Es ist aus! Gegen die spanischen Meister im Ballhalten lief die deutsche Mannschaft nur hinterher und verlor das Halbfinale verdient. Einfach zu viel ist zusammen gekommen: Stefan Galler räumt in der DHZ-WM-Kolumne auf mit Kraken, Iberern und macht den deutschen Fans Hoffnung.

Aus! Der schwarz-rot-goldene Traum ist geplatzt
Meisterbetrieb: Paul auf Spaghetti
Zweiter 2002, Dritter 2006 und nun wieder nicht Erster. Am Ende waren die 1:0-Spanier eben eine Nummer zu groß für unsere Elf und damit – das ist tröstlich – zwei bis drei Nummern größer als England und Argentinien. Immer noch besser, so zu verlieren als nach einem 90 Minuten-Power-Play durch einen unglücklichen Konter.
Es kam einfach zu viel zusammen: Das Votum von Krake Paul für Spanien vor dem Spiel, ein bisschen zu viel Ehrfurcht in den Hosen der Spieler, dazu das Fehlen des vor einem Jahr noch völlig unbekannten und nun offenbar unersetzlichen Thomas Müller sowie die denkbar bittere Tatsache, kein frühes Tor erzielt zu haben – quasi alles lief gegen die DFB-Elf.
Was bleibt Fußball-Deutschland jetzt zu tun? Natürlich erstmal die Urus putzen und Miro Klose den ewigen Torschützenrekord verschaffen. Dann den Iberern die Daumen drücken, damit wir wie bei den letzten beiden Weltmeisterschaften sagen können, wir sind jeweils gegen den späteren Champion ausgeschieden. Als nächstes hauen wir das unheimliche Tintenfisch-Orakel Paul in den Kochtopf und kochen uns Spaghetti Frutti die Mare, natürlich keine Paella.
Allen Männern mit langen Locken im Wet-Look sei noch der Tipp mitgegeben, sich die Haare zu schneiden, zu trocknen oder zumindest zu glätten – ihr Anblick könnte bei allen, die an den spanischen Torschützen Puyol denken, heftige Reaktionen auslösen.
Gesellenstück: Nackter Popo im Finale
Sie haben es ins Endspiel geschafft, unsere niederländischen Nachbarn und kaum einer sollte davon überrascht sein. Wie das Halbfinale gegen Uruguay allerdings gelaufen ist, das war sehr wohl verblüffend, schließlich haben sich die ersatzgeschwächten Südamerikaner keineswegs ergeben, nicht mal nach dem 36-Meter-Blattschuss von Oldie van Bronckhorst zum 1:0. Pech für die Urus, dass ihr bester Keeper, der nominelle Stürmer Luis Suarez wegen seiner unerlaubten Glanzparade im Viertelfinale gegen Ghana gesperrt war. Der hätte ihn bestimmt gehabt. Seine Kollegen liefen sich die Lunge aus dem Leib, glichen tatsächlich aus und wurden am Ende durch ein Abseitstor geschlagen. Und auch wenn Diego Forlán eine viel schönere Mähne trägt als der Spanier Puyol – nun sind also die von der Natur nicht ganz so gesegneten Sneijder und Robben im Finale. Beide haben sich im Laufe dieser WM übrigens als Kopfballspezialisten geoutet.
Apropos Robben: Der vergaß nach dem Spiel sogar kurzzeitig seine Verletzungsanfälligkeit und turnte wie ein Zirkusartist auf einer Werbebande umher, bis ihm einer seiner Mitspieler die Hose herunterzog. Blanker Popo am Kap? – Ganz egal, denn die Niederländer waren in Feierlaune und Holland-Berti van Marwijk sieht sich plötzlich in der Tradition von Rinus Michels und Ernst Happel – kein Wunder, dass der Coach sein Glück kaum fassen konnte.
Dabei hatten die Holländer nicht gerade brilliert und sich mehr mit körperlicher Präsenz denn mit spielerischer Klasse Respekt verschafft. Mark van Bommel etwa holzte sich durch die Uru-Elf und zeigte sich gänzlich verblüfft, als ihm der usbekische Schiri in der Nachspielzeit doch noch die Gelbe Karte zeigte. Seine erste im Turnierverlauf, was die Frage aufwirft, wie der bekennende Aggressiv-Leader das geschafft hat, während seine braven Bayern-Kollegen Müller und Klose im deutschen Team schon jeweils einmal zuschauen mussten.
Erstes Lehrjahr: Esel in der Wüste
Dass es nun die Brasilianer schon in der Runde der letzten Acht erwischen würde, hätte vermutlich keiner gedacht. Am allerwenigsten sie selbst, schließlich fehlt es den Samba-Kickern vom Zuckerhut vor allem an zwei Dingen: Demut und gesunder Selbsteinschätzung. Nach dem Führungstor im Viertelfinale gegen Holland hatten sich Robinho, Kaka und Co. wohl schon auf einer gigantischen Siegerparty an der Copacabana gesehen – doch anstelle heißer, leicht bekleideter Damen nahmen sich Sneijder, Kuyt und van Bommel der brasilianischen Belange an und kegelten den Rekordweltmeister aus dem Wettbewerb.
Die Brasilianer hätten es sich leicht machen und die im Stadion anwesende Paris Hilton als Negativ-Orakel, sozusagen als Paul ohne Saugnäpfe, brandmarken können. Doch stattdessen gingen die Fans erst einmal auf Rot-Sünder und Eigentor-Schussel Felipe Melo los, Dickerchen Ronaldo meldete sich aus der Heimat und riet dem Unglücksraben, seine Ferien besser nicht am Strand von Rio zu verbringen.
Das sollte sich auch der kurz nach dem Schlusspfiff entlassene Trainer Dunga hinter die Löffel schreiben. Er war bei den Anhängern wegen seiner destruktiven Taktik ohnehin mehr als umstritten, nach der Pleite wurde er als Esel beschimpft. Und im Verband regiert nun die nackte Panik: In vier Jahren ist man selbst Gastgeber der WM, da erwarten nicht weniger als 190 Millionen Brasilianer den Titel. Denn nicht nur den Kickern fehlt es an Demut und einer gesunden Selbsteinschätzung.
Zwei linke Hände: Hobby-Staatsmann mit drei Uhren
Dass auch Diego Maradona einen minimalen Hang zum Größenwahn hat, weiß jeder Fußball-Fan auf der Welt, schließlich wähnt sich der argentinische Nationalheilige längst als Dreiviertelgott. Die Deutschen haben ihn im Viertelfinale ziemlich unsanft aus dem Himmelreich in die Fußball-Hölle geschickt, prompt folgte der zumindest vorläufige Rücktritt der selbstverliebten Ikone.
Das Leben ist auch wirklich ungerecht, da musste sich Maradona noch im Vorfeld des Freundschaftsspiels gegen Deutschland im März über diesen unbekannten Flegel aufregen, der da auf dem Podium der Pressekonferenz Platz genommen hatte und ihm Aufmerksamkeit raubte. Und dann ballert eben jener Youngster die "Albiceleste" heim nach Buenos Aires. Jedenfalls weiß jetzt auch Don Diego, wer Thomas Müller ist.
Nicht wenige werden froh sein, dass Maradona nicht auch noch als Trainer Weltmeister geworden ist, vermutlich wäre er nie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Er hätte sich noch eine dritte Armbanduhr ans Handgelenk geschnallt, um auch immer zu wissen, wie spät es in Südafrika ist. Und die Welt wäre vor weiteren politischen Parolen des Hobby-Staatsmannes, zu dessen Freundeskreis Fidel Castro und der sozialistische venezolanische Präsident Hugo Chavéz zählen, vermutlich ebenfalls nicht sicher gewesen.
Ausgerechnet Maradona, der für ein gutes Honorar vermutlich sogar sein ach so geliebtes Heimatland verkaufen würde, generiert sich als Salon-Kommunist. Spötter behaupten ja, die Ärzte hätten damals bei Maradonas Magenverkleinerung noch an einer anderen Stelle einiges weggenommen, und zwar knapp unterhalb der schwarzen Lockenpracht.