Der sechste Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Mainz stürmt die Metropole

München wird deutschlandweit beneidet: Die höchste Lebensqualität in der Nähe der Berge, die beste Fußballmannschaft, das größte Volksfest der Welt – Superlative ohne Ende hat die bayerische Landeshauptstadt zu bieten.Die Mainzer beeindruckte das wenig. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Mainz stürmt die Metropole

Meisterbetrieb: Auf dem Weg zur Metropole

München wird deutschlandweit beneidet: Die höchste Lebensqualität in der Nähe der Berge, die beste Fußballmannschaft, das größte Volksfest der Welt – Superlative ohne Ende hat die bayerische Landeshauptstadt zu bieten. Was hat im Gegensatz dazu Mainz: Ein paar Narren, einen Rosenmontagsumzug und einen Fernsehsender, der das Torwandschießen erfunden hat. Ein bisschen dürftig möchte man meinen. Doch so langsam scheint sich die Lücke zwischen der Weltmetropole und dem rheinhessischen Dörfli zu schließen. Die Mainzer Fußballer jedenfalls haben dem bayerischen Branchenführer am Samstag demonstriert, dass er demnächst schon mal die Meisterschale aufpolieren und für die Versendung an den Bruchweg fertig machen kann. Zehn Punkte liegt der letztjährige Aufsteiger schon vor dem Dauer-Favoriten, da könnte man schon mal langsam nervös werden.

Münchens Kapitän Mark van Bommel dagegen scheint den Ernst der Lage noch nicht erkannt zu haben. Einen Radioreporter blaffte er nach der 1:2-Heimpleite an: "Glauben Sie etwa, dass Mainz Meister wird?“ Wir dürfen für den Mann mit dem Mikrofon antworten: Ja, durchaus möglich. Zumindest wenn die 05-er so weiterspielen wie zuletzt. Dann bröckelt die Vormachtstellung Münchens zumindest auf sportlichem Gebiet. Und das mit dem Oktoberfest wollen die frechen Karnevalisten als nächstes anpacken. Auf einen Besuch auf der Wiesn verzichteten Trainer Tuchel und seine braven Balltreter, weil zu Hause der Turnus-Mannschaftsabend auf dem Programm stand und die Kicker nicht ohne jene Kollegen feiern wollten, die nicht mit nach München gereist waren. Manager Christian Heidel hatte auch gleich eine Lösung parat: "Wir holen das Oktoberfest einfach nach Mainz." Passt bloß auf, Ihr Münchner!

Gesellenstück: Öffentlich gefaltet

Der moderne Fußballtrainer in der Bundesliga hat eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen: Den Spielern Taktik und Kondition vermitteln, zwei Dutzend Millionäre bei Laune halten und stets in der Öffentlichkeit die Fassung bewahren, auch wenn er am liebsten aus der Haut fahren möchte. Nun gilt Armin Veh als einer, der es perfekt versteht, sich keine Blöße zu geben. Ein Meistermacher, der 2007 mit Stuttgart den großen Coup landete und mittlerweile beim HSV gelandet ist. Dort läuft es ähnlich wie bei Vehs letzter Station Wolfsburg nicht wirklich rund – und am Samstagabend ging nun auch noch das Nordderby in Bremen in die Binsen. Dabei war sein Team nach einem 0:2-Rückstand gloriös zurückgekommen. Doch dann leistete sich Nationalspieler Piotr Trochowski einen leichtsinnigen Ballverlust der unmittelbar zum 3:2-Siegtor für Werder führte. Und da war es dann mit der Contenance beim Übungsleiter vorbei. Er faltete Trochowski nach dem Schlusspfiff noch auf dem Platz zusammen wie einen Schüler, der zum dritten Mal in einer Woche seine Hausaufgaben vergessen hat. Pädagogisch nicht wirklich wertvoll, aber aus Sicht des Trainers nachvollziehbar, schließlich bekommen die Kicker trotz aller Fehler eine Stange Geld, während er ständig erklären muss, warum wieder ein Spiel in die Hose gegangen ist und im Wiederholungsfall vom Vorstand die Papiere bekommt. Abgesehen davon aber hätte Veh mindestens sechs weitere seiner Spieler rundmachen können, die alle im Moment von Trochowskis Faux-Pas hinter dem Ball waren und trotzdem nur mit offenem Mund zuschauten, wie ihnen der zuvor so mühsam erkämpfte Punkt wieder abgenommen wurde. Die Hamburger sind momentan jedenfalls ein angenehmer Gegner. Denn wenn’s intern nicht stimmt, wird’s mit externen Erfolgen ganz schwer.

Erstes Lehrjahr: Panik auf Schalke

Es gibt jede Menge gute Nachrichten für Schalke 04. Erstens: Das 2:2 gegen Gladbach nach 0:2-Pausenrückstand bescherte dem letztjährigen Vizemeister im dritten Heimspiel den ersten Punkt. Zweitens: Raúl Gonzalez Blanco hat endlich sein erstes Tor für die Königsblauen erzielt. Drittens: Klas-Jan Huntelaar hat schon drei Treffer markiert. Viertens: Aus den letzten zwei Spielen holte das Team doch glatt vier Zähler. Da lässt es sich doch verschmerzen, dass sich ob der vier Bundesliga-Niederlagen davor Hohn und Spott über Felix Magath und seine Spieler ergießen. Etwa in einem Cartoon, der den Trainer beim Bezahlen im Supermarkt zeigt. Die Kassiererin fragt ihn, ob er Punkte sammelt. Magath genervt: "Sehr witzig!"

Ein bisschen verschreckt wirken die einst so stolzen Knappen schon nach dem missratenen Saisonstart. Und wenn dann auch noch negative Erlebnisse im privaten Bereich dazu kommen, steht man schnell mal komplett neben sich. So wie Ivan Rakitic, dessen Wohnung ausgeräumt wurde, während er am ersten Spieltag auf dem Fußballplatz stand. Seitdem plagen ihn Panikattacken, er kündigte seinen Mietvertrag und schlief zwischenzeitlich im Hotel.

Übrigens: Auch einige S04-Fans leiden unter massiven Angstzuständen, Ausschlag und Übelkeit – und zwar immer dann, wenn ein Schalker Heimspiel unmittelbar bevorsteht.

Zwei linke Hände: Italienische Sitten

Dann blicken wir passend zum "Italiener-Wochenende" auf dem Münchner Oktoberfest noch hinunter auf den Stiefel: In der Serie A haben sie mal wieder ein Problem mit einem Unparteiischen, dessen Entscheidungen in jüngster Zeit so was von daneben sind, dass man fast meinen möchte, er habe von den Spielregeln keine Ahnung. Schon beim Spiel des AC Milan in Cesena ließ der Referee keinen Zweifel daran, dass er dem Außenseiter den 2:1-Sieg von Herzen gönnte. Und zuletzt verpfiff Carmine Russo die Roma beim 1:2 in Brescia so dreist, dass sich Rosella Sensi, die Klubpräsidentin der Hauptstädter, wunderte: "Hier leiten Blinde Fußballspiele." Gut, dass keiner der aufgebrachten Funktionärin gesagt hat, dass Signore Russo angeblich neuerdings Ferrari fahren und eine dicke Rolex spazieren tragen soll. War natürlich nur ein Witz, denn in Wirklichkeit ist Russo so eine Art Robin Hood der italienischen Schiedsrichtergilde: Er betrügt die Reichen und beschenkt die armen Underdogs mit Punkten. Welche Motive der Pfeifenmann auch haben möge, der italienische Schiedsrichterverband lässt sich derlei Unfähigkeit nicht mehr länger bieten und wird Carmine Russo – höchstwahrscheinlich – aus dem Verkehr ziehen. Außer natürlich, es findet sich jemand, der auch den Vorstand dieses Gremiums mit neuen Sportwagen und schmucken Armbanduhren ausstattet.