Der 29. Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Erfolglose Schalenjäger

Gnadenlos scheiterte der VfL Wolfsburg mit dem Versuch, seinen elften Sieg in Serie einzufahren und sich von der Konkurrenz abzusetzen. Ob er das noch bereuen wird? Der FC Bayern bläst nach der heutigen Klinsmann-Entlassung mit dem Trainer-Duo Heynckes/Gerland zum Angriff. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Das war's für Jürgen Klinsmann: Nach zehn Monaten endet seine Trainer-Tätigkeit beim FC Bayern München. Foto: ddp

Erfolglose Schalenjäger

Meisterbetrieb: Energie an einem Strang

Soll nochmal einer behaupten, die Fans der Bundesligaklubs hätten vor allem die Funktion, Geld in die Kasse zu spülen und eine schöne Kulisse für Fernsehübertragungen abzugeben. Dass die Anhänger sehr wohl auch als Motivationsfaktor für angeblich gleichgültige Profis wirken können, zeigte sich in dieser Woche in Cottbus. Nach der bodenlosen Vorstellung vergangene Woche auf Schalke (0:4) hatte der Lausitzer Anhang getobt. Der Vorschlag der Kicker, den Fans deren Eintrittskosten zu erstatten, wurde von den frustrierten Energie-Sympathisanten erbost zurückgewiesen. Als blanken Hohn bezeichneten sie das Angebot. Am Donnerstag kam es nun zum Friedensgipfel mit Anhängern, Spielern, Vorstand – mit dem Effekt, dass die Cottbuser beim Duell mit Tabellenführer Wolfsburg über 90 Minuten frenetisch angefeuert wurden.

Und am Ende das kleine Fußball-Wunder schafften: Alleine Grafite hatte im bisherigen Saisonverlauf fast so viele Tore geschossen (22) wie der gesamte Energie-Kader (24) – umso erstaunlicher, dass die Prasnikar-Elf diesmal mit 2:0 die Oberhand behielt und gleichmal die Abstiegsplätze verließ. Die Wölfe dagegen scheiterten gnadenlos mit dem Versuch, ihren elften Sieg in Serie einzufahren. Womit der einzige Rekord, den sie in dieser Woche aufstellen werden, ihr Konditionstraining unter Schleifer Magath sein dürfte.

Gesellenstück: Schalker Märchenstunde

Bei S04 kommt man sich immer ein bisschen so vor wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau. In der Rolle der unbescheidenen Anglergattin Ilsebill sehen wir den Schalker Vorstand, der nie mit dem zufrieden ist, was der Verein gerade erreicht hat und sich am Ende ein ums andere Mal in erbärmlichen Verhältnissen wiederfindet. Da eilt das Trainer-Trio Büskens/Mulder/Reck von Erfolg zu Erfolg, hat nun in vier Spielen seit der vorübergehenden Beförderung vier Siege bei 11:0 Toren eingefahren – und wird wohl dennoch nach Saisonende abgelöst. Ganz nach dem Motto eines anderen Märchens: Ihr seid die schönsten hier, aber Trainer XY hinter den sieben Bergen ist noch tausendmal schöner als ihr.

Denselben Fehler haben sie Ende der vergangenen Saison auch schon gemacht: Mike Büskens und seine Kollegen führten die Königsblauen mit fünf Siegen und einem Remis in den letzten sechs Spielen noch in die Champions League-Qualifikation, für ein festes Engagement reichte es dennoch nicht. Es sollte schließlich ein echter Erfolgstrainer sein, möglichst schillernd zudem. Mit Fred Rutten ist man allerdings an beiden Einstellungskriterien brachial vorbei gebrettert. Weil man aber bei den seit 51 Jahren in Sachen Meisterschaft erfolglosen Schalkern immer noch glaubt, man käme gleich nach Real Madrid und vor allen Fußballgöttern, ist das nächste personelle Desaster schon programmiert. Wie sagt der Butt doch zum Fischer so schön, als Ilsebill am Ende des Märchens wie der liebe Gott sein will: "Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in dem alten Pott." Die Gebrüder Grimm müssen den Ruhrpott gemeint haben.

Erstes Lehrjahr: Zufällig wunderschön

Mit dem Toreschießen hat es der Karlsruher Fußballprofi an und für sich überhaupt nicht. Zuletzt leisteten sich die Badener mal kurz eine 752 Minuten lange Torflaute – fast acht Spiele lang wollte das Runde partout nicht ins Eckige. Derjenige, der diese grausige Serie beendete und für das offensivschwächste Team der Liga wenigstens dann und wann ins Schwarze trifft, ist Sebastian Freis. Als es am Freitag vorübergehend hieß, der KSC müsse im Auswärtsspiel gegen Pokalfinalist Leverkusen auf seinen besten Torjäger verzichten, dürfte es selbst den eingefleischtesten Fans schwarz vor Augen geworden sein. Letztlich war Freis dann doch einsatzfähig – für das Tor des Tages konnte er aber rein gar nichts.

Das galt allerdings auch für den Schützen Sebastian Langkamp, der einen Querschläger im Mittelkreis ohne Plan, aber mit Gewalt und Effet in Richtung Leverkusener Kiste auf die Reise schickte und mit einem unfreiwilligen Heber Nationalkeeper René Adler düpierte. Purer Zufall, dennoch dürfte das krumme Ding in die engere Auswahl um das Tor des Jahres kommen. Fällt die Wahl dann auch noch auf die Bogenlampe, wäre das gleich doppelt grotesk: Ausgerechnet jener Mannschaft, die in dieser Rückrunde als personifizierte Ladehemmung durch die Liga stolperte, sollte der schönste Treffer der Saison gelungen sein?

Nebeneffekt des Glückstreffers ist übrigens, dass das sogar vom eigenen Trainer Becker bereits abgeschriebene Karlsruhe plötzlich im Kampf um den Klassenerhalt wieder gute Karten hat und nächste Woche mit einem Sieg im Heimspiel gegen Cottbus sogar die Abstiegsplätze verlassen kann.

Zwei linke Hände: Die kleine Zahlenlehre

Die Bayern wirkten zuletzt ein bisschen wie ein Fallschirmspringer, der sich immer mehr dem Boden nähert, ohne die Reißleine zu ziehen. Während aber die uninspirierte Mannschaft auch beim 0:1 gegen Schalke ungebremst dem harten Boden entgegensteuerte, hat die Führungsetage nun doch das ihre dazu beigetragen, den freien Fall zu stoppen: Der vom Anhang mittlerweile geradezu gemobbte Jürgen Klinsmann wurde von seinem Leid erlöst und bis Saisonende von Altmeister Jupp Heynckes ersetzt. Eine direkte Reaktion darauf, dass der Coach weiterhin ausschließlich die ewig gleichlautenden Durchhalteparolen reproduzierte, anstatt seinen Spielern zu erklären, was sie falsch machen.

Zumindest in Sachen Saisonziele behielt Klinsi bis zum Schluss den Überblick: Zuerst wollte er alle drei Titel, nach dem Aus in Pokal und Champions League proklamierte er den "vollen Angriff auf die Meisterschaft". Vergangene Woche hieß es, er wolle 18 Punkte aus den letzten sechs Spielen – nach der Pleite gegen Schalke sollten es wenigstens die kompletten 15 Zähler aus den letzten fünf Partien sein. Nun sind es doch null Punkte geworden – zumindest für Klinsmann.

Auch bei den Profis mangelt es an der Kenntnis der Zahlen bis fünf: Während sich nämlich Franck Ribéry vor seiner zweiten sinnlosen Regelwidrigkeit schon nicht mehr an die erste erinnern konnte, was ihm einen absurd billigen Platzverweis einbrachte, forderte der schmerzgeplagte Lucio in der Schlussphase mehrfach seine Auswechslung – hätte er in der Schule bei der kleinen Zahlenkunde aufgepasst, wäre ihm klar geworden, dass Klinsmann schon drei andere seiner mäßig erfolgreichen Kollegen vom Platz genommen hatte.

Vielleicht noch zwei kleine Hinweise an die bayerischen Anti-Mathematiker. Erstens: In die Champions League kommen nur die maximal drei besten Teams der Liga. Und zweitens: Der neue Co-Trainer Hermann Gerland lässt Euch mindestens fünf Runden mehr laufen als Klinsmanns amerikanische Gymnastik-Coaches.