Das Größte, Höchste, Beste, Schnellste. Der Superlativ scheint eigens für Shanghai erfunden worden zu sein. Nun rüstet sich die Hafenmetropole für das nächste große Ding, die EXPO 2010 – nach eigenem Bekunden "die EXPO der EXPOs". Von Moritz Grießbach
Shanghai – Stadt der Zukunft
Neben dem Verkehrslärm gehört der allgegenwärtige Baustellenlärm zum Grundrauschen dieser Stadt. Überall wird gebaut, gehämmert, gebohrt und gemauert, Altes abgerissen oder aufgehübscht, Neues errichtet. Die Verjüngungskur der "Stadt über dem Meer" ist in vollem Gange. Die ohnehin rasante Entwicklung Shanghais seit den Anfängen des chinesischen Wirtschaftswunders wird durch die Expo noch weiter beschleunigt. Trotzdem ist sie nur ein kleiner Teil des gigantischen 32 Milliarden teuren Programms zur Um- und Neugestaltung der kompletten Stadt.
Der für Westeuropäer befremdliche Umgang mit der eigenen Historie und der alten Bausubstanz ist hier Ausdruck neuen Selbstbewusstseins. Exemplarisch durchexerziert wurde dies an der Errichtung des Finanzdistrikts Pudong, einer Sonderwirtschaftszone innerhalb Shanghais mit eigener Steuergesetzgebung. Wer abends über die berühmte Uferpromenade "Bund" flaniert, dem bietet sich der Blick auf die spektakulär angestrahlten Wolkenkratzer. Hier stehen der Fernsehturm "Oriental Pearl", das Shanghai World Financial Center (dritthöchster Wolkenkratzer der Welt) oder der Jin Mao Tower. Kaum vorstellbar, dass auf dieser Seite des Flusses vor 20 Jahren noch Reisbauern ihre Felder beackerten. Im "Urban Planning Centre" lässt sich die rasante Entwicklung der Stadt nachvollziehen. Ein riesiges Modell der Stadt veranschaulicht alle existierenden und bis 2020 geplanten Bauten. Bis jetzt stehen mehr als 600 Wolkenkratzer in Shanghai, bald werden es über 1.000 sein.
Und jetzt also die EXPO. Schon die Zahlen sind beeindruckend. Auf einer Fläche von 5,28 Quadratkilometer wird vom 1. Mai 2010 an auf beiden Seiten des Huangpu-Flusses das Gelände der EXPO liegen. Auf dem riesigen Areal werden sich dann bis zum 31. Oktober Staaten und internationale Organisationen den erwarteten 70 Millionen Besuchern präsentieren. Aber die Fläche mitten in der Stadt war doch nicht leer? Nein, natürlich nicht, erklärt der junge Mann im EXPO-Büro stolz. Ganze Fabriken habe man abgebaut und flussabwärts wieder aufgebaut. 54.000 Menschen könnten neue vier Wände ihr Eigen nennen. Rund drei Milliarden Euro wird die EXPO kosten. So viel kostet es, um in die Zukunft zu schauen. Denn das Motto der EXPO lautet "Better City, Better Life". Das Gelände soll zu einem riesigen Forschungslabor der urbanen Zukunft werden. Nachhaltiges Bauen, öffentlicher Nahverkehr, alternative Verkehrsplanung sind die Themen der Weltausstellung.
Dass Shanghai die Stadtentwicklung in den Mittelpunkt der Weltausstellung rückt, passt. Wo sonst als in der chinesischen Hafenstadt liegt die Zukunft der Stadt? Wo sonst gibt es nach Jahren der Vernachlässigung derartige Probleme mit der Verkehrsinfrastruktur, dem Smog und der adäquaten Gestaltung von Lebens- und Wohnraum von 18 Millionen Einwohnern. Wo sonst sollte man sich also Gedanken darüber machen, wie eine Stadt in der Zukunft aussehen muss.
Noch ist auf dem EXPO-Gelände davon nicht viel zu sehen. Dass die EXPO trotz dem zu einem Erfolg wird, dafür sorgen – neben dem Geld – die Wanderarbeiter. Das schier unüberschaubare Heer der Arbeiter, leicht zu erkennen an ihren orangen Overalls, schuftet in drei Schichten und an sieben Tagen in der Woche dafür, dass bis zum 1. Mai 2010 jeder Pavillon auf dem Gelände fertiggestellt ist. Von Krise ist hier keine Spur zu sehen. Auf Nachfrage erklärt man dann aber im EXPO-Büro, dass China denjenigen Staaten, die keinen eigenen Pavillon errichten wollen, eine Art Standard-Ausstellungsfläche zur Verfügung stellt. Neben kleineren Staaten werden wohl auch die USA auf dieses Angebot zurückgreifen.