Jetzt geht’s also ans Eingemachte: Unsere Jungs treffen im WM-Viertelfinale auf die Gauchos und ihren emotionalen Einpeitscher an der Seitenlinie: Diego Maradona, neuerdings der Bart Gottes und längst nicht mehr mit gewöhnlichen menschlichen Maßstäben in die alles andere als konventionelle Fußballwelt einzuordnen. WM-Kolumne von Stefan Galler
Deutschland – Argentinien: Lichtgestalten versus kleines dickes Teufelchen
Meisterbetrieb: Lichtgestalten versus kleines dickes Teufelchen
Wo die Balltreterbranche schon als leicht gaga gilt, ist immer noch ein Riesenschritt, bis man beim durchgeknallten Schutzpatron aller Argentinier ist. Seine Eskapaden sind Legende, sein Lebenswandel lässt jeden Moralapostel die Hände vors Gesicht schlagen. Und doch scheint er in seiner Rolle als Motivator an der Linie seine Daseinsberechtigung zu haben. Auch wenn Aufstellung und Taktik vermutlich andere für ihn ausbaldowern.
Und trotz Paradiesvogel Diego, Wunderdribbler Messi und der Zauber-Offensive mit Higuain und Tevez gibt es genügend Gründe dafür, dass Deutschland die Argentinier an den Rio de la Plata zurückschickt: Zunächst mal hat sich nach Kaiser Franz mit dem brasilianischen Fußball-König Pele (in seiner Heimat "O Rei" genannt) noch eine weitere Lichtgestalt des Fußballs als Fan der Deutschen geoutet. Zwei Engelchen werden doch wohl das kleine dicke argentinische Teufelchen im Zaum halten.
Außerdem haben wir mit dem Neu-Bomber Thomas Müller einen erfrischenden Shooting-Star, der stets einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Schon jetzt ist Kult, wie er nach dem England-Spiel die Pressekonferenz abbrach mit der Begründung, er müsse duschen, weil sich von seinem Gestank schon die Mikrofone bögen.
Der Hauptgrund für den Sieg der DFB-Elf ist jedoch das berühmte Tintenfisch-Orakel: Oktopus "Paul" aus dem Sea Life in Oberhausen hat sich bei einem Experiment für den Köder im deutschen Behälter und gegen den argentinischen entschieden. Allerdings erst nach langer Bedenkzeit. Wird wohl mindestens in die Verlängerung gehen am Samstag…
Gesellenstück: Knacki auf der Trainerbank
Wenn es doch nicht klappen sollte, bleibt uns wenigstens der Trost, zuletzt den Engländern eine böse Lehrstunde verpasst und endlich Rache genommen zu haben für Wembley – den gestohlenen WM-Titel von 1966. Während die "Three Lions" damals auf einen russischen Linienrichter zurückgreifen mussten, sprang uns ein Schiri-Assistent aus Uruguay mit offenbar melonengroßen Tomaten auf den Augen zur Seite. Es ist übrigens nur ein ganz böses und politisch durch und durch unkorrektes Gerücht, dass die Familie des Linesman Deutschland erst nach dem Krieg verlassen hat, um in Südamerika ein neues Leben anzufangen.
Apropos neues Leben: Wird David Beckham tatsächlich neuer England-Coach und damit Nachfolger von Fabio Capello? Es gibt exakt drei Gründe, die dafür sprechen: Erstens ist "Becks" angesichts seines bevorstehenden Karriereendes vermutlich ziemlich scharf darauf, möglichst schnell einen Folgejob zu finden, sonst muss er am Ende noch den Großteil seiner Zeit mit seiner Frau verbringen. Zweitens wird der doch ziemlich augenfällig tätowierte junge Mann so leicht keine Festanstellung finden, seine Arme sehen ja aus wie die von einem Knacki. Und drittens macht es Argentinien doch gerade vor, dass man auch mit oder trotz einer peinlichen Figur am Spielfeldrand erfolgreich sein kann.
Erstes Lehrjahr: Linker Säger in orange
Als erstes kämpfen am Freitagnachmittag Holländer und Brasilianer um den Einzug ins Halbfinale. Dabei sind die Oranje plötzlich krasser Außenseiter, was nicht nur an der extrem abgebrühten Vorstellung des Rekordweltmeisters gegen Chile liegt. Vielmehr haben die Niederländer wie so oft mit sich selbst zu kämpfen. Davor sind sie nicht einmal jetzt gefeit, wo der autoritäre Holland-Berti van Marwijk als Trainer die Fäden zieht und zudem sein Schwiegersohn Mark van Bommel als Hilfssheriff im Kader für Ruhe sorgt.
Man muss sich das so vorstellen: van Bommel tut vorneherum so, als wäre er einer aus der verschworenen Mannschaft, reißt selbst die lautesten Witze über den Coach – und läuft nachts Patrouille im Hotel, damit ja keiner ausbüxt. Oder er animiert seine Kumpels zum Kampftrinken, um anschließend die Minibar-Rechnung beim Vater seiner Frau abzugeben. Kein Wunder, dass da beim ein oder anderen die Nerven blank liegen.
Robin van Persie etwa, der eigentliche Vorzeige-Schwiegersohn der Elftal, legte sich nach seiner Auswechslung im Achtelfinale gegen die Slowakei gewaltig mit van Marwijk an. Jeder dachte, es geht darum, dass er gerne durchgespielt hätte. Dabei wollte sich van Persie nur über den linken Säger im Team beschweren. Dann wünschen wir unseren Nachbarn, dass wenigstens gegen Brasilien alle an einem Strang ziehen.
Die Wohnwagen-Fraktion hat übrigens auch eine Lichtgestalt, nämlich Johann Cruyff. Und der hat sich schon mal öffentlich positioniert: Er würde nie ein Ticket kaufen, um sich ein Spiel der Brasilianer anzuschauen – zu uninteressant sei deren Spielweise. Nur gut, dass der Mann überall Freikarten bekommt.
Zwei linke Hände: Mister Testosteron ohne Manieren
Tor-Gala gegen Nordkorea, Nullnummer gegen Brasilien – Endstation Spanien. Für Dauer-Geheimfavorit Portugal ist die WM wieder mal vorzeitig vorbei. Und das nicht zuletzt deshalb, weil Cristiano Ronaldo im Achtelfinale vom breitbeinigen Cowboy in nicht einmal 20 Minuten zum unsichtbaren Phantom mutierte. Der Boulevard machte ihn prompt zum "94-Millionen-Blender" und prangerte zudem an, dass sich der Schönling beim Abgang nach dem Ausscheiden auch noch eine böse Entgleisung geleistet hatte: Er rotzte eine satte Ladung nur um Zentimeter an einer TV-Kamera vorbei. Abgesehen davon hielt es Ronaldo noch nicht mal für nötig, seinen Real-Kollegen Ramos, Casillas und Xabi Alonso zum Weiterkommen zu gratulieren.
Da ist also gute Stimmung beim Trainingsauftakt demnächst schon mal vorprogrammiert. Aber auch in den eigenen Reihen hat der Fußballer mit dem größten Ego unter der Sonne schon mal reichlich Erde angesengt: Er legte sich mit Nationaltrainer Queiroz an, woraufhin jener entgegnete, dass das Nationaltrikot wohl manchem Spieler zu eng sei. Mister Testosteron Cristiano, der dem Körperkult frönt wie kein anderer, sollte die Muskeln mal ein bisschen abschwellen lassen, sonst wird man ihn im Nationaltrikot bald gar nicht mehr sehen, nicht mal als breitbeinigen Cowboy.
