Der fünfte Bundesliga-Spieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Streicheleinheit vom Schwererziehbaren

Was war das für eine Szene: Zuerst versenkte Bayern-Star Franck Ribéry einen Freistoß im Dortmunder Tor, dann wehrte er alle Gratulanten ab und steuerte – wüst schimpfend – auf seinen Trainer zu: Ein raffinierter Schachzug, denn wie könnte man einem strengen Erziehungsberechtigten besser den Wind aus den Segeln nehmen als wenn man ihn mit Zärtlichkeiten einlullt. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Streicheleinheit vom Schwererziehbaren

Meisterbetrieb: Streicheleinheit vom Schwererziehbaren

Was war das für eine Szene: Zuerst versenkte Bayern-Star Franck Ribéry einen Freistoß im Dortmunder Tor, dann wehrte er alle Gratulanten ab und steuerte – wüst schimpfend – auf seinen Trainer zu: Sekundenlang wusste niemand, was nun passieren würde: Nicht wenige erwarteten einen Karatetritt des Franzosen-Filou gegen den eisernen Tulpengeneral. Doch der schwer erziehbare Wunderdribbler setzte stattdessen zu einem akrobatischen Sprung in die Arme seines Vorgesetzten an und brachte den 97-Kilo-Koloss damit fast aus dem Gleichgewicht. Ein raffinierter Schachzug von Ribéry, denn wie könnte man einem strengen Erziehungsberechtigten besser den Wind aus den Segeln nehmen als wenn man ihn mit Zärtlichkeiten einlullt. Und das klappte sogar bei Vadder Van Gaal, der Ribéry zuletzt immer nur als Joker einsetzte, obwohl jener sich gesund gemeldet hatte und der den eigenwilligen Kicker noch vor ein paar Wochen gewaltig anpflaumte, als der sich im Speisesaal zu den Physiotherapeuten setzte. Die Respektsperson aus Holland hat sehr individuelle Vorstellungen von Disziplin, lässt sich von seinen Töchtern siezen und bestimmt bei seinen Vereinen gerne mal, welche T-Shirtfarbe die Spieler beim Essen zu tragen haben.

Da kann man die Schadenfreude von Bastian Schweinsteiger verstehen, der nach dem Ribéry-Sprung feststellte, dass es "lustig gewesen sei, wie so ein kleiner Zwerg an einem so großen Trainer hing“. Schweinsteiger, der sich ebenfalls mit einem Tor am Schützenfest in Westfalen beteiligte, lieferte darüber hinaus seine ganz persönliche Sicht des Verhältnisses zwischen dem Fußball-Lehrer und dem Team: Es sei wie in einer Beziehung zu einer Frau, auch die sei zu Beginn oft nicht so gut und werde dann meistens besser. Wer da die Logik vermisst, dem sei gesagt, dass das natürlich nur für Fußballerbeziehungen gilt: Erst wenn die gemeine Spielerfrau voll über die Kreditkarten ihres Liebsten verfügen darf, hängt der Himmel voller Geigen.

Gesellenstück: Blonder Flaum

Erfolg macht sexy, da ist das Aussehen zweitranging. Das denkt sich wohl Leverkusens Torjäger Stephan Kießling, der mit seinem Treffer beim 3:2-Erfolg in Wolfsburg nun auch im fünften Spiel der neuen Saison einnetzte – weshalb seine Gesichtsbehaarung mindestens eine weitere Woche ungeschoren bleiben wird. Erst wenn er in einem Match nicht ins Schwarze trifft, greift Kießling wieder zur Klinge, so seine Ankündigung. Der zarte blonde Flaum auf dem blassen fränkischen Jungengesicht ist allerdings bislang nicht wirklich der Rede wert, da schon eher die Tatsache, dass Kießling trotz seiner sensationellen Form derzeit in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw keine Rolle zu spielen scheint, zumindest war der 25-Jährige zuletzt nicht für die DFB-Elf nominiert worden. Ganz im Gegensatz zum Bayern Miroslav Klose, der in der Bundesliga nach zwei total verkorksten Einsätzen zuletzt gar keine Rolle mehr spielte. Auch Lukas Podolski, der mit Köln das Tabellenende ziert und erst am Sonntag sein erstes Tor nach der Rückkehr zu seinem Lieblingsklub erzielte, findet größere Gnade in Löws Augen. Da heißt es für Kießling, möglichst weiter zu treffen und dann vielleicht doch irgendwann mal als Rübezahl-Verschnitt so gruselig auszusehen, dass Jogi ihn schon vor lauter Furcht mal wieder in die Auswahl beruft – oder aus Mitleid.

Erstes Lehrjahr: Ruhige Hand

1:0 gegen Borussia Mönchengladbach – endlich hat es geklappt mit dem ersten Sieg für Aufsteiger Nürnberg und dem allerersten Bundesliga-Dreier in der Karriere von Trainer Michael Oenning. Der wirkt immer eher wie der gemütliche Wirt einer Szenekneipe als wie ein autoritärer und stets gestresster Fußball-Lehrer. Irgendwie wartet man bei den wenigen Interviews mit Oenning ständig darauf, dass er dem Gesprächspartner ein Bier ausgibt oder Kippen anbietet. Völlig unaufgeregt hatte der 43-Jährige den "Club" als Nachfolger von Thomas von Heesen in der Vorsaison trotz eines kapitalen Fehlstarts und diverser Rückschläge in die Bundesliga zurückgeführt. Und auch im Oberhaus wirkt Oenning so, als ginge ihn das alles nicht wirklich viel an. Ärgerlich wird der ansonsten so ruhige Übungsleiter nur, wenn einer seiner Spieler sich mal richtig gehen lässt. So wie es Kapitän Andreas Wolf in einem Testspiel gegen Bohemians Prag passiert ist, als er seinem Gegenspieler einen Kopfstoß versetzte und dafür prompt vom DFB-Sportgericht für zwei Bundesligaspiele gesperrt wurde. Da hat Wolf Glück, dass Oenning doch nur sein Trainer ist und nicht der Wirt seiner Stammkneipe: Dort würde dem Fußball-Rambo für seine Aktion mit Sicherheit ein Hausverbot drohen.

Zwei linke Hände: Auf drei Zylindern

Wir müssen noch einmal auf das Topspiel in der Volkswagenarena zu sprechen kommen – und damit auch auf die Krise des Deutschen Meisters, der nach drei Pleiten in Folge ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist. Und das alles nur, wenn man Trainer Armin Veh glauben darf, wegen eines einzigen Mannes: Felix Brych, Doktor der Rechtswissenschaft und nebenberuflich Schiedsrichter, brachte den Wolfsburger Coach mit seinen Entscheidungen in der Partie gegen Leverkusen auf die Palme. Vehs dicker Hals lenkte allerdings nur unzureichend davon ab, dass der VW-Klub mit sechs Punkten aus fünf Spielen definitiv nicht mehr in der ersten Startreihe steht, sondern nur noch auf drei Zylindern läuft. Vor allem der Platzverweis gegen VfL-Torwart Benaglio erhitzte die Gemüter, zumal der gefoulte Leverkusener Derdiyok den unerbittlichen Pfeifenmann sogar noch von der Unschuld des Kontrahenten überzeugen wollte. Dabei stellt sich im ansonsten so harten Profigeschäft die Frage, was den Angreifer zu dieser ebenso ungewöhnlichen wie erfolglosen Aktion getrieben hatte: War es das berühmte "Stockholm Syndrom", welches Opfer von Straftaten dazu bringt, sich mit den Tätern zu solidarisieren? Oder schlichtweg die Tatsache, dass Derdiyok seinen Schweizer Kollegen aus der Nationalmannschaft entlasten wollte? Nach Benaglios Abgang musste jedenfalls André Lenz einspringen. Der kam im Vorjahr immer nur dann zum Einsatz, wenn Trainer Magath längst besiegte Gegner in der Schlussphase vollends demütigen wollte – und dürfte sich das gute alte Meisterjahr am Samstag sehnlichst zurückgewünscht haben. Das Wolfsburger Gehäuse glich nämlich einer Schießbude, in der Lenz trotz einiger guter Paraden etwas überfordert wirkte. Soll noch einer sagen, Ersatztorwart bei einem Spitzenklub sei der angenehmste Job im Bundesliga-Business.