Wer über die WM in Südafrika spricht, kommt an der außergewöhnlichen Sound-Kulisse einfach nicht vorbei. Vuvuzela heißt das Wunderinstrument, das jeden noch so sangesfreudigen Fußball-Anhänger zum Statisten degradiert. Die deutsche Elf kann vielleicht einen Nutzen daraus ziehen, indem sie die Gegner einfach wegtrötet. WM-Kolumne von Stefan Galler
Tröten bis zum Titel
Meisterbetrieb: Sehende und Geheilte
Neulich hat sich ein Moderator im Österreichischen Rundfunk zur WM geäußert: Kalt sei es in Südafrika, dazu der Lärm im Stadion und überhaupt seien auch noch ein Haufen Deutsche da: "Guat, dass ma do ned hin miassen", sagte der wackere Mann aus der Alpenrepublik. Es sei ihm mitgeteilt worden, dass die Deutschen vermutlich auch noch länger da bleiben werden – der Auftritt im Auftaktspiel gegen Australien gibt jedenfalls Anlass zu den größten Hoffnungen.
Da dürfte den Engländern aber ganz schön die Düse gehen, schließlich würden sie als Gruppenzweiter schon im Achtelfinale auf die Jogi-Truppe treffen, sofern diese ihre Gruppe gewinnt. Doch daran kann es eigentlich keinen Zweifel mehr geben.
Zumal nun klar ist, dass Poldi und Miro einfach das DFB-Gen haben – die können in der Liga noch so planlos durch die Gegend laufen, mit dem Adler auf der Brust werden sie zu Giganten. Wenn sie jetzt noch dem Kollegen Gomez mitteilen, wie man verloren gegangene fußballerische Fähigkeiten reaktiviert, dann gäbe es endgültig keinen mehr im Team, der das funktionierende Ensemble durch Dilettantismus stört.
Ein anderer wird nach einer sensationellen Saison mittlerweile wie eine bislang unbekannte Spezies betrachtet: Thomas Müller setzt seinen Höhenflug auch in Südafrika fort und begegnet Leuten, die kein Hehl daraus machen, ihm derart starke Leistungen wie jene gegen Australien nicht zugetraut zu haben, mit klaren Worten: "Nur, weil ich erst ein Jahr dabei bin, heißt das ja nicht, dass ich ein Blinder bin."
Gesellenstück: Nervtötende Kap-Hörner
Wer über die WM in Südafrika spricht, kommt an der außergewöhnlichen Sound-Kulisse einfach nicht vorbei. Vuvuzela heißt das Wunderinstrument, das jeden noch so sangesfreudigen Fußball-Anhänger zum Statisten degradiert. Bis zu 130 Dezibel hauen die Plastiktröten raus, da müssen 20.000 betrunkene Engländer ganz schön grölen, um diesen Wert zu erreichen. Selbst eine Kettensäge schafft nur 120 Dezibel, gut vorstellbar, dass zumindest die südafrikanischen Fußballer angesichts des Lärms ein Stück schneller laufen, schließlich haben sie immer die Assoziation, dass ein irrer Serienkiller hinter ihnen her ist.
Beim Eröffnungsspiel reichte es für "Bafana, Bafana" dennoch nur zu einem 1:1 gegen Mexiko, weil die Sombrero-Träger sich trotz des summenden Klangs der Blasinstrumente nicht unter ein Moskitonetz geflüchtet hatten, sondern bis zum Schluss auf dem Platz standen und kurz vor Ende zum 1:1-Ausgleich trafen. Dass gegen die Vuvuzelas weder "Autan", noch Lobbyismus etwas ausrichten kann, mussten schon diverse Fußballstars erkennen: Spanische Stars und der deutsche Bundestrainer versuchten mit aller Macht, die nervtötenden Kap-Hörner aus den WM-Arenen verbannen zu lassen. Mit wenig Erfolg, denn FIFA-Boss Blatter stieg höchstselbst als Tröten-Anwalt in die Bütt – und erwirkte, dass der zweifelhafte Ohrenschmaus aus folkloristischen Gründen unter Naturschutz gestellt wurde.
Wir würden niemals wagen, nachzuplappern, was besonders bösartige Leute vermuten: Nämlich dass sich der umtriebige Fußball-Seppl aus der Schweiz vielleicht im Vorfeld der WM die Beteiligung an einer Vuvuzela-Fabrik gesichert hat – und zwar von den Zuwendungen, die er zuvor einkassiert hatte, um die WM in einem der gefährlichsten Länder der Welt stattfinden zu lassen.
Erstes Lehrjahr: Auserwählter Amateur
Immer diese Klischees. Wir wollen so etwas einfach nicht mehr hören. Dass Russen sich am Buffet andauernd den Teller vollladen und dann nicht leeressen. Dass Finnen einen Hang zur Depression haben, Tschechen zu viel trinken, Griechen chronisch pleite sind und wir Deutsche zur übertriebenen Pedanterie neigen. Und erst recht nicht diese hässliche Behauptung, dass englische Torhüter keinen Schuss halten. Also noch nicht mal einen, den ein gegnerischer Stürmer aus 20 Metern abfeuert und nur halbvoll trifft. So ein Käse!
Na gut, diesen Hoppelball der Amerikaner am Samstagabend in Rustenburg, den hätte möglicherweise der dritte Torwart der Rostocker C-Junioren mit der Mütze gefangen. Englands auserwählter Keeper, Robert Green, musste die Kugel – ein bisschen unglücklich, würden seine Freunde sagen – passieren lassen. Aber so etwas kommt halt vor, wenn sich die besten Fußballer der Welt treffen. Schließlich heißt es ja "Fußball-WM" und nicht "Torwart-WM". Also soll sich auch keiner wundern, dass im Kasten der "Three Lions" offenbar ein völliger Amateur steht. Er ist ja auch wie gesagt nur auserwählt – und nicht wie die Queen oder David Beckham von Gottes Gnaden in seine Position gehievt worden.
Und deshalb ist zu befürchten, dass es von dem braven Green in den nächsten Wochen nicht mehr viel zu berichten geben wird. Denn der englische Nationaltrainer ist weder Russe noch Tscheche, sondern ein Italiener – und denen eilt das hässliche Klischee voraus, dass sie nichts weniger mögen als Gegentore.
Zwei linke Hände: Les Blöds gegen Hackerbräu
Wer am Freitag ein Date mit seiner Liebsten abgesagt hat, weil er sich in aller Ruhe das vermeintliche WM-Spitzenspiel der beiden Ex-Weltmeister Frankreich und Uruguay anschauen wollte, dürfte mit dem Gedanken spielen, dem Fußball ein für alle Mal abzuschwören.
All zu übel war das Gebotene und wer die letzten paar Jahre in einer Höhle auf Guadeloupe verbracht hat, der dürfte seinen Augen nicht getraut haben: Das sollten jene Franzosen sein, die einstmals ein ganzes Land in Verzückung versetzt haben und vor vier Jahren als zweitbestes Team der Welt aus Deutschland heimgefahren sind? Aus den "Bleus" sind jedoch mittlerweile "Les Blöds" geworden – obwohl sich das Personal in den letzten Jahren gar nicht so großartig verändert hat. Da kicken immer noch Anelka, Malouda, Henry, Gallas, Abidal und Gouvou. Nur Zidane ist nicht mehr dabei, dafür soll Ribéry, der 2006 noch ein Lehrling war, jetzt die erste Geige – oder, besser gesagt – die erste Vuvuzela, spielen.
Gegen Uruguay hatte er noch nicht mal eine Triangel dabei. Das französische Spiel holperte gewaltig – und jeder Beobachter, der ob des Rumpelfußballs der Equipe Tricolore total irritiert war, konnte rund acht Minuten vor Schluss ein wenig durchatmen, als zumindest das andere Team allen Erwartungen gerecht wurde: Der Uruguayer Nicolas Lodeiro grätschte Frankreichs Sagna mit Schmackes aus den Socken und durfte nur 18 Minuten nach seiner Einwechslung – vom Referee mit Gelber und Roter Karte seiner Aufgaben enthoben – schon wieder in die Kabine entschwinden.
Da war sie wieder, die hässliche Fratze des südamerikanischen Knochenpolierers. Nicht nur die Bier affinen bayerischen Fußball-Anhänger wissen ganz genau, wieso sich "Hackerbräu" so schön auf "Uruguay" reimt.
