Der 33. Bundesliga-Spieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Magath will nicht zu früh feiern

Die Vorstellung war so beeindruckend, dass es kaum noch Zweifler gibt: Der VfL Wolfsburg steht vor dem Gewinn seines ersten Meistertitels. Ordentlich Nachbarschaftshilfe bekamen die "Wölfe" vom Lokalrivalen Hannover 96. Das Niedersachsen-Derby wurde zur Farce. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Magath will nicht zu früh feiern

Meisterbetrieb: Tückische Sahnetorte

Die Vorstellung war so beeindruckend, dass es kaum noch Zweifler gibt: Der VfL Wolfsburg steht vor dem Gewinn seines ersten Meistertitels. Ein Remis im Heimspiel gegen Bremen würde wohl schon reichen – eine alles andere als unlösbare Aufgabe, zumal Werder während der Woche die Kleinigkeit eines UEFA-Pokalfinales in Istanbul gegen Donezk zu erledigen hat. Keine Überraschung, dass sich schon die ersten Gratulanten bei Trainer Felix Magath melden, um ihm herzliche Glückwünsche zur Schale auszurichten. Horst Heldt etwa, der Stuttgarter Sportdirektor, sandte seine Grüße via Fernsehen mit einem schelmischen Grinsen nach Niedersachsen. Das wirkt dann so, als ob die liebe Verwandtschaft dem Jubilar eine Woche vor dessen 100. Geburtstag schon mal eine dicke Sahnetorte schickt und darauf hofft, dass sich der rüstige Herr daran verschluckt, damit das Erbe fließt. Aber Magath lässt sich nicht einlullen: "Oft genug haben diejenigen, die früh gefeiert haben, am Ende geweint. Und ich will mir das Weinen ersparen", sagt der Wölfe-Bändiger.

Kurz vor dem großen Erfolg werden eben die Freunde rar, nur gut, wenn man wenigstens treu ergebene Nachbarn hat. Dass sich Hannover 96 am vorletzten Spieltag im Niedersachsenderby vor eigenem Publikum als derart willenloser Punktelieferant präsentieren würde, war zwar nicht absehbar, machte der Wolfsburger Tormaschine Dzeko und Grafite aber dennoch viel Freude.

96-Trainer Dieter Hecking wies den Vorwurf der Nachbarschaftshilfe weit von sich, für die treuen Fans der Roten aber dürfte das nur ein schwacher Trost gewesen sein: Vom Emporkömmling aus der Nachbarstadt derart abgefrühstückt zu werden – das passte zur total verkorksten Saison der Hannoveraner.

Gesellenstück: Alles andere als gönnerhaft

Die Bayern wollten ihr Endspiel – und nun haben sie es! Nur geht’s darin vermutlich nicht mehr um den Titel, sondern nur noch um die Qualifikation für die Champions League, die man besser nicht verpassen sollte, schließlich sind die Festgeldkonten durch die Abfindung für Jürgen Klinsmann und seinen Mulit-Kulti-Trainerstab ziemlich abgeräumt. Dass die Chancen auf die Titelverteidigung praktisch weg sind, lag daran, dass Herbstmeister Hoffenheim rechtzeitig vor dem Match gegen die Bayern das Rezept für den Zaubertrank aus der Vorrunde wieder gefunden hat. Zuletzt zwei Siege, nun die Gala-Leistung gegen die Heynckes-Elf. Die TSG rannte und fightete wie in Trance – bemerkenswert vor allem deshalb, weil es für sie praktisch um nichts mehr ging. Das wollte Hoffenheims Giftzwerg Tobi Weis so nicht stehen lassen: "Wir wollten den Bayern die Meisterschaft versalzen und das haben wir geschafft." Scheinbar entwickelt sich zwischen dem Aufsteiger aus dem Kraichgau und dem Branchenführer aus dem Freistaat eine richtig ungesunde Abneigung. Nach einem sehenswerten Offensivspektakel stand es am Ende 2:2, für die Münchner zu wenig, um mit den Wölfen Schritt zu halten.

Die neuralgische Tabellensituation vor dem letzten Spieltag wird auch den künftigen Bayern-Coach in Holland nicht kalt lassen. Aber vielleicht nimmt es Louis van Gaal ja gar nicht so tragisch, wenn sein neuer Klub die Königsklasse verpasst: Im UEFA-Cup, der künftig Europa League heißt, könnte er wenigstens nicht auf seinen Ex-Klub treffen. Alkmaar spielt als holländischer Meister nämlich in der Champions League.

Erstes Lehrjahr: Wasserblasen als Trophäen

Für die meisten Ausdauersportler geht es beim Marathonlauf vor allem darum, ins Ziel zu kommen. Dabeisein und zwar bis zum Zielstrich, das war etwa auch für XXL-Fußballmanager Reiner Calmund der große Ansporn, am Sonntag beim Halbmarathon im Ruhrgebiet an den Start zu gehen. Franz Beckenbauer mochte es gar nicht glauben, dass der auf schlappe 137,5 Kilo abgespeckte Dickmann eine Langstrecke absolvieren wolle: "42 Meter vielleicht", sagte Franz auf die Frage, ob er Calmund einen Marathon zutraue. Doch der frühere Leverkusen-Manager schaffte es tatsächlich in knapp vier Stunden, die 21,1 Kilometer zu bewältigen. Und ganz ohne Rollen.

Was das alles mit dem Hamburger SV zu tun hat? Die Elf von Trainer Martin Jol ist derzeit ebenfalls auf den letzten Metern eines wahren Marathons: Über 50 Pflichtspiele hat der Bundesliga-Dino nun in dieser Saison schon absolviert, doch weil es im Profifußball im Gegensatz zu Volksläufen nicht nur ums Dabeisein geht, dürfte die Bilanz der Hamburger kommende Woche wenig rosig ausfallen. Das Bankkonto platzt nach einigen von "Dukaten-Didi" Beiersdorfer eingefädelten völlig überteuerten Transfers zwar aus allen Nähten, doch die einzigen Trophäen, die den HSV-Spielern nach dieser langen Spielzeit bleiben, sind ihre Wasserblasen an den Füßen vom vielen Laufen. Und weil Marathonlaufen angeblich süchtig macht, steht den Hamburgern das Schlimmste noch bevor: Wenn Konkurrent Dortmund nächste Woche gegen Gladbach gewinnt, verpassen sie die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. Anders ausgedrückt: Die nächste Saison wird nur noch eine Mittelstrecke sein.

Zwei linke Hände: Ex-Trainer ohne Blasenschwäche

Diese Personalpolitik ist taktisch zumindest fragwürdig: Vor dem letzten Spiel, in dem es für den Klub ums Überleben in der Bundesliga geht, hat Arminia Bielefeld seinen Trainer Michael Frontzeck entlassen. Ein Novum in der Bundesligageschichte, denn als Rot-Weiß Essen einst vor dem letzten Match Fritz Pliska rauswarf, waren die Revier-Kicker schon abgestiegen. In Ost-Westfalen hofft man nun, dass die späte Demission des Coaches eine bahnbrechende Wirkung hat: Das Team hat keine Alibis mehr und soll mit einem Dreier gegen die zugegeben nicht gerade furchteinflößenden Hannoveraner zumindest den Relegationsplatz verteidigen.

Fraglich bloß, ob es an Frontzeck lag, dass die Arminia in Dortmund am Samstag so schwer vermöbelt wurde. 0:6 stand es am Ende einer ganz bitteren Vorstellung der Bielefelder – und das nachdem der Trainer noch vor dem Match kundgetan hatte, wegen der Borussia nicht unter Inkontinenz zu leiden: Er mache sich nicht in die Hose, ließ Frontzeck wissen. Die Unterwäsche blieb also trocken, dafür dürften die Arminia-Fans beim Blick auf die Tabelle feuchte Augen bekommen: Nur vier von 33 Spielen gewann der DSC, eine Bilanz, die einem Absteiger gut zu Gesicht stehen würde.