Die Deutschen Werkstätten Hellerau blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Heute hat sich die Tischlerelite der ehemaligen DDR im hochwertigen Innenausbau etabliert. Von Ulrich Steudel
Die Kunst der Improvisation
Welch ein Empfang! Licht flutet durch eine Halle, die ohne Wände auskommt. Die nicht nur Platz schafft für 100 Mitarbeiter aus Verwaltung, Arbeitsvorbereitung, Forschung und Entwicklung sowie Design, sondern Raum bietet für eine kleine Kunstgalerie oder Konzerte. Kurze Wege statt langer Hierarchien, Transparenz statt Abschottung. Nur den 70 Tischlern mit ihren mitunter lärmenden Maschinen gewährt die auf viel Glas bauende Architektur eine eigene Halle. Es scheint, als schwebe der Geist des Gründers noch immer durch die Deutschen Werkstätten Hellerau.
Wer heute – mehr als 100 Jahre nachdem Karl Schmidt am Stadtrand von Dresden die Ideen der Lebensreformer in seine Unternehmensphilosophie packte – in die Geschichte der Firma eintaucht, kann an ihr die wirtschaftliche Entwicklung eines ganzen Landes studieren.
Vom Wohnzimmer zur Yacht
Auf Jahre des Aufschwungs und der Blüte folgten Kriegswirren und Rezession, schließlich die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung. Heute steht der Betrieb als Beispiel für eine gelungene Reprivatisierung durch die Treuhand. Denn seit Fritz Straub die Geschäfte führt, haben sich die Deutschen Werkstätten Hellerau zu einem gefragten Anbieter im exklusiven Innenausbau entwickelt und sich in den kleinen Kreis der weltweit führenden Yachtausstatter emporgearbeitet.
Der ehemalige Pharmamanager hatte erkannt, wo die Stärken des früheren Volkseigenen Betriebes (VEB) lagen. Nicht in die Fertigung von Möbeln, für deren Design Karl Schmidt einst auf Weltausstellungen Preise einheimste und die in DDR-Zeiten als Schrankwand die Wohnzimmer der Werktätigen eroberten, steckte das neue Unternehmen seine Energie. Es war vielmehr die Kompetenz im Innenausbau, die es zu stärken und auszubauen galt.
Eliteeinheit für Prestigeobjekte
"Wir fühlten uns als die Elite unter den Tischlern in der DDR", blickt Helge Rupprecht zurück. Er gehörte zu den 65 auserlesenen Handwerkern, die im Bereich "Sonderfertigung" des VEB an Prestigeobjekten mitarbeiten durften, während das Gros der Belegschaft die Bevölkerung mit Einheitsmöbeln versorgte. Zwei Jahrzehnte zog der heute 55-Jährige als Montageleiter von Baustelle zu Baustelle, staffierte Gästehäuser für den Ministerrat aus und hat dabei auch Wandlitz, die Siedlung der SED-Bonzen, gesehen.
Mit der Kunst, zu improvisieren, wenn es am Notwendigen fehlt, haben Generationen von Arbeitern die sozialistische Planwirtschaft der DDR am Leben erhalten. Die Tischler von der "Sonderfertigung" aus Hellerau haben diese Kunst perfektioniert, was ihnen heute zugutekommt. In der DDR durften sie beim Wiederaufbau der Dresdner Semperoper mitwirken und den kompletten Innenausbau des Leipziger Gewandhauses erledigen. „Sogar das Gehäuse für die Orgel haben wir gebaut“, erinnert sich Rupprecht voller Stolz. Nur der politische Druck, der ständig ausgeübt wurde, missfiel dem Montageleiter, der deswegen nie die Meisterprüfung ablegte. Auch manch lukrativer Auslandseinsatz blieb ihm verwehrt. So musste er bei einem Auftrag in der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator zu Hause bleiben, weil er nicht in die Partei eintreten wollte.
Mitarbeiter wie Rupprecht waren es, die die Investoren um Fritz Straub 1992 ermutigten, die Deutschen Werkstätten Hellerau in die Marktwirtschaft zu führen. Sie wussten um das "Humankapital", von dem junge Manager so gerne reden. Aber sie wussten auch, dass es sich dabei um Menschen handelt. "In unserem Betrieb herrscht ein gutes Klima. Jeder kann sich entfalten", sagt Helge Rupprecht, der schon seit seiner Lehre dem Betrieb die Treue hält.
Know-how für mehr Kreativität
Ihre ersten Meriten im neuen Wettbewerb verdienten sich die Hellerauer Tischler noch mit öffentlichen Aufträgen wie beim Ausbau des Sächsischen Landtages. Doch schon da war klar: Wer mit anspruchsvollem Innenausbau wachsen will, muss neben Holz auch andere Materialien wie Glas, Metall oder Stein verarbeiten können, muss zusätzliches Know-how ins Unternehmen holen. Heute gehören rund 30 Ingenieure, Innenarchitekten und Designer zur Belegschaft, genauso wie 20 Lehrlinge. Den sechs bis sieben Auszubildenden im ersten Lehrjahr steht eine eigene Lehrwerkstatt mit Lehrmeister zur Verfügung. Wer einen der landesweit begehrten Ausbildungsplätze haben möchte, muss ein anspruchsvolles Auswahlverfahren durchlaufen.
Mit ihrem hochqualifizierten Personal haben die Deutschen Werkstätten Hellerau einen Qualitätssprung geschafft, der sie von öffentlichen Aufträgen unabhängig macht. Heute wagen sich die Mitarbeiter an höchst anspruchsvolle Privataufträge wie den Ausbau einer Megayacht, die der französische Stardesigner Philippe Starck für einen russischen Milliardär entworfen hat, oder das Fünf-Sterne-Hotel Kameha Grand im Bonner Bogen, das Mitte November eröffnet werden soll. Nach den Entwürfen des holländischen Designers Marcel Wanders sollen überdimensionale Fische durch die Lobby fliegen – eine Aufgabe für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Deutschen Werkstätten Hellerau.
Der Weg des Unternehmens, das seit 2005 um 70 Mitarbeiter gewachsen ist und im vergangenen Jahr einen Umsatz von 35 Millionen Euro erzielte, verlief dabei keineswegs geradlinig – weder seit seiner Gründung durch den legendären Karl Schmidt, noch seit der Reprivatisierung. "Ich war mehrmals kurz vor dem Aufgeben", gesteht Geschäftsführer Fritz Straub.
Als die Deutsche Bahn 1997 ihren Luxuszug "Metropolitan", der Geschäftsreisende von Köln nach Hamburg bringen sollte, wegen der Konkurrenz der Billigflieger aufs Abstellgleis schob, standen auch die mit dem Innenausbau betrauten Deutschen Werkstätten Hellerau vor einer Zäsur. "Der Schock saß tief", erinnert sich Straub. Doch die gewonnene Kompetenz im Ausbau von mobilen Räumen half dem Unternehmen, zu einem der führenden Yachtausbauer aufzusteigen.
Jede Niederlage birgt eine Chance. In den Deutschen Werkstätten Hellerau hat man sie schon mehrfach zu nutzen gewusst.