20 Jahre Mauerfall Großer Grenzverkehr

Maschinenbauer Schindler in Unterfranken setzt auf gut ausgebildete Berufspendler aus Thüringen. Von Matthias Heiler

  • Bild 1 von 2
    ©
    Ost und West tüfteln bei der Schindler Handhabetechnik GmbH gemeinsam für den Erfolg: Manfred Six, Jürgen Hölzer und Firmengründer Peter Schindler (v.li.).Foto: Heiler
  • Bild 2 von 2
    ©
    Andreas Töpfer (li.) entwickelt als technischer Leiter praktische Lösungen im Dialog mit seinen Mitarbeitern.Foto: Heiler

Großer Grenzverkehr

Jahrzehntelang machen sich Handwerker in der DDR keine Gedanken um ihren Arbeitsplatz. Mit dem Mauerfall ändert sich die sichere Arbeitswelt dramatisch. Aufträge brechen weg. Die Belegschaft geht in Kurzarbeit. Viele Firmen verschwinden von der Landkarte. Für die Schindler Handhabetechnik GmbH aus dem nordbayerischen Bad Königshofen erweist sich das Ende der DDR als Glücksfall. Firmengründer Peter Schindler sucht zur Wendezeit gut ausgebildete Fachkräfte, die sich in der Region Unterfranken meist für eine Stelle in der Schweinfurter Wälzlagerindustrie entscheiden. Schindler löst das Problem auf praktische Weise. Er sucht sich viele seiner Mitarbeiter im nahen Thüringen.

Erste persönliche Kontakte hatte der Unternehmer im „kleinen Grenzverkehr“ zwischen Bundesrepublik und DDR geknüpft. "Diese Kontakte waren für beide Seiten wichtig, um gegenseitige Vorurteile abzubauen", sagt Schindler. Nach der Wende macht er schnell gute Erfahrungen mit seinen neuen Fachkräften. "Die Ausbildung war im Osten sehr praxisorientiert und vor allem im mechanischen Bereich sehr gut. Das hat sich bei der täglichen Arbeit ausgezahlt", erzählt Peter Schindler. Ohne die vielen qualifizierten Mitarbeiter aus der ehemaligen DDR wäre sein Unternehmen nicht so schnell gewachsen, gibt der ehemalige Firmenchef zu.

Im Osten ohne Zukunft

Als einer der Ersten pendelt Jürgen Hölzer von Thüringen nach Unterfranken. Nach der Ausbildung als Dreher beim volkseigenen Schrauben- und Normteilwerk "Schraube" in Hildburghausen arbeitet Hölzer beim VEB RobotronElektronik Zella-Mehlis. Als er und seine Kollegen vom Herbst 1989 bis zum Frühjahr 1990 auf Kurzarbeit gesetzt werden, beginnt die Zeit der Unsicherheit. "Wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert, aber schnell gemerkt, dass unser Betrieb keine Zukunft mehr hatte. Keiner wusste, wie es weitergeht. Von den Sozialleistungen im Westen hatte auch keiner eine Ahnung. Ich habe mich dann schnell um eine neue Stelle gekümmert", erinnert sich Hölzer. Sein Schwager stellt über private Beziehungen den Kontakt zu Peter Schindler her, der ihn zunächst als Bauhelfer engagiert. „Ich hab dann gesagt: ,Beim Bau der neuen Werkshallen helfe ich nur, wenn Sie mich fest einstellen.‘ Seitdem bin ich der Allrounder im Betrieb und habe mich über die Jahre ständig fortgebildet", erzählt Jürgen Hölzer.

Manfred Six bewirbt sich 1993 nach einer Zwischenstation in München erfolgreich bei Schindler Handhabetechnik. Heute ist er Leiter der Fertigung beim Bad Königshofer Maschinenbauer. Auch Six startet seine Ausbildung im DDR-Betrieb "Schraube" und macht zur Wendezeit seinen Industriemeister Feinwerktechnik. "Als damals die Grenzen geöffnet wurden, hatte ich gerade Meisterschule und bin über die verstopften Straßen kaum nach Hause gekommen", schildert Six seine Erinnerungen. Bis 1992 bleibt er noch im Osten, nutzt wegen der unsicheren Situation dann die Chance zum Absprung in den Westen. Dort stellt er im Arbeitsalltag deutliche Unterschiede fest: "Im Osten haben wir alles mit der Feile per Hand gefertigt", erzählt Manfred Six. Gleich während der ersten Woche in seinem neuen Job kommen ihm diese Fähigkeiten zugute, als er eine Maschine per Hand einschabt: "Von den Kollegen im Westen konnte das keiner mehr."

Vom Mangel zum Überfluss

Den schnellen wirtschaftlichen Niedergang seines Arbeitgebers erlebt auch Andreas Töpfer. Nach seiner Ausbildung zum Elektromonteur bei der Firma Eliog in Römhild arbeitet er für einen Landmaschinenbauer. Dort brechen nach der Wende innerhalb kurzer Zeit fast alle Aufträge weg. Töpfer wechselt dann über einen Schweinfurter Elektrogroßhandel 1993 zur Firma von Peter Schindler. Er erinnert sich an die Unterschiede im Arbeitsalltag zwischen Ost und West: "Im Osten haben wir mit dem ständigen Materialmangel gekämpft und immer wieder improvisiert. Ersatzteile wurden gebunkert." An den höheren Technisierungsgrad im Westen musste sich Andreas Töpfer erst gewöhnen: "In den ersten Wochen hat mich die Auswahl an technischen Komponenten fast erschlagen. Durch die solide Berufsausbildung im Osten konnte ich mich aber schnell umstellen." Töpfer empfindet keine Nostalgie für die alten DDR-Zeiten: "Wer die Zeit damals verklärt, der ignoriert die Tatsachen. Wir haben in einer Diktatur gelebt, die ohne Rücksicht Raubbau an Mensch und Natur verübt hat. In den Industriegebieten rieselte der Dreck vom Himmel." Tauschen würde der heutige technische Leiter bei der Schindler Handhabetechnik nicht mehr: "Das System war doch am Ende."