Der zweite Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Verrückte Bundesliga

Die Fußball-Bundesliga spielt verrückt. Frei nach dem Motto "Willst Du die Großen oben sehen, musst Du die Tabelle drehen" verliefen die ersten beiden Spieltage, die Stoff für Verschwörungstheorien liefern, findet Stefan Galler in der DHZ-Bundesligakolumne.

Verrückte Bundesliga

Meisterbetrieb: Stoff für Verschwörungstheorien

Die Kleinen mucken auf, die Abwehrreihen legen eine verspätete Urlaubspause ein und die Heimmannschaften präsentieren sich als gastfreundlich: Dieser zweite Spieltag hatte alles, was Verschwörungstheoretikern gefällt – wenn da mal kein neuer Wettskandal droht! Oder wie soll man deuten, dass Bayer Leverkusen mit Nationalkeeper Adler und Abwehrgröße Hyppiä seinen Fans eine 3:6-Niederlage gegen Gladbach kredenzte und so viele Gegentore wie noch nie in einem Bundesliga-Heimspiel kassierte? Da konnte Adlers Aussage, er bekomme lieber einmal richtig "auf den Arsch“ als jede Woche eine knappe Niederlage verabreicht, auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Ballack und Co. erschreckend schwach präsentierten. Im Gegensatz dazu machte die junge Borussen-Elf ihrem Spitznamen alle Ehre und spielte auf wie ein Rudel lebenslustiger Fohlen.

So ähnlich war es in Wolfsburg, wo der VfL gegen Mainz zunächst abging wie ein getunter GTI. 15-Millionen-Mann Diego zauberte wie in alten Zeiten und zeigte seinen besten Trick nach der Pause: Er machte sich einfach unsichtbar. Dann kamen die irren Mainzer und drehten den 0:3-Rückstand in einen 4:3-Sieg um. Und weil auch Schalke gegen Hannover und die Bayern gegen den FCK verloren haben, Lautern nach vielen Jahren mal wieder ganz oben steht und die Stuttgarter ganz unten, wird sich so mancher Fan der momentan so erfolgreichen Bundesliga-Underdogs die Tabelle nach diesem verrückten zweiten Spieltag ausschneiden. Aber Obacht beim an die Wand nageln: Nicht aus Gewohnheit verkehrt herum aufhängen!

Gesellenstück: Zurück in der Hölle

Früher einmal, es ist mehr als 25 Jahre her, haben die Bayern ernsthaft erwogen, in Kaiserslautern gar nicht mehr anzutreten. Weil es jedes Mal am Betzenberg auf die Mütze gab, wollte Paul Breitner die Punkte mit der Post schicken. In letzter Zeit hatte es dann keinen Grund mehr gegeben, sich vor den Roten Teufeln ins Turnhöschen zu machen – seit dem Meistertitel 1998 ging es stetig bergab mit Fritz Walters Erben. Doch jetzt brennt die Pfalz wieder – und die Bayern wurden gleich mal das erste Opfer des Aufsteigers in dessen traditionsreicher Arena. Dabei war diesmal nicht wie in alten Zeiten ein von schäumenden und an den Zäunen rüttelnden FCK-Anhängern eingeschüchterter Schiri mit defekter Stoppuhr notwendig, um den Lauterern zum Sieg zu verhelfen. Es reichten zwei Kroaten und 66 starke Sekunden. So lange brauchten Ilicevic und Lakic, um die Nationalspieler Lahm und Badstuber vorzuführen und FCB-Keeper Butt zweimal aus der Ferne zu überwinden.

Wie schnell man vom Helden zum Buhmann wird, musste dann WM-Torschützenkönig Thomas Müller erfahren. Der hatte eine dicke Chance eigensinnig vertan, anstatt die mitgelaufenen Kollegen Olic und Klose einzubeziehen. Prompt gab’s verbale Haue, nicht nur von den beiden beleidigten Mitspielern, sondern auch von Müllers Entdecker van Gaal. Das muss man verstehen, denn Klose bekommt so viele Chancen bekanntlich nicht und van Gaal hat – da passt das Spiel gegen die Roten Teufel ganz gut – Müller praktisch seine Seele verkauft, indem er ihn Millionenstars wie Mario Gomez vorzog.

Nur gut, dass man beim Rekordmeister trotz der Pleite die Nerven bewahrt. Am Samstag stand ein Besuch bei Ministerpräsident Horst Seehofer auf dem Programm. Auch 1.100 begeisterte Fans waren anwesend. Bayernfans, wohlgemerkt. Da bestand definitiv kein Grund, ins Höschen zu tröpfeln.

Erstes Lehrjahr: Helmpflicht im Ländle

Mit Importen vom FC Basel haben sie in Schwabenländle gute Erfahrungen gemacht: Ottmar Hitzfeld wurde als Torjäger 1975 vom Schweizer Traditionsklub zum VfB geholt und schoss in 77 Spielen 38 Tore. Trainer Helmut Benthaus kam ebenfalls einst aus Basel und trainierte die Stuttgarter 1984 zum Meister. Und Christian Gross rettete das Team mit dem roten Brustring in der letzten Saison nicht nur vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit, sondern führte es sogar als bestes der gesamten Rückrunde in die Europa League. Dumm nur, dass die VfB-Profis scheinbar vergessen haben, wie viel Stress dieser Saisonverlauf verursacht hat. Jetzt spielen sie nämlich wieder genauso grauenhaft wie vor einem Jahr unter Markus Babbel und im Jahr davor als Titelverteidiger unter Armin Veh. Es wirkt fast so, als ob die Stuttgarter der Meinung seien, ihnen reiche eine Halbserie zur Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. Vor allem in der Abwehr ging es beim 1:3 gegen Dortmund drunter und drüber. Alles geht schief, selbst beim Warmspielen: Vor einer Woche hatte Verteidiger Boulahrouz einer TV-Moderatorin aus dreißig Metern an die Rübe geschossen, dass deren blondierte Mähne nur so wirbelte. Vor dem Dortmund-Spiel nun sagte der Niederländer Sorry und brachte der Frau vom Abofernsehen einen Rugbyhelm mit. Es sei der jungen Interviewerin geraten, ihre Eitelkeit zumindest immer dann zu überwinden, wenn sie nach Stuttgart muss. Also das Köpfchen gut schützen, denn hier wissen die Kicker derzeit nicht, was sie tun.

Zwei linke Hände: Seitenwechsler als Sündenbock

Man kann sich das Dilemma, in dem Felix Magath steckt, gut vorstellen: Als Retter wurde er zum FC Schalke 04 geholt – er sollte die Durststrecke beenden und die Meisterschale nach 1958 endlich wieder einmal nach Gelsenkirchen holen. Dummerweise ist der Erfolgscoach jedoch diesmal nicht wie zuvor in München und Wolfsburg mit einem üppigen Bankkonto ausgestattet. Er soll sich nicht nur als sportlicher Wunderheiler, sondern außerdem noch als knallharter Sanierer profilieren.

Dass von ihm die Quadratur des Kreises verlangt wird, hat Magath natürlich längst gemerkt. Dabei hatte er vermutlich erwartet, dass ihm die Bosse nach seiner ersten Saison bei den Königsblauen inklusive Vizemeistertitel und Champions League-Quali den Kader noch ein wenig verstärken würden. Das Gegenteil ist der Fall: Drei Viertel der besten Abwehrkette der Liga wurden verkauft, dazu mit Kevin Kuranyi der treffsicherste Torjäger nach Russland abgegeben. Dafür kamen Leute, die ihre besten Zeiten offenkundig bereits hinter sich haben. Wie Raúl, der es bei der Heimpleite gegen Hannover auf beeindruckende null Prozent gewonnener Zweikämpfe gebracht hat. Christoph Metzelder dagegen wurde vermutlich nur verpflichtet, damit die Mannschaft selbst bei anhaltender Pleitenserie ohne Stress von außen weiterarbeiten könnte. Die Fanwut würde sich sowieso nur auf den Ex-Dortmunder konzentrieren. Beim 1:2 gegen die Niedersachsen bekam Metzelder schon mal einen Vorgeschmack, wie sich das anfühlt, wenn man im Ruhrpott die Seiten wechselt.

Und die älteren der S04-Anhänger werden plötzlich von Panikattacken heimgesucht: 1987/88 starteten die Knappen ebenfalls mit Pleiten gegen den HSV und 96 – am Ende stieg Schalke ab.