Auf einer Hundeschlittentour können Besucher im Nordzipfel des oberösterreichischen Mühlviertels ihre Sehnsucht nach Abenteuer stillen. Von Ulrich Steudel
Im Böhmerwald ruft die Wildnis
Johnny und Duke freuen sich tierisch. Die Temperamentsbolzen springen wie wild durch den Schnee, lassen sich kaum im Zaum halten. Sie wollen jetzt nur eines: laufen, laufen, laufen. Immer wieder zucken die Sibirian Huskys nach vorn, aber noch hält die Bremse den Schlitten zurück. Dann geht es endlich los.
Tief haben sie sich in unsere Sehnsüchte eingegraben, die Bilder aus dem Nordwesten Kanadas, wo die Trapper mit ihren Hundeschlitten durch endlose, tiefverschneite Wälder gleiten – Symbol grenzenloser Freiheit. Wer wie einst Jack London dem Ruf der Wildnis folgen möchte, muss aber nicht nach Amerika aufbrechen. Gut zwei Autostunden von München entfernt, empfängt im Nordzipfel des oberösterreichischen Mühlviertels der Böhmerwald seine Gäste mit einer winterlichen Bilderbuchlandschaft, deren romantische Reize einst Adalbert Stifter ausschweifend beschrieben hat.
Jetzt sind Johnny und Duke, die Husky-Brüder, in ihrem Element. Leichtfüßig jagen sie durch den tiefverschneiten Wald, die Zweige der Bäume sind von Raureif glasiert. Der Schnee knirscht unter den Kuven, an deren Oberseite alte Fahrradreifen dem zweibeinigen Führer des Schlittengespanns, Musher genannt, einen festen Tritt bieten.
Doch wer glaubt, dass es bei einer Hundeschlittenfahrt so gemächlich zugeht wie bei einem Ausflug mit der Pferdekutsche, der irrt gewaltig. Nicht selten muss der Musher den Huskys helfen, muss wie beim Rollerfahren mit einem Bein anschieben oder laufend die nächste Steigung hinaufhetzen, manchmal bis die ersten Schweißtropfen in den Frost perlen.
Vor acht Jahren haben sich Sylvia und Martin Mahringer einen Traum erfüllt. Zusammen mit sieben Huskys sind sie nach Grünwald gezogen, einem kleinen Örtchen am Fuße des 1.077 m hohen Bärensteins, und haben dort die Mountain Wolf Farm gegründet. Man könnte die beiden Aussteiger nennen oder auch Einsteiger, je nach Sichtweise. Jedenfalls hat ihre Idee, in den Weiten des Böhmerwaldes mit Schlittenhundetouren einen Anziehungspunkt für Abenteurer zu schaffen, Früchte getragen. Rund 100 Schlittenhunde haben die Mahringers großgezogen. Gegenwärtig leben 37 Sibirian Huskys, Malamutes und Grönlandhunde sowie drei Welpen auf der Farm. Die Gäste können hier einen Schnupperkurs absolvieren oder das Musherdiplom ablegen. Es gibt Kindercamps und Firmenprogramme. Während die Anfänger mit zwei Huskys vor dem Schlitten eine Schleife von 6,5 km in Angriff nehmen, können Experten längere Trails anpeilen, bis hin zur großen Böhmerwaldrunde über 50 km, die sogar hinüber nach Tschechien führt.
Allmählich werden Johnny und Duke ruhiger. Die Hatz durch den Schnee hat auch den ausdauernden Hunden Kraft gekostet. Brav lassen sich die Huskys den Gurt abnehmen, dann saufen sie ihre Wasserschale leer. Den Musher zieht es an den Ofen der nahen Blockhütte, wo es eine schwere Entscheidung zu treffen gilt: Für einen heißen Früchtetee oder doch lieber ein Bier, das hier Wolfsblut heißt.