Was sind schon ein 30-Millionen-Mann Mario Gomez, ein 48-Länderspieltore-Saltoturner Miroslav Klose, ein 194-Zentimeter-Sexsymbol Luca Toni, ein 250-Knoten-in-Abwehrbeine-Dribbler Frank Ribéry und ein 1.000-Mal-Verletzt-Sprinter Arjen Robben gegen die Billig-Variante Thomas Müller, fragt Stefan Galler in der Bundesliga-Kolumne.
Billig-Bomber beendet Blockade
Meisterbetrieb: Stilfragen bei den Unbesiegten
Alle waren heiß aufs große Duell des Ersten gegen den Zweiten. Und dann präsentierte sich das Match am Samstagabend in Hamburg trotz nasser Kälte gut temperiert: Nichts als heiße Luft. Ein müdes Schlagerspiel, das lediglich eine Erkenntnis zuließ: HSV und Leverkusen sind clever genug, sich auch mal mit einem Remis zu begnügen und Emotionen auszublenden. Nichts zu spüren von alten Rechnungen, die man beim Werksklub angeblich mit dem im Sommer nach Hamburg abgewanderten Trainer Bruno Labbadia noch zu begleichen hat. Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler hätte den Coach gerne behalten. Ganz im Gegensatz zur Mannschaft, die am Ende seiner Amtszeit den Kanal vom stets gut gekleideten Ex-Torjäger angeblich so voll hatte, dass sie ihm im Falle eines Pokalsieges gegen Werder Bremen den Pott nicht überlassen wollte.
Hätte Bayer also das Endspiel gewonnen, wäre ständig einer der Spieler in bester Ribéry-Manier mit dem Cup unterm Arm vor Labbadia davon gelaufen. Schlechter Stil und ein bisschen lächerlich vielleicht, aber bei Vizekusen schert man sich schon seit der Daum-Affäre nicht mehr darum, was die anderen reden.
Nur so lässt sich auch erklären, dass Rudi Völlers Frisur immer mehr so aussieht, als trüge er eine gepuderte Perücke. Irgendwo zwischen Goethe und George Washington. Und dazu der unvermeidliche Schnäuzer, ein bizarres Ensemble. Über Stilfragen ist Labbadia erhaben, ihn plagen bei seinem neuen Arbeitgeber ganz andere Sorgen: Nach dem Abgang von Olic, den Verletzungen von Petric und Guerrero musste er gegen Leverkusen mit dem Türken Arslan den nächsten Angreifer verletzungsbedingt auswechseln. Da bleibt Labbadia wohl nichts anderes übrig, als selbst wieder einzugreifen. Fragt sich nur, wie es aussieht, wenn er Fußballschuhe zum Designeranzug trägt.
Gesellenstück: Sanieren mit Spaß
Offensiv und auch ein bisschen frech – so geht Felix Magath mit dem finanziellen Desaster beim FC Schalke 04 um. Froh sei er, so der Trainer und Manager in Personalunion, dass die DFL die Lizensierung seines Vereins noch einmal überprüft. Da dieses Verfahren durchaus mit einer Steuerprüfung zu vergleichen ist, dürfte der Spaßfaktor in etwa so hoch sein wie bei einer Wurzelbehandlung. Doch Magath nimmt’s locker und fügte gleich noch hinzu: "Wenn das vorbei ist, machen wir so weiter wie bisher." Hoffentlich nicht, sollte Schalke nämlich in seinen Finanzdingen tatsächlich so weitermachen wie in der jüngeren Vergangenheit, geht bald gar nichts mehr weiter – Insolvenz, Lizenzentzug, Ende eines Traditionsvereins, so das mögliche Szenario.
Dabei läuft es doch im Moment sportlich so optimal, was vielleicht daran liegt, dass Magath Billardtisch, Kicker und Playstations aus dem Aufenthaltsraum der Spieler entfernen ließ. Ist übrigens nur ein Gerücht, dass er die Sachen bei Ebay versteigert, um Geld in die Klubkasse zu bekommen. Vielmehr sollen sich die Profis aufs Wesentliche konzentrieren. Dem ein oder anderen Balltreter hat es wohl schon gereicht, wenn er an der Konsole der Größte war – wer muss da noch in echt Meister werden?
Umgekehrt zu den Königsblauen läuft es beim Gegner vom Samstag, dem VfB Stuttgart: Finanziell seit dem Gomez-Transfer nach München auf Rosen gebettet, dafür läuft es sportlich überhaupt nicht. Das 1:2 gegen Schalke war schon die fünfte Pleite im neunten Spiel. Sportdirektor Horst Heldt spricht von Abstiegskampf: "Die Lage ist katastrophal." Was vielleicht auch daran liegt, dass Teamchef Markus Babbel gerade seine Trainerausbildung macht und deshalb wochenweise an der Sporthochschule in Köln weilt. Beobachter wollen gesehen haben, dass sich die VfB-Profis während Babbels Absenzen heiße Auseinandersetzungen an der Playstation liefern. Jaja, ist die Katze aus dem Haus, hilft nur noch einer wie Magath.
Erstes Lehrjahr: Billig-Bomber beendet Blockade
Diese Offensive soll die Bundesliga, ach was, ganz Europa das Fürchten lehren: 30-Millionen-Mann Mario Gomez, 48-Länderspieltore-Saltoturner Miroslav Klose, 194-Zentimeter-Sexsymbol Luca Toni, 250-Knoten-in-Abwehrbeine-Dribbler Frank Ribéry und 1.000-Mal-Verletzt-Sprinter Arjen Robben. Doch all diesen namhaften Stürmern und Drängern zum Trotz schlitterte der FC Bayern zuletzt in eine Torkrise, die schon fast groteske Ausmaße annahm: Weder in Hamburg, noch zu Hause gegen Juventus und Köln oder im Testspiel beim Drittligisten Regensburg gelang dem Rekordmeister ein Treffer, weshalb man schon damit rechnete, dass die Münchner vielleicht schon mal ein paar frische Angreifer für die Winterpause klarmachen würden. Das scheint nun doch nicht nötig zu sein, weil zwar keiner der eingangs erwähnten Granaten die schwarze Serie beendete, dafür aber einer, der wenig kostet und trotzdem das tut, was man von den anderen erwartet: Thomas Müller erlöste den FCB in Freiburg mit dem ersten Treffer nach 406 Minuten. Dass der nun sogar schon Nationalspieler werden soll, ärgert Manager Uli Hoeneß. Womöglich hat er dann den nächsten Superstar, der nichts mehr trifft. Nicht dass der Knoten bei Gomez, Klose oder Toni durch Müllers wichtigen Befreiungsschlag rasch geplatzt wäre: Das zweite Bayern-Tor in Freiburg erledigten die Gastgeber nämlich per Eigentor vorsichtshalber selbst.
Zwei linke Hände: Wie einst Tasmania
Im Ligakeller ging es an diesem Wochenende wieder drunter und drüber. Wobei sich Hertha BSC Berlin auch unter Friedhelm Funkel und nach einer zweiwöchigen Pause noch nicht von der Pech- in die Goldmarie verwandelt hat: Wie ein Absteiger präsentierten sich die Hauptstadtkicker im Gastspiel bei den ebenfalls gefährdeten Nürnbergern, das 0:3-Endergebnis war sogar noch schmeichelhaft. Acht Niederlagen in neun Spielen – diese Bilanz erinnert langsam an einen anderen Berliner Klub: Tasmania 1900, der schlechteste Erstligist aller Zeiten, der in der Saison 1965/66 nur zwei Spiele gewann und diverse Rekorde in Sachen Misserfolg hält. Heute kickt Tasmania in der achtklassigen Bezirksliga Berlin. Bleibt zu hoffen, dass es mit der Hertha nicht auch so weit kommt. Bleiben wir noch beim Thema Abstiegskampf und schauen zum Vorletzten Borussia Mönchengladbach. Die Frontzeck-Elf hielt sich am Sonntag bei Meister Wolfsburg wahrlich wacker und wäre vielleicht sogar mit einem Punkt belohnt worden, hätte sich Stürmer Bobadilla in der 70. Minute etwas weniger tölpelhaft angestellt: Wölfe-Keeper Benaglio und Verteidiger Madlung rasselten zusammen, Bobadilla hätte den Ball nur noch ins leere Gehäuse schieben müssen, versuchte es jedoch mit dem Rücken zum Tor mit einem Hackentrick und zielte vorbei. Vielleicht sollte mal jemand dem Argentinier erklären, dass im miefigen Tabellenkeller kein Platz für Zirkuskunststücke ist. Der Boulevard war jedenfalls sofort zur Stelle: Statt seines bisherigen Kosenamens "Bomberdilla" heißt er in der Bild neuerdings "Hacken-Depp".