Es könnte eine ziemlich üble Woche für Louis van Gaal und die Bayern werden. Sogar noch ein bisschen übler als die meisten der bisherigen Wochen in dieser Saison. Bundesliga-Kolmune von Stefan Galler
Trister Herbst
Meisterbetrieb: Trister Herbst
Grau und trist, so wie man sich den Herbst vorstellt, sind diese Tage für den deutschen Fußball. Und darum soll an dieser Stelle mal ausnahmsweise nicht gefrotzelt, gespottet oder gar veräppelt werden. Vielmehr sind gute Wünsche angesagt: Zum Einen, dass der Selbstmord von Robert Enke tatsächlich zu einem menschlicheren Umgang miteinander führt und die beinahe grotesk anmutende öffentliche Anteilnahme nicht nur ein kurzes Strohfeuer oder gar der kollektiven Sensationsgier geschuldet war. Zum anderen, dass man, wie es DFB-Präsident Theo Zwanziger formuliert hat, den Fußball nicht größer macht als er ist: Es geht bei allem finanziellen Wahn immer noch nur um gewinnen und verlieren, nicht um Leben und Tod.
Und deshalb muss man wohl auch versuchen, das zweite schlimme Thema dieser Wochen, den womöglich größten Wettskandal in der Geschichte des Weltfußballs, mit der gebotenen Gelassenheit zu sehen. Natürlich ist es nicht schön, wenn man schon bei Juniorenspielen oder Freundschaftskicks im Trainingslager das Gefühl haben muss, man bekommt keinen ehrlichen Sport geboten, weil irgendwelche Kriminellen mit einer getürkten Wette einen Batzen Geld verdienen wollen.
Aber aus der Affäre den unmittelbar bevorstehenden Untergang der Balltreterei zu konstruieren, geht dann doch ein bisschen weit. Noch einmal sei der Verbandsboss zitiert: "Wir sind nicht besser oder schlechter als die Gesellschaft. Wir müssen aber durch ein klares und konsequentes Handeln den Fans das Vertrauen zurückgeben." Dieser Zwanziger ist kein falscher Fuffziger sondern ein echter Fußball-Weiser.
Gesellenstück: Von Wölfen und Schäfern
Auch wenn die Grundstimmung in der Bundesliga düster ist, leuchten zumindest hie und da größere Hoffnungsschimmer. So ist in den Abstiegskampf am Wochenende ziemlich Bewegung gekommen, sieht man von den ehemaligen Meisterschaftsaspiranten Stuttgart und Hertha ab, die nach ihrer Punkteteilung weiterhin auf der Stelle treten. Aber Bochum und Nürnberg haben sich eindrucksvoll zurückgemeldet, der VfL mit einem Sensationscoup in Hamburg und die Clubberer durch ein 3:2 in Wolfsburg.
Allerdings sprach hinterher kaum einer über die veritable Überraschung, die der Aufsteiger beim Deutschen Meister hinbekommen hatte. Stattdessen echauffierte sich jeder über den Brutalo-Fußball der Franken, die es nur der Gnade und der Sehschwäche von Schiedsrichter Markus Schmidt zu verdanken hatten, den Schlusspfiff komplett erleben zu können. Zunächst machte Andreas Wolf klar, dass er die Wölfe keineswegs als Artgenossen ansieht und polierte Dzeko mit einem Kung-Fu-Tritt das Gesicht. Schiri Schmidt entschied zwar auf Freistoß, der fällige Platzverweis blieb jedoch ebenso aus wie kurz darauf, als es FCN-Schlussmann Schäfer seinem Namen entsprechend mit Wölfe-Leit-Wolf Misimovic aufnahm und ihm mitten in die Familienjuwelen trat. Im Anschluss an ihre Schandtaten spielten Wolf und Schäfer – wenig überraschend – jeweils das Unschuldslamm. Aber bei aller Fabel-Metaphorik darf man nicht vergessen, dass vermutlich der gewinnbringende Konter der Nürnberger nicht stattgefunden hätte, wenn zumindest einer der beiden Missetäter regelkonform vom Platz geflogen wäre: Die Wölfe waren nämlich so punktehungrig, dass sie am Schluss alle nach vorne liefen und den Franken damit die Beute komplett überließen.
Erstes Lehrjahr: Bedrohliche Woche
Es könnte eine ziemlich üble Woche für Louis van Gaal und die Bayern werden. Sogar noch ein bisschen übler als die meisten der bisherigen Wochen in dieser Saison. Es ist zwar kein weiteres Exklusiv-Interview eines unzufriedenen Nationalspielers in Planung, dafür drohen innerhalb von sieben Tagen das Champions-League-Aus, eine Jahreshauptversammlung mit Konfliktpotential und ein ganz schwerer Gang nach Hannover, wo sie ihrem verstorbenen Torwart-Idol nichts lieber widmen möchten als einen Sieg gegen den einstmals so stolzen Branchenprimus. Der über weite Strecken ziemlich mäßige Auftritt gegen den vor allem nach der Pause völlig passiven Spitzenreiter Leverkusen am Sonntag gab jedenfalls wenig Anlass zur Hoffnung, dass die Münchner unter dem holländischen Coach die Kurve kratzen. 1:1 hieß es am Ende, der Rückstand der Bayern, die auf Tabellenplatz sieben liegen, beträgt weiterhin sechs Punkte. Aus eigener Kraft können sie also nach gegenwärtigem Stand nicht Deutscher Meister werden. Und das gilt ja bekanntlich auch für das Weiterkommen in der Champions League: Nur wenn Juventus bei den bereits fürs Achtelfinale qualifizierten Girondins Bordeaux nicht gewinnt, kommen die Bayern am letzten Spieltag zu einem Entscheidungsspiel gegen Turin. In diesen Tagen ausgerechnet auf den Sportsgeist von Franzosen hoffen zu müssen ist natürlich ganz bitter. Nur gut, dass wenigstens Handspielsünder Thierry Henry nicht für Bordeaux kickt.
Zwei linke Hände: Zu Hause abgewatscht
ZDF-Sportstudio-Moderator Wolf-Dieter Poschmann war auf die kurzfristige Absage gefasst: Ausgerechnet vor seinem ersten Auftritt in der traditionsreichen Fernsehsendung hatte Freiburgs Trainer Robin Dutt eine herbe 0:6-Pleite gegen bärenstarke Bremer zu verdauen. Der wackere Fußball-Lehrer reiste trotzdem ins Studio nach Mainz und gab eine verblüffende Erklärung zu seinem Erscheinen ab: "Ich wäre eher bei einem 6:0-Sieg nicht gekommen, weil ich dann mitten in der Feier gesteckt hätte." Dem verblüfften Poschmann sagte Dutt dann noch: "Seien sie also froh, dass wir verloren haben." Fröhlichkeit und Niederlagen – das sind Dinge, die normalerweise nicht zusammenpassen. Außer natürlich in Köln, wo man schon im ersten Spiel nach Karnevalsbeginn den gefühlten Aschermittwoch erlebte: 0:4 im eigenen Stadion gegen Hoffenheim, und nicht nur TSG-Trainer Ralf Rangnick vertrat die Meinung, dass der FC damit ganz gut bedient war. Für Kölner Fans hat der Spaß in dieser Saison wahrlich ein Loch: In sechs Heimspielen gelangen den Rheinländern gerade mal drei Tore. Und Lukas Podolski führt weiterhin ein mysteriöses Doppelleben: In der Nationalmannschaft ist er der umjubelte Held, sobald er in der Bundesliga aufläuft, taucht er in die Bedeutungslosigkeit ab. Kein Wunder, dass der nette Coach Zvonimir Soldo aufgrund der Talfahrt in der Kritik steht, dabei hat er in dieser Woche ungeahnte Autorität bewiesen, als er die beiden Slowenen Novakovic und Brecko nach geschaffter WM-Quali nach Hause beorderte, obwohl jene um Partyurlaub in der Heimat gebeten hatten. Vielleicht tröstet es die Beiden ja, dass sie in der närrischen Zeit in Kölle bestimmt auch so noch den ein oder anderen lustigen Abend verbringen werden. Ganz egal, wie es sportlich läuft.