Ausgeprägte Machtmenschen seien alle drei, sagt der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Er hat die Wege der zwei Altkanzler und der aktiven Kanzlerin analysiert und ein Buch darüber geschrieben. Sein Ergebnis: Macht hat eine einfache Formel.
Kohl, Schröder und Merkel – Schubsen bis ins Kanzleramt
Helmut Kohl markierte schon als Kind den Anführer und ließ sich von Freunden beim Spielen die Bischofsschleppe tragen. Auch Gerhard Schröder versuchte bereits als Junge, Gegner auf dem Fußballplatz mit Blutgrätschen auszuschalten. Angela Merkel dagegen war in dieser Hinsicht lange zurückhaltend und legte sich ihren Willen zur Macht erst nach und nach zu. Inzwischen hat die Kanzlerin ihre Vorgänger längst eingeholt.
Das Geheimnis hinter der Macht ist laut Langguth simpel: M = Ö x P² – "Macht ist gleich öffentliche Wirkung mal Personalbeeinflussung zum Quadrat." Übersetzt heißt das: Nur wer fähig ist, auf die öffentliche Meinung einzuwirken und insbesondere auf den Karriereweg von anderen, der ist wirklich mächtig. Entscheidend sei der Personalfaktor, sagt Langguth. Netzwerke bilden, loyale Begleiter auf Posten unterbringen und Konkurrenten wegschubsen – das hätten alle drei gemacht: Kohl, Schröder ebenso wie Merkel.
Gerade die aktive Kanzlerin und CDU-Chefin sei darin geübt. "Die Zahl ihrer Skalps ist enorm", sagt der Wissenschaftler. Immer wieder habe Merkel Schwächen ihrer Förderer genutzt und sei an deren Stelle nachgerückt: Erst löste sie Lothar de Maizière als CDU-Bundesvize ab, dann den damaligen CDU-Landeschef in Mecklenburg-Vorpommern, Günther Krause. Später habe sie ihre weiteren Ziehväter in der Partei, Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl, gegeneinander ausgespielt und "nahezu in einem Doppelschlag erledigt".
Wenn es bei Merkel, Schröder und Kohl um den eigenen Machterhalt gehe, stehe keiner dem anderen in Rücksichtslosigkeit nach, sagt Langguth. Doch wie sie ihre Macht einsetzten, sei sehr unterschiedlich. Merkel etwa attestiert er eine "Macht der Sphinx", "weil sie ihre Gefühle extrem beherrscht". Die politische Philosophie, der "innere Kompass" der Kanzlerin bleibe oftmals unklar – eine Zurückhaltung, die auch von ihrer DDR-Vergangenheit herrühre. "Die eigenen Gefühle vor jedermann zu verbergen, war im Stasi-Land die wichtigste Überlebensstrategie", sagt Langguth.
Schröder habe dagegen die "Macht des Aufsteigers" gehabt – einer, der aus ärmlichen Verhältnissen nach oben wollte und aus dieser Motivation keinen Hehl machte. "Alle Machtmenschen haben es an sich zu sagen, dass sie keine Machtmenschen sind", sagt Langguth. Bei Schröder sei das anders gewesen. Der SPD-Politiker räumte in der Vergangenheit mehrfach offen ein, politische Arbeit sei auch ein Mittel, um die eigene Eitelkeit zu befriedigen und Bestätigung zu finden.
Die Faszination der Macht ist auch Langguth nicht fremd. 1976 zog er für die CDU in den Bundestag ein, saß lange im Bundesvorstand der Partei, hat dort die Mechanismen der Parteipolitik erlebt – und "gelegentlich durchlitten", wie er sagt.
Bei der Buchpräsentation sitzt einer neben ihm, der ebenfalls lange die Vorzüge der Macht genossen hat – der frühere sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Auch er doziert über Macht und deren Nebenwirkungen. "Ohne Macht kann man Politik nicht machen", sagt Milbradt. An sich sei das nichts Schlechtes, aber Macht könne einen Menschen auch "deformieren" und "süchtig machen – wie bei Junkies". Seit gut einem Jahr ist Milbradt auf Entzug. Im Mai 2008 schied er aus seinem Amt. "Der eigentliche Moment des Machtverlusts schmerzt natürlich", sagt er. Aber bislang funktioniere die Entwöhnung ganz gut.
Christiane Jacke/ddp