Die Männer und Frauen der Bauhütte am Ulmer Münster restaurieren nach und nach die berühmte Kirche. Fertig werden sie dabei nicht. Aber das ist auch nicht das Ziel.
Frank Muck
Lange Wege für ein Gotteshaus
Andreas Böhm drückt den Anschaltknopf. Der Personenlift knattert. Leicht ruckelnd zieht die Kabine aufwärts. Rund 50 Meter in die Höhe. Bei schönstem Sonnenschein bietet sich ein toller Ausblick über die Städte Ulm und Neu-Ulm. Böhm fährt an seinen Arbeitsplatz am Ulmer Münster. Er ist Steinmetzmeister und leitet die Steinmetzwerkstatt in der Münsterbauhütte Ulm. Wir besuchen seine Kollegen, die hier täglich acht Stunden in 50 Meter Höhe auf einem Gerüst an den Steinen der evangelischen Kirche arbeiten. Dort oben am südlichen Chorturm tauschen sie schadhafte Werkstücke aus.
Elf Steinmetze und drei Auszubildende arbeiten an Fialen, Kreuzblumen, Gesimsen etc.
Auf den Brettern des an der Kirche befestigten Gerüsts erwarten uns Böhms Mitarbeiter. In einem Topf wird Blei erhitzt. Ein Steinmetz gießt es in das Bohrloch einer Fialenspitze zur Verankerung eines Dübels. Ein anderer klebt Klebeband über frisch erneuerte Fugen in Steinzwischenräume. Damit sie in der Sommerhitze nicht zu schnell austrocknen, wird die Feuchtigkeit durch das Klebeband in der Fuge gehalten. Fialen, Kreuzblumen, Wimperge, Vierungen, Gesimse, alles an der Kirche wird bei Bedarf ergänzt oder ausgetauscht. Elf Steinmetze und drei Auszubildende stehen Andreas Böhm dafür zur Verfügung.
Böhm deutet auf die ausgebesserten Stellen. Hellgraue regelmäßige Flächen wechseln mit dunkleren, leicht schattierten Steinen. Nicht nur der Experte erkennt, wo die Steinmetze bereits Hand angelegt haben. Zum Herbst, pünktlich zum Tag des Denkmals am 12. September, sollen die Arbeiten am südlichen Chorturm abgeschlossen sein. Irgendwann ist auch das Wahrzeichen Ulms dran, der Hauptturm, 161,53 Meter hoch und damit höchster Kirchturm der Welt.
Ein Steintechniker erfasst das gesamte verbaute Material
Eine Planvorlage davon hängt bereits im Konferenzraum von Ingrid Helm-Rommel. Sie ist Münsterbaumeisterin im Münsterbauamt und damit zuständig für das Münsterbauamt, das Münsterarchiv und die Münsterbauhütte. Helm-Rommel erläutert die Zeichnung, auf der jeder einzelne Stein zu sehen ist. Ein Steintechniker hat das gesamte verbaute Material erfasst – welche Arten von Steinen und an welcher Stelle sie eingesetzt wurden. Der Hauptturm besteht zum Beispiel aus Eisensandstein und unterschiedlichen Kalksteinarten.
Gleichzeitig hat er ihren Zustand registriert. Mit Farben sind Schadensart und -intensität der Steine abgestuft. Einige stechen in Rot hervor. Die müssen ausgetauscht werden. Doch das sind die wenigsten. Alle anderen werden gereinigt und ausgebessert, denn "bei der Restaurierung geht es um Bewahrung“, erklärt Ingrid Helm-Rommel das Prinzip ihrer Arbeit, die immer auf die Erhaltung der historischen Bausubstanz angelegt ist. Die promovierte Diplom-Ingenieurin war 1996 als erste Frau Deutschlands ins Amt einer Baumeisterin berufen worden. Sie ist so ausdauernd bei der Sache, dass die Ulmer inzwischen von "der Frau Helm-Rommel ihrem Münster“ sprechen. Mit Begeisterung berichtet sie, welche Anstrengungen hier am Münsterplatz unternommen werden, um die Kirche so zu erhalten, wie sie nach letztlich über 500 Jahren Bauzeit errichtet worden war.
Entscheidend für Qualität des Steins ist seine Herkunft
Die Arbeit ist weit komplexer als ein einfaches Ersetzen von kaputten Steinen. Es beginnt schon bei der Materialauswahl und den Spezialisten. Geologen und Paläontologen der Materialprüfungsanstalt in Stuttgart prüfen den Kalk- und den Sandstein, der für die Restaurierung eingesetzt werden soll. 80 Szenarien, was Temperaturen und Beanspruchung angeht, muss das Gestein in einer Klimakammer über sich ergehen lassen. Entscheidend für die Wiederherstellung eines Zustands, der dem Original entspricht, ist aber auch die Herkunft des Steins. Viele der Steine kamen und kommen jetzt wieder aus Frankreich oder sind Stubensandstein aus dem Raum Tübingen/Stuttgart und müssen alte Werkstücke ersetzen, die nicht mehr zu retten sind.
So wie ein etwa 125 Jahre alter Wimperg, – eine giebelartige Bekrönung –, der an einem Zierpfeiler verbaut war. Er ist verwittert und mürbe. Es fehlen ganze Teile. 450 bis 500 Stunden sitzt ein Steinmetz an einem Nachbau. Diese Aufgabe ist diesmal Dietmar Rudolf zugefallen. Seit 16 Jahren ist er bei der Münsterbauhütte beschäftigt und über solche Aufgaben freut er sich immer besonders. Wimperge seien so etwas wie Highlights, sagt Rudolf. Anspruchsvoll in der Form. Bevor so ein Stück neu gehauen wird, bekommt der Steinmetz ein Aufmaß und eine Schablone, um die genaue Form auf den unbehauenen Steinblock zu übertragen. Dabei müsse man so etwas wie die Fährte finden, von demjenigen, der den Originalwimperg gebaut hat, erklärt er. Erst danach wisse er, wo er anfängt, sagt Rudolf.
Jeden Montag schaut Andreas Böhm, ob alles in Ordnung ist
Andreas Böhm ist kein Fährtensucher mehr. Er arbeitet nicht am Stein, sondern organisiert und verteilt die Arbeit. Neben den laufenden Restaurierungsarbeiten am südlichen Chorturm muss Böhm die Kirche aber auch als Ganzes im Auge behalten. Jeden Montag begibt er sich auf einen Rundgang und schaut, ob alles in Ordnung ist. Gerade nach dem langen kalten Winter war erhöhte Aufmerksamkeit gefordert. Die Materialien waren aufgequollen.
Für Böhm ist die Arbeit an der Münsterbauhütte etwas Einzigartiges, schon weil es um die Erhaltung eines berühmten Denkmals geht. Die Chance, an einem Münster mitzuarbeiten, biete sich nur äußerst selten. Seit dreieinhalb Jahren ist er jetzt dabei und kennt sein Denkmal inzwischen. Er erklärt die einzelnen Teile der Kirche, das Kirchenschiff, den Hauptturm, einzelne Figuren und natürlich den Ulmer Spatz, der auf dem Dach des Münsters sitzt. Der Spatz, das neben dem Kirchturm andere Wahrzeichen Ulms, soll der Sage nach den Ulmern beim Bau des Münsters gezeigt haben, dass man einen Zweig, ergo auch einen Balken, längs statt quer halten kann, um ihn durch ein Tor zu bekommen.
Er schaut zum Hauptturm, auf den auch wir jetzt blicken. Während für uns der Aufstieg endet, ragt dieser etwas mehr als 161 Meter in die Höhe. Auf 768 Stufen können Besucher bis auf 142 Meter hochsteigen. Höher hinaus darf nur der Blitzschutzfachmann. Auch Andreas Böhm hat die restlichen knapp 20 Meter an einer Eisenleiter außerhalb am Turmdach erklommen. Vor der Höhe hat er keine Angst. Der Job erfordert schließlich Trittsicherheit.
Fünf Jahre, um jeden Winkel zu kennen
Das gilt auch für den Schreiner Karl-Heinz Adrion. Derzeit arbeitet er im Glockenstuhl, der in ungefähr 45 Meter Höhe im Hauptturm sitzt und selbst eine Höhe von 20 Meter aufweist. Dort hat er alte Bohlen ausgebaut und ersetzt. Als eine von wenigen Bauhütten leistet sich das Münster zusätzlich eine Schreinerei. Adrion kümmert sich um die Restaurierung von Kirchenbänken, Windfängen und Portalen. Auch die Reparatur der Schalungen unter den Kupferdächern zählt zu seinen Aufgaben. In einer steinernen Kirche ist eben doch mehr Holz, als es gemeinhin den Eindruck macht. Eine Vielfalt, die für Adrion den Reiz seiner Arbeit ausmacht. Er habe ganze fünf Jahre gebraucht, um jeden Winkel zu kennen. Inzwischen könne er für sich sagen: "Das ist meins."
Andreas Böhm ist in der Spitze des Chorturms angekommen. Der Abstieg beginnt. Insgesamt elf Jahre von der Schadenskartierung bis zum letzten Stein haben die Steinmetze hier zugebracht, um diesem Teil der Kirche zu neuem Glanz zu verhelfen. Ein leichtes Aufatmen ist zu hören, wenn man nach der Freude über den Abschluss dieses Bauabschnitts fragt. Die Arbeit an einem solchen Bauwerk braucht einen langen Atem. Man sei froh, wenn man die Arbeit an einem Bauteil abgeschlossen hat. Gewissermaßen etwas fertig ist. Auch wenn es so etwas wie Fertigwerden bei der Restaurierung eines Münsters vielleicht gar nicht gibt. Schon steht der nächste Abschnitt an: der Chor, das Herz des Münsters. Dafür sind fünf Jahre angesetzt. "Das nächste Zwischenziel", sagt Böhm und drückt auf den Fahrstuhlknopf.