50 Jahre Jogi – das ist doch eigentlich schon per se ein Grund zum Feiern. Und dass der Mann nun zunehmend an die Altersvorsorge denkt, auch wenn kaum ein graues Haar sein Haupt ziert, darf man ihm wahrlich nicht übel nehmen. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Ich-AG oder Bora für Deutschland?
Meisterbetrieb: Augenschmaus für Modebewusste
Schon phänomenal, die Psyche der Fußball-Trainer. Vermutlich würde man den emotionalen Stress im Profigeschäft gar nicht aushalten, wenn man nicht – zumindest ganz leicht – einen an der Waffel hätte. Man nehme etwa die vertauschten Reaktionen mancher Übungsleiter auf Erfolg und Misserfolg. Thomas Schaaf zum Beispiel, wir hatten das schon, ist nur dann freundlich, wenn seine Bremer richtig grottig kicken. Auch Bayern-Coach Louis van Gaal hat es offenbar nicht so mit der objektiven Betrachtungsweise. In der Vorrunde wurde so manches üble Gegurke seiner Elf zum unvergleichlichen Augenschmaus hochstilisiert, dafür quittierte er den starken Auftritt am Samstag in Wolfsburg ziemlich schmallippig: "Ich bin sehr böse."
Gut, sein Team hatte gerade den amtierenden Deutschen Meister ziemlich auseinandergenommen, am Ende klar und deutlich mit 3:1 die Oberhand behalten und den Abstand zu Tabellenführer Leverkusen auf mickrige zwei Törchen zusammen schmelzen lassen. Der strenge Holländer aber prangerte die nachlässige Abwehr und die mangelhafte Chancenverwertung an, warf seiner Elf Arroganz vor.
Früher, zu Zeiten von Beckenbauer und Breitner oder auch in der Ära Matthäus, Kahn und Effenberg, wäre das beim FC Bayern vielleicht noch als Kompliment durchgegangen. Heute offenbar nicht mehr: Widerspruch kam nämlich prompt, vor allem vom abermals überragenden Arjen Robben. Einer, der ohne Scham in langen Unterhosen durch die Republik rennt, will schließlich alles genannt werden, aber nicht arrogant. Wie wäre es mit dem Attribut "modebewusst"? Immerhin hat Robbens hellgraue Schmuddelhose seit dem DFB-Verbot ausgedient. Rot in rot lustwandelt der Holländer nun durch fremde Deckungen – auch für van Gaal ein echter Augenschmaus.
Gesellenstück: Drohender Vize-GAU
Sie spüren ihn immer deutlicher, den heißen Atem des übermächtigen Verfolgers. Spät kassierte Bayer Leverkusen im Auswärtsspiel beim VfL Bochum noch den 1:1-Ausgleich, womit die Münchner punktemäßig aufschließen konnten zur Heynckes-Elf. Und da setzt nun wieder mal das hohe Spiel der Psychologie ein, schließlich handelt es sich bei der Werkself mitnichten um einen Verein, der gar nicht weiß, wohin mit all den riesigen Trophäen, die er Jahr für Jahr nach Hause schleppt. Und auch der Briefkopf ist seit 16 Jahren unverändert, denn "Vizepokalsieger 2009" brauchte man ebenso wenig draufzuschreiben wie "Vizemeister 1997, 1999, 2000 und 2002“ oder etwa "Champions-League-Vizesieger 2002". Jaja, wer den Spott hat, der ist eben auch ein leichtes Ziel.
Selbst bei den Fans eines chronisch erfolglosen Klubs wie Bochum, die von den Entwicklungen am Samstag gleich so euphorisiert waren, dass sie den Bayer-Profis das obligatorische „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ entgegen rotzten. Dabei droht Leverkusen in diesem Jahr sogar der totale "Vize-GAU": Sie könnten der erste Klub in der Bundesligageschichte werden, der die ganze Saison ungeschlagen übersteht und dennoch nur Vize- Meister wird.
Erstes Lehrjahr: Ich-AG oder Bora für Deutschland?
50 Jahre Jogi – das ist doch eigentlich schon per se ein Grund zum Feiern. Und dass der Mann nun zunehmend an die Altersvorsorge denkt, auch wenn kaum ein graues Haar sein Haupt ziert, darf man ihm wahrlich nicht übel nehmen. Die Tatsache, dass Bundestrainer Löw und sein Stab mit ihren scheinbar doch etwas maßlosen Forderung in den Punkten Knete und Kompetenz bei DFB-Präsident Theo Zwanziger auf Granit gebissen haben, wirft nun diverse Fragen nach der Motivation für die Handlungsweisen der Akteure auf: Hat Manager Oliver Bierhoff vielleicht endlich eine "Ich-AG vom Starnberger See" gegründet, was ihm Bayern-Vorstand Kalle Rummenigge schon vor Jahren vorgeworfen hatte, und braucht er die geforderte Prämie in Höhe eines Jahresgehalts vielleicht für seine erste Kapitalerhöhung? Will Löw seine Einmalzahlung in plastische Chirurgie investieren, um endgültig wie Tom Cruise auszusehen? Hat Sportdirektor Matthias Sammer im Hintergrund beim DFB gegen Löw und seine Männer intrigiert?
Vielleicht, um nach so vielen Jahren ein Tabu in diesem Land zu brechen: Ein Ossi kann nicht nur Bundeskanzlerin sein, sondern sehr wohl auch Bundestrainer! Und will Theo Zwanziger wie seine Präsidentenkollegen in der dritten Welt endlich mal den harten Hund markieren und einen Bundestrainer ein paar Wochen vor einem großen Turnier feuern, um dann wahlweise Weltenbummler Bora Milutinovic oder den mittlerweile 83-jährigen Fußball-Missionar Rudi Gutendorf zu engagieren? Heiße Fragen, auf deren Beantwortung wir uns sehr freuen.
Zwei linke Hände: Doppelmoralische Monarchisten
Wenn wir schon über die Weltmeisterschaft philosophieren, wollen wir zum Abschluss noch nach England schauen, schließlich sind die Briten scheinbar schon so richtig in WM-Laune, wie man anhand der Kampagne der dortigen Boulevardmedien gegen die neuen Auswärtstrikots der deutschen Nationalelf sehr schön feststellen konnte: Sie verglichen die schwarzen Jerseys mit den SS-Uniformen im Zweiten Weltkrieg. Schon kurios, dass sich über diesen in höchstem Maße unerträglichen Vergleich auf der Insel offenbar niemand aufregte, in anderen Bereichen agieren die Monarchisten nämlich sehr wohl als Moralisten.
Man nehme die aktuellen Probleme ihres Teamkapitäns John Terry, der ja eigentlich nur Gutes im Sinn hatte, als er sich dem Unterwäschemodel Vanessa einließ: Deren Liaison mit Terrys Kollegen Wayne Bridge war gerade in die Brüche gegangen und vermutlich wollte Chelsea-Profi Terry der Dame lediglich ein bisschen über ihren Trennungsschmerz hinweghelfen. Nur doof, dass der harte Abwehrspieler so ganz nebenbei angeblich glücklich verheiratet ist und 2008 zum "Daddy des Jahres" gewählt wurde. Dass dieses Votum von einer Ketchup-Firma kam, relativiert da schon einiges. Übrigens auch die Biographie Terrys, der schon betrunken durch Striplokale torkelte, dem Affären mit Teenie-Fans nachgesagt wurden und dessen peinliche Pinkel-Vorlieben – er kann in der Chelsea-Kabine immer nur am rechten Pipi-Becken – auch schon den Boulevard beschäftigt haben.
All das perlte bislang ohne Konsequenzen vom 29-Jährigen ab. Doch die aktuelle Affäre kostete ihn zumindest schon mal das Amt des englischen Kapitäns. Klar, sein Trainer dort ist schließlich Fabio Capello – und die Italiener sind bekanntlich mindestens genauso moralisch wie die Engländer. Und so droht wohl abgesehen von allen privaten Scharmützeln auch bei Terrys Heimatklub noch Ungemach. Sein Coach dort heißt nämlich Carlo Ancelotti und ist ebenfalls mindestens römisch-katholisch.
