Ausbildung Auf Nachwuchssuche

Die Bewerberlücke zwingt Betriebe dazu, sich verstärkt um Schulabgänger zu bemühen.

Frank Muck

Auf Nachwuchssuche

Der Lehrling – das unbekannte Wesen. Noch ist es zwar nicht so weit, dass sich Betriebsinhaber nur dunkel an einen Auszubildenden erinnern können, doch schon heute bemühen sich Handwerksmeister oft vergeblich um junge Menschen, die einen Beruf erlernen wollen. Sei es, weil sich niemand bewirbt oder weil die Bewerber ihren Ansprüchen und denen des Berufes nicht mehr gerecht werden können.

Nach Auskunft von Volker Becherer, Leiter der Berufsbildung der Handwerkskammer Halle (Saale), hat sich das Verhältnis zwischen Stellenangeboten und Bewerbern inzwischen umgekehrt. Suchten die Bewerber im Osten bis vor ein paar Jahren händeringend Ausbildungsplätze, sind es jetzt die Betriebe, die nach Bewerbern Ausschau halten. Ende Mai gab es allein in Sachsen-Anhalt 10.060 gemeldete Ausbildungsstellen und davon 5.135 unbesetzt (2009: 9899 Stellen und 5.127 unbesetzt). Demgegenüber stehen 5.902 unversorgte Bewerber. 2009 waren es knapp 1.000 weniger. Einige Bäckerbetriebe in Halle hätten schon letztes Jahr keine Bewerbung mehr bekommen. Doch das generelle Problem zieht sich inzwischen durch alle Berufe. Schon jetzt hätten die Schulabgänger freie Auswahl und zeigten sich entsprechend wählerisch. Der Bildungsberater führt das Beispiel eines Autohauses in Bitterfeld an. "Der Betrieb hatte Ende Mai vier Bewerber eingeladen, doch es kam entweder nicht zum Gespräch oder der Job war ihnen zu schlecht bezahlt." Andere potenzielle Bewerber genügen demgegenüber in ihren Abschlüssen und schulischen Leistungen oft nicht den Anforderungen. Becherer hat festgestellt, dass bei den Jugendlichen neben fehlender Motivation oft Unwissenheit über die Berufe hinzukommt. Negative Aspekte wie harte Arbeit und frühes Aufstehen bei den Bäckern werden überbetont. Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten werden außer Acht gelassen oder sind nicht bekannt.

Die Handwerkskammern bemühen sich, die Bewerberlücke durch zahlreiche Maßnahmen aufzufangen. Neben Ausbildungs- und Praktikumsbörsen gibt es Matching- und Coachingprojekte, in denen Vermittler Bewerber und Betriebe zueinanderbringen sollen und auch während der Ausbildung weiterhin Betreuung anbieten. Leider wüssten auch oft die Betriebe nicht, dass es so etwas gibt. Becherer appelliert daher an die Inhaber, sich über die Möglichkeiten bei den Kammern zu informieren.

Neben der Hilfe durch Kammern und Arbeitsagenturen haben Betriebe auch viele Möglichkeiten der Eigeninitiative. Fleischermeister Kurt Matthes aus Stuttgart macht es vor. Der Inhaber eines Fleischereigeschäfts im Stadtteil Plieningen hat keine Probleme, seine Ausbildungsstellen zum Fleischer oder zur Fleischerei-Fachverkäuferin zu besetzen. Durch den Ruf einer guten Ausbildung kommen immer wieder Praktikanten, die sich bewähren und bei ihm weitermachen können. Zusätzlich hilft das von ihm an der örtlichen Schule angebotene Mittagessen, das Geschäft bekannt zu machen. Doch ein gutes Image reiche nicht allein, sagt er. Man müsse auch deutlich machen, wie spannend der Beruf einer Fleischerei-Fachverkäuferin sein kann. Matthes weiß, dass man qualifizierte Leute nur bekommt, wenn man auch eine hochwertige Ausbildung anbietet, und dass junge gut ausgebildete Leute eine Kapitalanlage sind.

Alfred Szorg, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Stuttgart, wünscht sich deshalb, dass die Betriebe an der Ausbildung festhalten, auch wenn es manchmal schwerfällt (siehe Interview). Ausbildungsbegleitende Hilfen sowie die Einstiegsqualifizierung sollten ruhig öfter in Anspruch genommen werden. Etwa 60 Prozent der Leute mit Einstiegsqalifizierung hätten schließlich hinterher eine Ausbildungsplatz und die Betriebe einen Lehrling.