Unter Druck standen beide Kontrahenten vor dem 85. Süd-Gipfel. Die Stuttgarter waren nach zuletzt fünf Niederlagen in Serie so verunsichert, dass sie schon vor dem Spiel in die VfB-Kurve gingen, um den Fans ihre Aufwartung zu machen. Doch man sieht sich immer zweimal im Leben, meint Stefan Galler in der Bundesliga-Kolumne.
Streichkonzert in Königsblau, ein verwirrter Manager und der Gang nach Canstatt
Meisterbetrieb: Festtag für Fohlen
Schon manchmal merkwürdig, welche Geschichten die Fußball-Bundesliga schreibt. Da gibt sich der Hamburger Sport-Verein zehn Partien lang überhaupt keine Blöße, schlägt Meister Wolfsburg, Stuttgart und die Bayern, trotzt Leverkusen und Schalke Unentschieden ab. Und dann kommt Borussia Mönchengladbach, das seit zwei Monaten kein Spiel mehr gewonnen hat, siegt mal eben in der Hansestadt mit 3:2, stürzt den Tabellenführer und verlässt die rote Zone der Liga.
Da kann man sich schon mal fühlen wie unterm Christbaum: Borussia-Trainer Michael Frontzeck dankte nach dem Spiel "Gott, der das Glück auf die richtige Seite" hatte fallen lassen und wünschte den Medienvertretern "Frohe Weihnachten", was vielleicht daran lag, dass es am Samstag in Hamburg empfindlich kalt war. Dazu passte dann auch, dass Frontzeck ergänzte, wegen elf errungener Punkte in elf Spielen "nicht jubelnd durch Mönchengladbach" zu laufen. Wer steht bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt schon Spalier? Also den Triumphmarsch lieber auf den Sommer verschieben, wenn dann der Klassenerhalt geschafft ist und die Sonne über dem Niederrhein scheint.
Bis dahin dürfte sich dann auch die Aufregung bei den Hamburgern gelegt haben, schließlich hatte deren Niederlage zwei klar zu benennende Gründe: Zur Überheblichkeit und dem Irrglauben, mit der 2:1-Führung im Rücken habe man die Punkte schon im Sack, kam auch noch ein handwerklich einfacher Fehler: Trainer Bruno Labbadia wechselte den verletzten Verteidiger Jerome Boateng lange Zeit nicht aus, obwohl jener laut seinem Kollegen Zé Roberto "nur noch auf einem Bein" lief. Gladbach drehte in dieser Phase das Match und Labbadia kam gehörig in Erklärungsnot.
Gesellenstück: Jedem das Seine, Felix das Meister
Gemütlich ist es in diesen Tagen auf Schalke nicht gerade – die Gründe sind bekannt. Und wenn Felix Magath beteuert, die finanzielle Lage sei nicht rosig, aber man habe sie im Griff, dann klingt das doch wie das Pfeifen im Walde. Immerhin gibt es Gerüchte, wonach bei S04 sogar schon eine Streichliste existieren soll: Kuranyi, Rafinha, Asamoah, Altintop, Kobiashvili, Rakitic, Sanchez und Streit – sie alle können gehen, wenn die Ablöse stimmt oder – in einzelnen Fällen – wenigstens das Gehalt eingespart wird. Über 135 Millionen Schulden plagen die Königsblauen, da heißt es, die laufenden Kosten zu senken. Und wenn schon das Trainerteam rund zehn Millionen im Jahr kassiert, müssen halt die Herren Balltreter den Gürtel enger schnallen.
Felix Magath, Chefcoach und Manager in Personalunion, wird es bestimmt nicht schwerfallen, seine eigenen Einkünfte zu sichern. Finanzielles Dilemma hin oder her, Magath wollte es nicht anders. "Deshalb bin ich ja gekommen, damit ich auch mal was erlebe", sagte Magath nach dem spannungsgeladenen Spitzenspiel gegen Leverkusen.
Sein Team lag bis kurz vor Schluss 0:2 hinten und holte doch noch einen Punkt, was die Leverkusener hart traf. "Eine gefühlte Niederlage", stammelte Sportdirektor Rudi Völler, der feststellen musste, dass der im Sommer aus Liverpool geholte Sami Hyppiä offenbar schon unverzichtbar ist: Als der Finne in der Schlussphase verletzt rausging, geriet die Leverkusener Abwehr schwer ins Schwimmen. 36 Lenze zählt Hyppiä schon – eigentlich bitter, wenn Wohl und Wehe des Bundesliga-Tabellenführers von einem kickenden Methusalem abhängen. Aber im Vergleich zu den Schalker Problemen doch nur Peanuts.
Erstes Lehrjahr: Blick in die Glaskugel
Zwei Siege in der Liga, dazu das Schützenfest im Pokalspiel bei der Frankfurter Eintracht – die Bayern fuhren voller Zuversicht nach Stuttgart und wollten dort ihr angekratztes Image weiter aufpolieren. Das wäre auch beinahe gelungen, eigentlich fehlten nur fünf Zentimeter; nämlich jene fünf Zentimeter, die Luca Toni beim einzigen Tor des Nachmittags im Abseits stand. Trainer Louis van Gaal geriet ob der knappen Entscheidung später in der Pressekonferenz ins Sinnieren und man erwartete nach seinem gedankenverlorenen "Fünf Zentimeter", dass der Holländer vielleicht ein kleines Gedicht oder ein Lied würde anstimmen. Doch er tauchte in seine eigene Welt ein und schien fast ein wenig entrückt.
Das galt auch für Manager Uli Hoeneß, den Tonis vermeintlicher Treffer offenbar ebenfalls ein wenig aus der Fassung gebracht hatte. Er habe in diesem Moment gedacht, "der Sturm auf die Tabellenspitze" habe nun endlich begonnen, sagte Hoeneß und benannte sogleich das Ziel für die nächsten Wochen: "Wir sollten wie im letzten Jahr Herbstmeister werden", gab er zum Besten. Man wusste nicht recht, was Hoeneß damit gemeint hatte, schließlich hieß der Halbzeitchampion im Vorjahr Hoffenheim.
Kryptisch auch die Aussage des Bayern-Managers zum Thema Tabellenführung. Seit über 530 Tagen standen die Münchner nun nicht mehr an der Spitze. Damals war Günther Beckstein noch bayerischer Ministerpräsident und das Entstehen einer weltweiten Finanzkrise allenfalls für Wahrsager absehbar.
Apropos Blick in die Kristallkugel. Auf die Frage, wann sein Klub wieder ganz oben stehen wird, antwortete Hoeneß gelassen: "Vor Weihnachten." In welchem Jahr, hat Hoeneß nicht gesagt.
Zwei linke Hände: Gequirlt und geklickt
Unter Druck standen beide Kontrahenten vor dem 85. Süd-Gipfel. Die Gastgeber waren nach zuletzt fünf Niederlagen in Serie gleich so verunsichert, dass sie schon vor dem Spiel in die VfB-Kurve gingen, um den Fans ihre Aufwartung zu machen. Vielleicht wollten sie die Sympathisanten ermutigen, den abtrünnigen Mario Gomez bei dessen Rückkehr in die Mercedes-Benz-Arena gnadenlos auszupfeifen (was dann auch tatsächlich passierte). Vermutlich aber hatten die zuletzt so erfolglosen Profis bei ihrem Gang in die Canstatter Kurve lediglich den Hintergedanken, sich den Weg zum grantigen Anhang nach dem Spiel im Falle einer deftigen Niederlage sparen zu können.
Doch manchmal sieht man sich im Laufe eines Nachmittages auch zweimal: Trainer-Wackelkandidat Markus Babbel und seine Schwaben trotzten den Bayern, dementsprechend war die Heimmannschaft auch nach dem Match in der Kurve wohlgelitten.
Weniger harmonisch ging es dann tags darauf im DSF-Doppelpass zu: VfB-Sportdirektor Horst Heldt reagierte auf den Vorwurf, die aktuelle Krise durch verfehlte Transferpolitik mitverschuldet zu haben, ziemlich dünnhäutig. "Gequirlte Scheiße" sei das und überhaupt habe sein Job nichts mit einem PC-Spiel zu tun: "Ich kann nicht irgendeinen Spieler anklicken und zum VfB transferieren", sagte Heldt und frustrierte damit Millionen passionierter Computer-Manager, die bisher gedacht hatten, dass sie den Job von Heldt und seinen Bundesligakollegen mit links auch hinbekommen würden. Genauer gesagt: Mit linker Maustaste.