Duran Dolu kümmert sich für die Handwerkskammer München um potenzielle Bewerber mit Migrationshintergrund.
Frank Muck
Der Prophet als gutes Beispiel
Wenn Duran Dolu nicht mittendrin ist, ist er auch nicht dabei. Der 43-jährige Politologe ist Ausbildungsakquisiteur bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern und als solcher kümmert er sich um potenzielle Bewerber mit Migrationshintergrund. Dolu bringt zusammen, was bisher zu selten zusammenkam: deutsche Betriebe und Lehrlinge mit türkischen Wurzeln.
"Wir gehen direkt in die türkischen Communities."
Dafür muss er raus zu den Leuten und darf sich nicht nur in seinem Büro ans Telefon hängen, um zu werben, denn Erfolg hat er nur, wenn er sich bei seiner Zielgruppe bekannt macht. Wer dort unbekannt ist, findet auch keine Akzeptanz. "Wir gehen direkt in die türkischen Communities", erläutert Dolu seine Strategie. Ziel ist es, die Berufsorientierung der türkischen Jungs und Mädchen zu fördern und sie auf die Möglichkeit einer Handwerksausbildung aufmerksam zu machen. Denn auch wenn sie im entsprechenden Alter sind, in dem man sich langsam für einen Beruf entscheidet, wissen sie nicht viel darüber.
Im Gegensatz zu vielen deutschen Jugendlichen nehmen sie nach Dolus Erfahrungen die Berufswahl und eine Ausbildung nicht Ernst genug. Ein Entwicklungssprung folge oft erst mit 18 Jahren oder älter. Von den Eltern überbehütet, stolpern sie mehr oder weniger unvorbereitet in ein Leben nach der Schule. Weil sie von den vielen Möglichkeiten nichts wissen, bleiben sie dem Ausbildungsmarkt verborgen und verdienen sich zum Beispiel im Geschäft ihres Onkels ihren Lebensunterhalt.
"Es ist sehr wichtig, das Vertrauen der türkischen Eltern zu gewinnen."
Oft sind dann eben nicht die Jugendlichen selbst das primäre Ziel Dolus, sondern ihre Eltern. Ohne deren Autorität laufe in der türkischen Lebenswelt nicht viel. "Es ist sehr wichtig das Vertrauen der türkischen Eltern und der Multiplikatoren zu gewinnen, damit diese Gruppen einem ihre Ohren, Türen und Herzen öffnen", sagt Dolu. Wenn sie ihren Kindern nahe bringen, wie wichtig eine Ausbildung ist, ist die Bereitschaft bei den Teenagern viel größer, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Deshalb ist es für den Vermittler wichtig, sich in ihren Milieus zu bewegen und sich dort bekannt zu machen. Denn Dolu weiß: "Wenn sie mich kennen, hören sie mir besser zu."
Vor rund 800 Leuten in Regionalvereinen, religiösen oder weltanschaulichen Gruppierungen hat er in den vergangenen neun Monaten Vorträge gehalten, sie besucht oder beraten. So macht sich Dolu nach und nach zum akzeptierten Experten. Eltern und Schüler versucht er, für das Thema Beruf und Ausbildung zu sensibilisieren, etwa für die Wandlung der Arbeitswelt oder die Frage der Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben. Dafür greift er gern auf einen kulturell türkischen Hintergrund zurück, etwa wenn er den Reiseschriftsteller Evliya Celebi zitiert, der im Mittelalter dokumentiert hat, dass alle Propheten einen Beruf erlernen mussten. Der Prophet als Vorbild. Für eine monatlich erscheinende türkische Zeitung schreibt er eine Kolumne, in der er all diese Themen immer wieder aufgreift.
Kontakt in der Muttersprache kommt an
Der quasi-behördliche Hintergrund durch die Handwerkskammer kommt bei den Eltern besonders gut an, gerade auch weil sie das Gefühl haben, dass sich die "Behörde“ interkulturell öffnet. Man werde Ernst genommen und "die Reaktion ist gleich possitiver". Klar ist auch: Berater mit türkischem Migrationshintergrund und türkisch als Erstkontaktsprache kommen bei den Jugendlichen sehr gut an.
Duran Dolus Werben trägt langsam Früchte. Die Zahl der Anrufe türkischer Schüler und Eltern in der Kammer wächst. Auch kürzlich beim Aktionstag seien einige türkische Besucher dagewesen, berichtet er. Was noch fehle, seien die Betriebe, die sich dem türkischen Nachwuchs öffnen. Dolus Ansicht nach sollten die Inhaber bei der Auswahl ihrer Lehrlinge auch andere Kriterien ansetzen als nur schulische Leistungen. Mit den interkulturellen Kompetenzen und der Zweisprachigkeit neuer Lehrlinge oder Fachkräfte könnten die Betriebe zum Beispiel neue Zielgruppen für ihre Dienstleistungen erschließen. Nachwuchsprobleme zwingen inzwischen viele Betriebe dazu, sich Bewerbern mit Migrationshintergrund zu öffnen. Eine Innung hatte Dolu vor kurzem eingeladen, sein Projekt vorzustellen und deutlich zu machen, wie man an diese Jugendlichen rankommt. Auch hier ist er gerne vor Ort, denn der Bedarf ist da.
Kontakt: Handwerkskammer München, Duran Dolu, Tel. 089/5119 -428, duran.dolu@hwk-muenchen.de , hwk-muenchen.de. In Bayern gibt es fünf Ausbildungsakquisiteure für Jugendliche mit Migrationshintergrund, fünf für Türken und zwei für Russlanddeutsche: hwk-bayern.de