Andermatt ist ein Knotenpunkt: Autos und Bahn treffen sich hier auf ihrem Weg vom Norden in den Süden. Für Motorradfahrer und Rennradler eröffnet sich auf der grünen Ebene ein wahres Pass-Eldorado. In alle Himmelsrichtungen steigen die Passstraßen in den Himmel. Von Patrick Choinowski, Andermatt
Dem Himmel so nah
Gotthard-, Oberalp-, Susten- und Furkapass klingen wie gute Musik in den Ohren eines jeden Motorrad- oder Rennradfahrers. Am Fuße dieser vier Pässe liegt Andermatt. Eine 1.300 Seelengemeinde, deren alte Häuser an ein verschlafenes Bergdorf erinnern. Dieser Eindruck aber täuscht: Sommer wie Winter geht hier die Post ab - und das nicht nur, weil täglich eine Postkutsche von Andermatt aus über den Gotthardpass nach Airolo im Tessin reist. Während im Winter der Skibetrieb den Ort im Kanton Uri auf Trab hält, sind es im Sommer Bahn- und Motorradtouristen hierher. Schließlich liegt Andermatt nicht nur in Schlagweite zu vier großen Alpenpässen, nein, es liegt auch an Furka-Oberalbbahn, auf der bekanntlich der Glacierexpress fährt.
Unter Bahn- und Motorradtouristen mischen sich seit geraumer Zeit auch etliche Rennradfahrer. Die kleinen Hotels machen einen Vier-Tages-Aufenthalt erschwinglich und sind bestens auf die Bedürfnisse der Sportler eingestellt: Einem reichhaltigen Frühstücksbüffet folgt ein noch üppigeres Essen am Abend.
Gute Stärkung braucht man auch, um die sagenumwobenen Passstraßen zu erklimmen. Allesamt lassen sie sich in unvergessliche, aber auch anstrengende Runden einbauen und mit noch weiteren, umliegenden Pässen garnieren.
Tour-Vorschlag 1: Andermatt - Gotthardpass - Airolo - Nufenenpass - Ulrichen - Furkapass - Andermatt (112 km, 3100 hm)
Eine lockere Einrollrunde sieht sicher anders aus. Dennoch, diese Runde eignet sich perfekt, um richtig warm zu werden für die folgenden Tage. Zugegeben der Gotthardpass ist von der Nordseite her nicht unbedingt der Traum eines Rennradfahrers. Zusammen mit der Pferdekutsche oben auf 1.900 Metern Höhe anzukommen, hat man aber nicht alle Tage. Außerdem befindet sich hier auch die Wetterscheide, an dem Übergang zwischen Zentralschweiz und Tessin. Auf der Abfahrt nach Airolo wird es sogleich wärmer und die Sonne wärmt immer mehr Arme und Beine.
Eine Rast in der italienischen Schweiz muss freilich sein. Ein Capuccino in der warmen Sonne Airolos tut gut, bevor es wieder anstrengend wird. Ein knapp 20 Kilometer langer Anstieg ist auf den Nufenenpass zu bewältigen, der den Rennradler sogleich vom Tessin ins Oberwallis führt. Ulrichen mit seinen schönen, typischen Holzhäusern lässt man trotzdem links liegen, weil ja noch ein Anstieg wartet: der Furkapass. Am Bahnhof in Schönwald kommt man schon ins Überlegen, ob doch nicht lieber die bequemere Variante durch den Tunnel nach Realp oder gleich nach Andermatt gewählt werden soll. Was man dann verpasst? Eine der großen Attraktionen dieser Runde: Die Zunge des Rhônegletschers. Direkt führt die Straße daran vorbei. Im langsamen Tempo ist sie – oder besser, das was von ihr übrig ist – aus vielen Perspektiven zu bestaunen. Noch mit den Eindrücken behaftet, geht es auf einer rauschenden Abfahrt wieder hinab, nach Andermatt.
Tour-Vorschlag 2: Andermatt - Sustenpass - Innertkirchen - (Große Scheidegg) - Innertkirchen - Grimselpass - Furkapass - Andermatt (160 km, 4800 hm mit Gr. Scheidegg)
Wenn eine Etappe den Titel "Königsetappe" verdient hat, dann diese: Das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau wartet als Höhepunkt der Tour. Was allerdings gebraucht wird, ist viel Kraft und eine gute Ausdauer. Denn vier Pässe wollen bewältigt werden und gerade die Große Scheidegg, die zum Höhepunkt führt, hat Steigungsprozente bis zu 20 Prozent. So ist der Sustenpass, der ungefähr zehn Kilometer unterhalb von Andermatt – in Wassen – beginnt nur ein Pass zum Aufwärmen. Wenig Verkehr und immer beeindruckende Blicke in die Gletscherwelt lassen den Rennradler die Straße hinauffliegen. Einziger Nachteil: Ein Tunnel an der Passhöhe zerstört ein wenig die Stimmung.
Doch die hebt sich sogleich nach Innertkirchen. In Richtung Interlaken muss man sich orientieren, will man hinauf auf die Große Scheidegg. Vorsicht: Die Abzweigung hinauf auf die 1.900 Meter hohe Große Scheidegg ist spät und schlecht beschildert. Gleich nach der Abfahrt und noch vor Interlaken dem Hinweisschild "Rosenlaui" folgen. Die Straße führt nämlich zum Rosenlauigletscher. Erst ab der Schwarzwaldalpe dürfen keine Autos mehr fahren. Dafür nimmt die Steigung zu und der Wald ab. Es braucht schon ein wenig Balance und die richtige Übersetzung, um den Lenker bei 20 Prozent Steigung gerade auf der Straße zu halten. Wer das schafft, wird mit einem atemberaubenden Blick belohnt. Direkt gegenüber des Lokals bauen sich Eiger, Mönch und fast nicht sichtbar die Jungfrau auf. Ein Andekenfoto an dieser Stelle ist Pflicht.
Von der Großen Scheidegg besteht entweder die Möglichkeit, hinab zu fahren nach Grindelwald. Wer aber zurück nach Andermatt möchte, wählt den gleichen Weg zurück. Allerdings zweigt man diesmal in Innertkirchen in Richtung Grimselpass ab. Nicht besonders ereignisreich ist dieser Übergang. Außer, dass er sehr verkehrsreich ist. Oben laden zwei kristallklare Bergseen zum Baden ein, doch nur eine Probe mit der Hand, schreckt schon ab, so kalt sind die Gewässer. Hier lässt sich bereits ein Blick auf den Scheitelpunkt des Furkapasses erhaschen, den man auf dem Weg zurück nach Andermatt als letzten zur Hälfte noch erklimmen muss.
Die Abfahrt auf den Furkapass ist da schon eher etwas zum Genießen. Weite Kehren ziehen sich nach unten und lassen richtiges Pass-Feeling aufkommen. Und die restlichen Höhen- und Kilometer hinauf auf den Furkapass sind hart, aber machbar.
Zurück in Andermatt verdient man eine ordentliche Stärkung und eine heiße Ovo in der "Alten Apotheke". Das gemütliche schweizer Beizli ist für Tag- und Nachschwärmer ein perfekter Ort zum Relaxen: Kuhfelle zieren die kahlen Holzbänke. Selbstgebackener Kuchen, Fassbier und Ovomaltine lassen den anstrengenden Tag zu einem perfekten Tag werden.
Tour-Vorschlag 3: Andermatt - Oberalppass - Diesentis - Lukmanierpass - Biasca - Gotthardpass - Andermatt (161 km, 3200 hm)
Die Via Tremola – wer kennt diesen Namen nicht? Sie ist der Inbegriff einer Kopfsteinplasterstraße. Erst vor wenigen Tagen rollte der Troß der Tour de Suisse über das "Teufelstal" hinab nach Andermatt. Der ein oder andere mag Bammel haben, diese Straße von Airolo hinauf auf den Gotthardpass mit dem Rennread zu bewältigen. Doch diese Angst ist unbegründet. Rahmen und Laufräder werden freilich auf eine harte Probe gestellt, doch bleibt es ein unvergessliches Erlebnis diese Straße einmal auf zwei dünnen Reifen bewältigt zu haben.
Der Höhepunkt oder für manche auch der Horror wartet aber erst zum Schluss dieser Runde. Zuvor kommen noch zwei andere Herausforderungen. Wobei man beim Oberalppass kaum davon sprechen kann. Der Anstieg von Andermatt ist sanft und eignet sich gut zum Einrollen. Ebenso der Lukmanier. Kaum einmal zeigt der Tacho Steigungen über zehn Prozent an. Der Verkehr ist hier auf der Straße von Graubünden ins Tessin überschaubar, die Landschaft wunderschön. Wäre nicht die Tunnelgalerie kurz vor der Passhöhe, die den Blick auf den azurblauen See verhindert, der Pass wäre perfekt.
Auf der Abfahrt kann man es richtig krachen lassen – kaum Kurven und eine breite Straße lassen keine Wünsche offen. Allerdings auf zahlreiche Wanderer ist zu achten, die hier die heißen Quellen aufsuchen, um zu baden. Fast 40 Kilometer geht es hinunter bis nach Biasca. Von dort beginnt der lange Anstieg auf den Gotthardpass. Oft geht es entlang der verstopften Autobahn. Und während die Urlauber kilometerlang im Stau stehen, radelt man immer leicht ansteigend in Richtung Airolo. Ein letztes Mal noch das Tessin genießen, dann kommt sie, die Via Tremola. Ordentlich durchgeschüttelt wird man, dafür ist die Steigung sehr moderat und führt durch ein einsames Tal. Mit der Abfahrt auf der Gotthardstraße endet die Tour nach 161 Kilometern in Andermatt.
Die Touren lassen sich in unterschiedlicher Abfolge fahren. Sie führen durch die Kantone Uri, Berner Oberland, Wallis, Tessin und Graubünden. Wer keine Lust oder nicht die Kondition hat, um die Pässe mir dem Rad zu erklimmen, dem bleiben Motorrad oder Auto. Für einen Pässefan lässt die Zentralschweiz einfach keine Wünsche offen.