Denkmalpflege verlangt von Handwerkern Wissen aus alten Zeiten, Liebe zum Historischen und viel Erfahrung
Elisabeth Göpel

Zweiter Frühling in Paris
Laut stampfend fällt der Stempel aus Blei ins weiche Zink. Einen Meter saust er an seinen Seilen herab und treibt es tiefer und tiefer in die Matrize. Vier-, fünfmal schlägt er es noch, dann befreit Detlef Rheinwein, Spenglermeister in der Werkstatt Lorenz Sporer, das frisch geprägte Blech aus dem Fallwerk und klopft ihm mit einem Hammer behutsam die Falten aus.
Heute sind es Olivenzweige, die Rheinwein mit viel Gefühl für das sensible Material in Form bringt. Die Ornamente in Gestalt von Blättern und Früchten sind für die Gauben des „Au Printemps“ bestimmt, eines Kaufhauses im Jugendstil in Paris. Seien es Engelsgesichter, Teufelsfratzen oder Rosenranken aus Zink – sie alle verlassen die Werkstatt Lorenz Sporer und kommen an auf den Dächern historischer Häuser von München über Dresden bis Paris.
Qualität hat ihren Preis
Arbeiten in der Denkmalpflege bedeutet Arbeiten auf höchstem Niveau. Damit Handwerker dieses Niveau erreichen, heißt es für sie: in Bildung investieren und intensiv Erfahrung sammeln. Und um diese Qualität zu bekommen, heißt es für Auftraggeber, bereit zu sein, dafür zu bezahlen. Leider sind das nicht alle. Auch in Paris hatte man für vier der acht Türme des „Au Printemps“ zunächst einen billigeren Spengler engagiert. Es zeigte sich aber: Die Lötnähte waren schlecht verarbeitet, Profilierung und Qualität wurden dem Charakter des Jugendstilbaus nicht gerecht. Doch das Haus konnte nicht länger auf seinen zweiten Frühling warten. Da hieß es: Sporer, übernehmen Sie!
Motor brummt
„Ein Motor für die deutsche Wirtschaft“, so nennt Nicoline Bauers vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) die Denkmalpflege. Wer die Zahlen betrachtet, hört ihn brummen. Zwischen 900.000 und 1,2 Millionen geschützte Denkmäler gibt es in Deutschland, das sind annähernd sieben Prozent aller Bauten. Etwa 15 Millionen, also über 50 Prozent des Baubestands, sind Altbauten. Investiert werden rund sieben Milliarden Euro im Jahr, die weitere Investitionen in etwa 15-facher Höhe nach sich ziehen. Denn öffentliche Mittel wirken für private Bauherren oft wie ein Initialzünder. Der Anteil der Arbeiten, den Handwerker in der Denkmalpflege erledigen, liegt laut ZDH bei 90 Prozent. Wenn die Denkmalpflege ein Motor ist, ist das Handwerk der Sprit – ohne geht gar nichts.
Sporer und sein Team geben Gas. Noch fünf Pariser Originale gilt es zu restaurieren. Es sind die Gauben des „Au Printemps“, des Kaufhauses, das mit seiner verzierten Fassade und der auffälligen Kuppel das Gesicht von Paris prägt. 800 Arbeitsstunden und unzählige Schläge durch Fallwerk und Hammer später werden die Gauben neue Ornamente tragen. Dann kann das „Au Printemps“ wieder tun, was es stets getan hat: Eine Geschichte erzählen aus vergangenen Zeiten.
Trend zum Bauen im Bestand
Etwa 30 Prozent der Arbeiten in der Werkstatt Sporer sind Restaurierungen, der Rest Neuanfertigungen, Rekonstruktionen oder Reproduktionen. Wer wie Sporer mit Metall arbeitet, erhält die meisten Aufträge von Kirchen und öffentlichen Trägern. Bei anderen Gewerken sieht die typische Verteilung so aus: Laut Propstei Johannesberg kommen circa 60 Prozent der Aufträge von privaten Bauherren und je 20 Prozent von Kirchen und öffentlichen Auftraggebern. Wie die Zukunft für Handwerker in der Denkmalpflege aussieht? Gerwin Stein, der Leiter der Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in Johannesberg, kann da keine Versprechungen machen. Er beruft sich auf den Trend der vergangenen Jahre, der weg vom Neubau und hin zum Bauen im Bestand ging. „Zu tun gäbe es genug.“
Qualifikation und Herzblut
Die Denkmalpflege braucht qualifizierte Handwerker. Und was braucht der Handwerker in der Denkmalpflege? Sporer meint: Herzblut. Ebenso wichtig sind spezielles Know-how und Erfahrung. Wer es nicht wie Sporer von der Pike auf gelernt hat, kann sich zum Restaurator im Handwerk ausbilden lassen. Handwerkern aus 14 verschiedenen Gewerken mit Meistertitel steht die Ausbildung offen. In rund 600 Unterrichtsstunden pauken sie zum Beispiel Kulturgeschichte und vertiefen ihre Materialkunde. Kenntnisse, die sie für die Praxis brauchen, auch, wenn es um eine realistische Planung der Kosten geht.
Das Wissen um die alte Handwerkskunst macht die Absolventen zu Hütern eines fast vergessenen Schatzes. „Die Denkmalpflege gehört zu den ureigensten Aufgaben des Handwerks“, erklärt Gerwin Stein. Etwa 5.000 Handwerker haben sich bisher für den Beruf des Restaurators entschieden und einige würden es wohl wieder tun: Zwei Drittel der von Stein befragten Restauratoren im Handwerk sagen, dass die Qualifizierung zu einer Verbesserung ihrer Marktchancen beigetragen hat.
Alter Glanz im Frühling
Damit das „Au Printemps“ seinem Namen „im Frühling“ bald wieder gerecht wird, lötet Sporer die letzten Olivenblätter an die Gaube aus Paris. Auf den Moment, wenn das Haus in altem Glanz erstrahlt, freut er sich jetzt schon. Schließlich hatte er sich bereits in das aparte Jugendstilgebäude verliebt, als es noch gar nicht sein Projekt war. Als er mit der Familie den 18. Geburtstag seines Enkels an der Seine feierte, flanierte er zufällig auch am „Au Printemps“ vorbei und dachte bei sich: „Schau dir das an. Wär das eine schöne Arbeit für uns.“