Der achte Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de "Vizekusen" auf Platz 1

Klamme Meister der Herzen, Erinnerungen an die DDR und geschichtsträchtige Pannen. Die DHZ-Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler.

"Vizekusen" auf Platz 1

Meisterbetrieb: Talent mit Größe 10

Die Nummer zehn wollten ihm die Bayern reservieren, bis ihm das weltweit symbolbehaftete Trikot endlich passen würde – so das mehrfach wiederholte Bekenntnis von Uli Hoeneß zur Personalie Toni Kroos. Nicht nur wegen dieser Vorschusslorbeeren überraschte es dann doch ein bisschen, als die Bayern das Super-Talent im letzten Winter nach Leverkusen ausborgten. Mittlerweile redet man in München kaum mehr von Kroos, die Nummer zehn trägt Arjen Robben auf dem Rücken – und der Verliehene erreicht beim Werksklub im Hemd mit der Nummer 39 langsam aber sicher das ihm von Hoeneß zugetraute Niveau.

Beim 4:0 des Tabellenführers gegen Nürnberg steuerte er das 1:0 per Freistoß bei und holte den Elfmeter um 2:0 heraus. Kein Wunder, dass der Boulevard Tango tanzte: "Bayer ganz Kroos“ lautete eine der dicken Schlagzeilen. Das holpert gewaltig und wird dem Leverkusener Spiel in diesen Wochen bei weitem nicht gerecht. Denn eines ist klar: Würde es sich beim aktuellen Spitzenreiter nicht um jenen Verein handeln, der seit Jahren den zweifelhaften Beinamen "Vizekusen“ trägt und dem in jedem Stadion ein beherztes "Ihr werdet nie Deutscher Meister“ entgegenschallt – man könnte glatt vom Gegenteil ausgehen.

Gesellenstück: Hausmeister als Chauffeur?

Sportlich läuft’s super beim FC Schalke 04: Mit dem 2:0 gegen Eintracht Frankfurt hat man sich in der Spitzengruppe der Tabelle festgesetzt, Trainer-Manager Felix Magath zaubert ein ums andere Mal starke Talente aus dem Hut und selbst Gerald Asamoah, der schon als Auslaufmodell galt, trifft mal wieder. Aber alle fußballerischen Highlights täuschen nicht darüber hinweg, dass es in den Kassen der Königsblauen ziemlich finster aussieht. Die Millionen vom Hauptsponsor, dem russischen Energie-Riesen Gazprom? Ausgegeben.

Die Wahnsinns-Anleihe von Investor Schechter als Gegenleistung für die Zuschauereinnahmen in der Arena? Längst verprasst. Bitter, dass mittlerweile auch drei der vier Konten, von denen Schalke seine Kredite bedient, komplett leergeräumt sein sollen. Magath nimmt es noch mit Humor. Als er unter der Woche zu spät zur Pressekonferenz kam, sagte er trocken: "Ich habe noch Geld gesucht und leider keines gefunden.“ Na wenn Magath schon zynisch sein darf, dürfen wir‘s erst recht. So bedauern wir die Entlassenen in Rechtsabteilung, Hausmeisterei und Schalke-Museum und können nur mutmaßen, warum es sie als erstes getroffen hat.

Dass man die Museumsmitarbeiter feuerte, lässt sich sicherlich am leichtesten erklären: Wenn ein Klub nie oder nur sehr selten Pokale gewinnt, braucht er auch kein Museum. Der Hausmeister ist ebenfalls überflüssig, schließlich sind die Königsblauen doch Meister der Herzen, das muss genügen. Und die Rechtsabteilung kann im Zweifelsfall auch abgespeckt werden, obwohl Felix Magath derzeit ja nicht nur in der Liga, sondern auch in Flensburg ordentlich punktet. Mit 148 statt der erlaubten 100 km/h wurde der S04-Coach zuletzt geblitzt, es droht nicht nur eine Geldstrafe, sondern auch ein Fahrverbot, gegen das Magath Einspruch einlegen will. Und das ganz ohne Rechtsabteilung. Aber vielleicht wäre Magaths Führerscheinentzug ja eine Chance für den Hausmeister, zumindest vorübergehend als Chauffeur einzuspringen.

Erstes Lehrjahr: Ermüdende Köln-Blockade

Ein bisschen pietätlos war das schon von Kölns Trainer Zvonimir Soldo: Ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit ließ er beim Spiel gegen die Bayern in der Fußballarena zu Fröttmaning die Berliner Mauer originalgetreu nachbauen: Und zwar mit elf FC-Profis am eigenen Strafraum. Und während man zu Oktoberfestzeiten normalerweise gemeinsam feiert, sich unterhakt und gemütlich schunkelt, igelten sich die rheinische Frohnaturen im Sechzehner ein und wollten am liebsten unter sich sein. Das war der entscheidende Unterschied zur DDR: Dort durfte niemand raus, in den Kölner Strafraum aber sollte keiner rein. Und das gelang, im Gegensatz zu Berlin dann auch ganz ohne Drohkulisse, weil es den Münchnern schlichtweg an der nötigen Kreativität mangelte.

Die Köln-Blockade war nicht aus den Angeln zu heben, womit die Bayern ihr drittes Pflichtspiel innerhalb von acht Tagen ohne eigenen Treffer abschlossen. Trainer Louis van Gaal, der Taktikfuchs, war nach dem 0:0 ziemlich bedient, schließlich wirkte er angesichts der Ideenlosigkeit und fehlenden Laufbereitschaft seiner Elf fast schon so ratlos wie Jürgen Klinsmann. Bastian Schweinsteiger, der mit zwei Kopfbällen an die Latte für die meiste Gefahr sorgte, fand es dem Wiesn-Ausklang entsprechend "zum Kotzen“, während drei lederbehoste Fans auf der Tribüne das einzig Richtige taten: Sie schliefen während des Spiels ihren Rausch aus – und verpassten nichts.

Zwei linke Hände: Ritter Friedhelm reitet wieder

Überall die Logos von Hauptsponsor Deutsche Bundesbahn: Während der Pressekonferenz zum Amtsantritt des neuen Hertha-Trainers Friedhelm Funkel wartete man ständig darauf, dass Hartmut Mehdorn das Podium entern und ein paar Fahrplanänderungen bekannt geben würde. Stattdessen gab der frühere Eintracht-Coach tiefe Einblicke in sein Seelenleben: Eine Gänsehaut habe er bekommen, als ihn der Berliner Manager Michael Preetz anrief. Das verwundert nicht, schließlich spielt der Hauptstadt-Klub in dieser Saison bislang beispiellosen Gruselfußball. Doch Funkel hatte das mit der Gänsehaut natürlich ganz anders gemeint: Er sei völlig überwältigt von der Größe und Tradition seines neuen Arbeitsgebers – im Übrigen eine ganz natürliche Reaktion in der Berufsgruppe der Fußball-Lehrer.

Natürlich reine Spekulation, ob Funkel die gleichen Worte gewählt hätte, wäre er bei Hannover, Dortmund, Stuttgart oder vielleicht sogar Hoffenheim untergekommen. Ganz egal, wie tief Funkels Liebe auch immer sein mag, Ritter Friedhelm hat viel zu tun, um die "Alte Dame“ aus dem Keller der Tabelle zu befreien. Gegen den HSV leisteten sich seine Männer ein lupenreines und zwei halbe Eigentore: Nachwuchstorwart Burchert klärte zweimal innerhalb von zwei Minuten vor dem Sechzehner unzureichend per Kopf und wurde jeweils danach von den Hamburgern mit einem Gegentor bestraft. Pannen, die Bundesliga-Geschichte schreiben werden – und das ist in diesen Tagen aus Berliner Sicht doch auch schon was: In den ARD-Tagesthemen am Donnerstag wurde die leidgeprüfte Hertha beim Überblick über die Europa League-Ergebnisse der deutschen Klubs nämlich tatsächlich einfach vergessen.