Der 30. Bundesliga-Spieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Wachgeküsste Bayern, das Defensiv-Ungeheuer Gladbach und Streitkultur in Hoffenheim

Eigentlich war alles wie immer – die Arena ausverkauft, dieselben Fußballer auf dem Platz wie schon in den bisherigen Spielen dieser Saison, die Trikots strahlend rot. Neu war nur Trainer-Dino Jupp Heynckes, der Dornröschen und einen ganzen Hofstaat aus einem hundertjährigen Schlaf zu erwecken versuchte. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Wachgeküsste Bayern, das Defensiv-Ungeheuer Gladbach und Streitkultur in Hoffenheim

Meisterbetrieb: Felix, die Sphinx

Wer weiß schon genau, was in einem Mann vorgeht, der offenbar kein Problem damit hat, dass ihn ganz Deutschland für den größten Sadisten im bezahlten Fußball hält. Wolfsburgs Trainer Felix Magath schert sich nicht all zu viel um die öffentliche Meinung, sonst würde er längst seinem Image als Brutalo-Schleifer entgegenwirken. Im Gegenteil, "Quälix", wie ihn der Boulevard nennt, pflegt er alle Mythen um seine Person und scheint sich nun eine neue Gemeinheit ausgedacht zu haben, die sich insbesondere gegen seinen aktuellen Arbeitgeber richtet. Eine Gesprächsrunde bezüglich der vorzeitigen Vertragsverlängerung lehnte der Coach des Bundesliga-Tabellenführers zweimal ab, nun sickerte durch, dass sich Magath längst für Schalke 04 als seinen künftigen Verein entschieden haben soll und zudem seine Torfabrik Dzeko und Grafite gleich noch mit in den Ruhrpott bringen wolle. Der Coach bleibt cool, will bis Saisonende keinen Kommentar abgeben und sagt dann doch: "Alles offen."

Ähnlich kryptisch gibt sich der sechsfache Familienvater in Bezug auf den möglichen Meistertitel mit den Wölfen: Zunächst erklärte er die Bayern selbst in der Schlussphase der längst zum Scheitern verurteilten Kurz-Ära Klinsmann noch zum Titelfavoriten, um dann eine Woche später plötzlich umzuschwenken: "Jetzt sind wir der Favorit", sagte Magath nach der 45-Minuten-Gala gegen Hoffenheim am Samstag – obwohl auch die Bayern einen Sieg einfuhren. "Quälix", ein bisschen wie Pippi Langstrumpf: "Ich mach mir meine Welt, wie sie mir gefällt."

Gesellenstück: Betagter Märchenprinz

Eigentlich war alles wie immer – die Arena ausverkauft, dieselben Fußballer auf dem Platz wie schon in den bisherigen Spielen dieser Saison, die Trikots strahlend rot. Und dennoch wirkte der FC Bayern im Spiel eins nach Klinsmann wie ein maroder Betrieb, der entweder gerade Besuch von einer Unternehmensberatung hatte oder dessen Belegschaft kollektiv beim Firmenpsychologen vorstellig geworden war. Befreit und mit zuletzt nur selten gesehenem Elan gingen die Münchner unter der Regie ihres Interimscoaches Jupp Heynckes gegen Mönchengladbach ans Werk, selbst ohne den gesperrten Ribéry war viel mehr Bewegung im Spiel. Die Kicker des Rekordmeisters sprühten nur so vor Ideen und Spielfreude.

Lukas Podolski etwa, der in den letzten Monaten wirkte wie ein Kreisklassenfußballer, der in der Lotterie ein Praktikum bei einem Bundesligaklub gewonnen hat, stellte nach langer Durststrecke endlich wieder einmal seine Qualitäten unter Beweis und trommelte sich nach dem gelungenen Pass zum 2:1-Siegtreffer wie King Kong auf die stolz geschwellte Brust.

Podolski war nicht das einzige Fabelwesen, an das man sich an diesem Nachmittag erinnert fühlte, auch Heynckes‘ Erscheinung hatte etwas märchenhaftes – er wirkte trotz seiner mittlerweile 63 Jahre wie jener Held, der Dornröschen und einen ganzen Hofstaat aus einem hundertjährigen Schlaf erweckte. Und so erlegten die bayerischen Ritter das Defensiv-Ungeheuer Gladbach, obwohl dessen Kämpfer ihnen, wie Bastian Schweinsteiger offenherzig mutmaßte, in ihrem Verteidigungswahn wohl sogar bis auf die Toilette gefolgt wären. Das Happy End aus Münchner Sicht war beinahe allumfassend – doch eine Sache verdeutlichte dann doch, dass sich Jupp Heynckes nicht auf Wunder versteht: Christian Lell kann man küssen, so oft man will – er wird fußballerisch kein Prinz mehr.

Erstes Lehrjahr: Wozu Stürmer?

Beim Treffen der Trainer-Dinos in der Münchner Fußball-Arena gab es nicht nur den gefeierten Rückkehrer Heynckes, sondern auch den unglücklichen Borussen-Coach Hans Meyer, der gehofft hatte, die verunsicherten Bayern mit einer eigenwilligen Taktik in die Knie zu zwingen: Keinen einzigen nominellen Angreifer bot der 66-Jährige auf, ließ sich darin bis weit in die zweite Halbzeit hinein nicht beirren, obwohl seine Mannschaft mit 1:2 zurück lag. Selbst als die Gladbacher Fans das Lied "Wir wollen Stürmer sehen" anstimmten, dauerte es noch, ehe Meyer die Schlachtenbummler erhörte.

Am Ende brachte auch die Einwechslung von Colautti, Neuville und Toptalent Marko Marin nichts mehr, weil sich Meyer statt auf geballte Offensivkraft vergeblich auf zwei andere Dinge verlassen hatte: Auf den wahrlich sensationell haltenden Torwart Bailly, der die Bayern-Angreifer derart verzweifeln ließ, dass man von einer baldigen Verpflichtung des Belgiers durch den Rekordmeister ausgehen kann. Und auf die schon beinahe unheimliche Elfmeterquote der Rheinländer: Seit der Winterpause erhielt kein Team der Liga mehr Strafstöße zugesprochen als die Fohlen-Elf. Das zwischenzeitliche 1:1 von Daems resultierte aus dem fünften Penalty im fünften Auswärtsspiel in Serie. Meyer dachte sich angesichts dieser Fakten wohl, dass die Rolle der Angreifer in einer Fußball-Elf gnadenlos überbewertet sei. Und lag mit dieser Meinung am Ende doch daneben.

Zwei linke Hände: Zoff in Hoffenheim

Mit dieser Masche dürfte Ralf Rangnick bei seinem Boss ziemlich auf Granit beißen: Ausgerechnet jetzt, wo es für die Hoffenheimer eine Klatsche nach der anderen setzt und der Herbstmeister froh sein kann, schon vor Weihnachten den Grundstein zum Klassenerhalt gelegt zu haben, fordert der Coach Verstärkungen für die neue Saison und droht mit Rücktritt für den Fall, dass Dietmar Hopp die Kasse zulässt. Keine gute Idee, fand der Gründer des Software-Konzerns SAP und machte schon mal klar, dass er sich nicht erpressen lasse. Doch Rangnick meint es offenbar ernst: Mit Mittelmaß identifiziere er sich nicht, Rückschritte seien nicht zu akzeptieren, man müsse sich auf sechs, sieben Positionen verstärken.

Starker Tobak, der es auch im Blätterwald ordentlich rauschen lässt. Von "Zoffenheim" ist da nun die Rede und davon, dass sich Rangnick vielleicht deshalb um Kopf und Kragen redet, weil schon ein anderer Klub angefragt haben könnte. Er allerdings sagt, dass er sich damit nicht befassen würde, so lange er "das Gefühl hat, die Mannschaft weiterzuentwickeln". Fragt sich nur, in welche Richtung, denn irgendwann ist auch in Sachen Misserfolg keine Steigerung mehr möglich.