Oranje dominiert beim FC Bayern München seit der spektakulären Verpflichtung von Arjen Robben. Und insbesondere, als Robben und der Franzose Ribéry in der zweiten Halbzeit gegen Wolfsburg wirbelten, wähnte man sich im so oft von Hoeneß als Negativbeispiel angeführten Circus Sarrasani, findet Stefan Galler in der DHZ-Bundesliga-Kolumne.
Hamburger Milchmädchenrechnung, ein französisches Großmaul und Marketingideen aus Mainhessen
Meisterbetrieb: Resonanzkörper im Circus Sarassani
Als der neue Mann sein zweites Tor erzielte, setzte sich im Mittelrang auf der Ehrentribüne ein gewaltiger Resonanzkörper in Bewegung. Uli Hoeneß bejubelte seinen eigenen Transfercoup mit vollem Körpereinsatz, man dachte kurzzeitig, dem kraftvollen Fäusterecken würde ein spektakulärer Sturz über die vor ihm platzierten Sitzreihen folgen, doch "Hulk" Hoeneß blieb im Gleichgewicht – körperlich und seelisch. Seine großen Emotionen ließen sich aber auch durchaus nachvollziehen, schließlich hatten die ungeheuren Investitionen des Rekordmeisters beim Heimspiel gegen Meister Wolfsburg endlich die erste Rendite abgeworfen. Der kurzfristig verpflichtete Arjen Robben und 30-Millionen-Mann Mario Gomez hatten den 3:0-Erfolg herausgeschossen.
Insbesondere, als Robben und Franck Ribéry in der zweiten Halbzeit wirbelten, wähnte man sich im so oft von Hoeneß als Negativbeispiel angeführten Circus Sarrasani. Oder aber bei den Galaktischen von Real Madrid – mit einem der von dort kam (Robben), einem der dort hinwill (Ribéry) und einem, der wenigstens spanische Großeltern hat (Gomez).
So viele neue Spieler gibt es diese Saison beim FC Bayern, da kann man auch mal über den Namen eines altbekannten Stars stolpern, wie es Franz Beckenbauer am Samstag in diversen Fernsehinterviews passiert ist. Die Lichtgestalt sprach ständig mit englischem Akzent von einem gewissen "Fränk Ribbery". Da ist der Weg zu Arjen "Robbery" nicht mehr weit. Übrigens: Wer denkt, dass für die Finanzierung des Bayern-Kaders ein Bänk-Robbery notwendig ist, liegt falsch: Dafür gibt es bei "Hulk" Hoeneß das Festgeldkonto.
Gesellenstück: Krämerseelen aus dem hohen Norden
Alles ist in den letzten Tagen und Stunden vor der Länderspielpause in Bewegung: Der Transfermarkt in erster Linie, das Trainer- und Managerkarussell, aber auch die Bundesligatabelle. Ganz oben ist hier nun der Hamburger SV gelandet, jener Klub, der seit dem Abschied von "Dukaten-Didi" Beiersdorfer ohne Sportdirektor dasteht, dennoch aber in Sachen Geldgeschäfte fast so aktiv ist wie die Deutsche Bank. So ist Top-Torjäger Paulo Guerrero, der am Sonntag mit zwei Toren den 1. FC Köln fast im Alleingang abschoss, fest entschlossen, seinem Arbeitgeber die Ersparnisse zu mopsen: Der Peruaner, dessen Vertrag im nächsten Sommer ausläuft, verlangt für eine neue Unterschrift fünf Millionen Euro Jahresgehalt und strebt damit in die erste Liga der Bundesliga-Großverdiener.
Nun hatten wir an dieser Stelle schon mehrfach thematisiert, dass Fußballspieler manchmal mit ihren Einschätzungen ziemlich breit an der Realität vorbeischrammen. Guerrero ist dafür ein gutes Beispiel. Meilenweit neben der Wahrheit lag aber offenbar auch die Klubführung – und zwar mit ihren Aussagen zur Verpflichtung von Zé Roberto im Sommer. Während Gott und die Fußball-Welt dachten, den Hanseaten sei ein echtes Schnäppchen gelungen, indem sie den voll im Saft stehenden, aber bei Bayern nicht mehr gebrauchten Ballzauberer verpflichteten, kommt nun zutage, dass man sich finanziell ganz schön verrenken musste, um ihn zu bekommen.
Die Transferrechte hielt nämlich in Wahrheit Club Nacional Montevideo in Uruguay, von dort hatten sich die Bayern den tief religiösen Dribbler zwischen 2006 und 2008 für insgesamt eine Million ausgeliehen und von dort löste ihn nun der HSV ab – und zwar für vier Millionen Euro. Und schon relativiert sich die Mär von den Hamburger Finanzgenies: Vier Millionen für einen 35-Jährigen? Selbst wenn er Zé Roberto heißt, ist das dann doch weniger Deutsche Bank als eher Hypo Real Estate.
Erstes Lehrjahr: Versprochen? – Im Fußball meist gebrochen!
Der Fußball-Fan an sich – und nicht nur derjenige von Schalke 04 oder 1860 München – ist an leere Versprechungen durchaus gewöhnt. Meisterschaften, Pokalsiege, große Transfercoups oder wirtschaftliche Solidität – bei solch optimistischen Prognosen handelt es sich in vielen Fällen um das Blaue am Fußball-Himmel, das den Anhänger träumen lässt. Und meist doch unerreicht bleibt. Unvergessen das Versprechen von Jupp Heynckes auf der Meisterfeier 1990 vor 30.000 Bayern-Fans auf dem Münchner Marienplatz, ihnen im nächsten Jahr den Europapokal zu präsentieren. Die Wahrheit: Heynckes stand nie wieder auf dem Rathausbalkon und wurde 17 Monate später entlassen.
Ebenfalls 1990 versprach der damalige DFB-Teamchef Franz Beckenbauer anlässlich des WM-Titels und der Wiedervereinigung allen deutschen Anhängern blühende Landschaften: "Jetzt sind wir auf Jahre hinweg unschlagbar", sagte der Kaiser und hatte dabei die Rechnung ohne die Fußball-Großmächte Dänemark und Bulgarien gemacht, die für seinen Nachfolger Berti Vogts bei den folgenden Turnieren jeweils eine Nummer zu groß waren. Es ist unglaublich beruhigend, wenn mal ein Fußballer daherkommt, der große Töne spuckt – und es folgen tatsächlich entsprechende Taten.
Um so einen zu finden, ist es nötig, in unser Nachbarland Frankreich reisen. Olympique Lyon musste diesmal nach sechs Meistertiteln in Folge in die Champions League-Qualifikation und bekam es dort mit den Belgiern aus Anderlecht zu tun. Lyon ging das Hinspiel zu Hause ziemlich engagiert an und feierte einen 5:1-Sieg. An sich schon mal respektabel, dennoch stellte sich der französische Jung-Nationalspieler Bafetimbi Gomis nach dem Match mit etwas zerknirschter Miene vor die TV-Kameras und sagte staubtrocken: "Das Toreschießen haben wir uns für das Rückspiel aufgehoben." Der Witz: Tatsächlich stand es in der zweiten Partie in Brüssel zur Pause auch schon wieder 3:0 für Olympique, am Ende hieß es immerhin 3:1. Großmaul Gomis hatte also nicht übertrieben. Einziger Wermutstropfen für alle, die nun an das Gute im Fußballer glauben: Der Mann saß im Rückspiel 90 Minuten lang draußen.
Zwei linke Hände: Besiegte Sieger
Wer selbst nicht so wahnsinnig viel auf die Reihe bekommt und dann doch mal was schafft, das nicht jedem gelingt, geht in der heutigen Zeit entweder in eine Casting-Show oder er schreibt seine Heldentaten zumindest auf ein T-Shirt. So wie die Fußballspieler aus Mainz, die zuletzt einen viel beachteten Sieg gegen die Bayern schafften und anschließend die total innovative Idee hatten, ein "Bayern-Besieger"-Hemd in die Fan-Shops zu bringen. Mittlerweile ist auch dem letzten Narren klargeworden, dass dieser Erfolg eher der beispiellosen Schwäche der Münchner an jenem Tag geschuldet war als einer plötzlichen Mainzer Metamorphose zum Spitzenteam. Dass es sich nämlich beim Karnevalsverein auch weiterhin um eine Ansammlung allenfalls durchschnittlich begabter Balltreter handelt, zeigte sich am Freitag bei der verdienten 0:2-Pleite gegen Borussia Mönchengladbach, deren Fans schon mal ein schönes Schild hochhielten: "Bayern-Besieger-Besieger". Wenn in der Bundesliga weiterhin jeder jeden schlagen kann, ist jetzt schon klar, was am 34. Spieltag auf dem ein oder anderen Shirt steht: Ziemlich viel Text.