab diesem Zeitpunkt war geregelt, dass die Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma immer über einen schriftlichen Arbeitsvertrag erfolgt, der eine Festanstellung mit geregelten wöchentlichen Arbeitszeiten, Lohnfortzahlung bei Krankheit und bezahlten Jahresurlaub beinhaltet.

Doch noch immer wird über einen Mindestlohn in der Zeitarbeitsbranche diskutiert, die für einige auch noch als der Inbegriff der Ausbeutung gilt. "Diese ablehnende Haltung wird sich vermutlich erst dann ändern, wenn es in Deutschland gesetzliche Mindestlöhne gibt", sagte Rainer Bindan, der Sohn des deutschen Arbeitszeitpioniers aus Bremen. Und auch Gewerkschaften, Verbände und Politiker fordern, dass hier endlich einheitliche Regeln geschaffen werden müssen. Gerade im Zusammenhang mit der völligen Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU ab Mai 2011 plädierte auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt für einen Mindestlohn für Leiharbeiter. "Es darf nicht sein, dass deutsche Zeitarbeitsunternehmen über Filialen in Polen oder Tschechien dann Zeitarbeitskräfte mit Entgelten von drei, vier oder fünf Euro pro Stunde ins Land bringen", sagte Hundt der ARD.