Die "Mathildenhöhe", ein Juwel des Jugendstils, initiiert vom Vater der letzten Zarin, erbaut von Josef Maria Olbrich, beherbergt bis zum 1. Februar 2009 die Ausstellung "Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren".

Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren
Mit internationalen Leihgaben aus St. Petersburg, Moskau, Paris, London, Berlin, und Straßburg gibt diese Ausstellung ein vollständiges Bild des ausgehenden Zarenreiches und der revolutionären Zeit danach.
"Diese Schau ist unser Ausstellungs-Höhepunkt und ein Muss für jeden, der sich für Russlands Geschichte und Gegenwart interessiert – denn das heutige Russland ist ohne die ebenso rasante wie dramatische Entwicklung des letzten Zarenreiches in Politik, Wirtschaft und Kultur schlichtweg nicht denkbar", sagt Ralf Beil, Direktor des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt und Kurator der Ausstellung.
Rein russische Motive stehen dem westlich beeinflussten Jugendstil gegenüber, Architektur-Zeichnungen neben mit folkloristischem Handwerk. Kostümskizzen von Malewitsch und seine Karikaturen über den Ersten Weltkrieg kontrastieren mit Jugendstilbildern Kandinskys. Werbeplakate, Buchillustrationen, Veranstaltungsprogramme und Bühnenbild-Entwürfe faszinieren.
Um eine besondere Wirkung zu erzielen, ließ Ralf Beil eine Galerie einziehen, damit ein 14 Meter langes religiöses Gemälde von Viktor Wasnezo auf den Besucher wirken kann. Die große Schar der uns unbekannten Maler vermitteln ein Bild von der in der Ausstellung angesprochenen Zeit.
Die Arbeiten der Künstlerwerkstätten Abramzewo und Talaschkeno basieren auf der Volkskunst, und die gezeigten Möbel und Keramiken begeistern selbst kritische Besucher. Nicht zu vergessen die noch heute geliebten Mitbringsel aus Russland: die Matruschkas. So hübsche wie „Die Frau mit Hahn“ von Maljutin, der auch als Innenarchitekt tätig war, sind selten, zumal die acht Figürchen verschiedene Tätigkeiten andeuten.
Damit man in die Zeit um 1900 einsteigen kann, wird der Film über die Zarenhochzeit gezeigt, die dann auch später auf den Bildern von Gervex und Serow bestaunt werden kann. Eisensteins Werk „Panzerkreuzer Potemkin“ läßt auch politisch Uninteressierte nicht kalt und ist ein guter Einstieg um die Auseinandersetzung des Volkes mit dem oft so unglücklich agierenden Herrscher zu verstehen. Und damit nicht alles nur Politik ist, kann man den Zaren nackend im Kreis seiner Offiziere im Wasser herumhüpfen sehen.
Warum nun diese Ausstellung hier in Darmstadt, hier auf der Mathilden-Höhe? Aus den Töchtern des Großherzogs Ernst-Ludwig hatte sich Zar Nikolaus II. die Prinzessin Alix nach Moskau geholt, die als Zarin Alexandra Fjodorowna bis zur gemeinsamen Ermordung in Jekaterinenburg an seiner Seite stand. Und hier auf der Mathildenhöhe wurde auf dem Fundament der herbeigeschafften Erde aus allen russischen Gouvernements die Kapelle errichtet, in der Zar und Zarin beteten, wenn sie sich am großherzoglichen Hof aufhielten. Sie steht in direkter Nachbarschaft zu dieser großartigen Ausstellung.