Manfred Guggenmos betreibt in seinem Energiezentrum acht Kraftwerke. Herzstück ist das intersolare Pflanzenölpresswerk – ein drehbares Gebäude voller Innovationen. Von Uli Steudel
Solarsüchtiger schafft spanische Verhältnisse
Ein kurzes Surren kündigt es an. Gleich wird sich das Holzhaus wieder ein Stück um die eigene Achse drehen. Während die Erde um die Sonne kreist, justiert das Energiezentrum für erneuerbare Energien in Warmisried sein Solardach immer wieder neu, um möglichst viele Sonnenstrahlen zu erhaschen und damit möglichst viel Strom zu produzieren.
Doch das runde Holzhaus wird sich auch nachts weiterdrehen, denn hier arbeitet mehr als ein Solarkraftwerk. Das Energiezentrum steckt voller Innovationen. Stillstand ist nicht vorgesehen. "Nur wenn ich den Leuten zeigen kann, was mit erneuerbaren Energien alles möglich ist, kann ich bei ihnen das notwendige Vertrauen aufbauen“, erklärt Manfred Guggenmos, der auf dem Gelände eines ehemaligen Sägewerks im Allgäu insgesamt acht Kraftwerke installiert hat. Das kleinste, ein winziges Windrad auf dem Dachfirst, bringt gerade einmal 500 W. "Das reicht immerhin für die Außenbeleuchtung", verkündet Guggenmos keineswegs abwertend.
Der Elektromeister ist begeistert von den Gaben der Natur. "Die Freude am Stromproduzieren ist wie eine Sucht", gesteht Guggenmos, der vor 14 Jahren in der Garage seines Vaters einen kleinen Betrieb eröffnete. Zwar ist sein Unternehmen längst nicht so rasant gewachsen wie das von Microsoft-Gründer Bill Gates, dennoch ist aus der Tüftlerschmiede inzwischen ein Handwerksunternehmen mit 25 Beschäftigten entstanden, das schon mehr als 1.000 Kraftwerke installiert hat – Photovoltaikanlagen, Blockheizkraft- oder Wasserkraftwerke.
Solar ist nicht gleich Solar
In seinem Energiezentrum kann Manfred Guggenmos darstellen, welchen technologischen Fortschritt die Photovoltaik inzwischen genommen hat. So bringen die monokristallinen Module des nahen Solarfeldes aufgrund ihres höheren Wirkungsgrades schon 20 Prozent mehr Stromausbeute als die herkömmliche Anlage auf dem Dach des Pferdestalls. Weitere 20 Prozent zusätzlich schafft die Anlage auf dem Dach des drehbaren Holzhauses, weil sie der Sonne nachgeführt wird. "Damit erreichen wir hier spanische Verhältnisse", meint Guggenmos mit Blick auf den Stromzähler. Und auch die Behauptung, großflächige Solarfelder würden den Hunger in der dritten Welt verschlimmern, weil den Landwirten Fläche für die Lebensmittelproduktion verloren geht, möchte der Allgäuer Solarsüchtige gern widerlegen. Das Gemüse, das er unter seinen Modulen angebaut hat, gedeiht prächtig. Nächstes Jahr soll dort Getreide wachsen.
Vielleicht wird Guggenmos ja eines Tages sogar Raps anbauen. Den könnte er dann in seinem Energiezentrum gleich weiterverarbeiten. Die Drehung des Rundhauses nutzt der clevere Unternehmer nämlich, um Pflanzenöl und Rapskuchen herzustellen. Deshalb bezeichnet er sein innovatives Haus offiziell als intersolares Pflanzenölpresswerk (ISOLPP).
Das drehbare ISOLPP-Haus verfügt über 400 m2 Nutzfläche und erstreckt sich über fünf Stockwerke, zwei davon unterirdisch, was selbst im Hochsommer für angenehme Kühle sorgt, ohne dafür Energie zu verschwenden. Hinter der Lärchenholzfassade dichtet Naturflachs die Gebäudehülle ab. Damit erreicht Guggenmos sogar den Passivhausstandard.
Pflanzenöl fürs BHKW
Im zweiten Untergeschoss befinden sich zwei große Vorratsbehälter für die Rapssaat, die durch die Mittelsäule nach oben zur Ölmühle geblasen wird. Neben dem kaltgepressten Öl entsteht der so genannte Rapskuchen, ein nahrhaftes Viehfutter. Damit der Rapskuchen nicht zu gären beginnt, muss in der Regel mit großem Energieeinsatz gekühlt werden. Um das zu vermeiden, hat Guggenmos viele kleine Behälter für das Nebenprodukt im Kreis aufgebaut, die dank der Drehung des Hauses mit jeweils nur kleinen Mengen befüllt werden, damit der Gärprozess gar nicht erst einsetzen kann. Bis zu 6.000 t Rapsöl können pro Tag im ISOLPP-Haus gepresst werden. Dafür muss sich das Haus eben auch nachts weiterdrehen.
Mit dem Pflanzenöl können zum Beispiel die Blockheizkraftwerke (BHKW) befeuert werden, die die Elektro GmbH Guggenmos bei ihren Kunden installiert hat – die meisten davon in einem überschaubaren Umkreis von bis zu 40 km. Ein solches wärmegeführtes Pflanzenöl-BHKW arbeitet im ersten Obergeschoss des ISOLPP-Hauses und liefert über einen Generator 25 kW elektrische und als Abwärme 44 kW thermische Leistung. Dank des Prinzips der Kraft-Wärme-Kopplung erreicht das BHKW einen Wirkungsgrad von rund 91 Prozent.
Gleich nebenan nutzt ein so genannter ORC-Prozessor Abfallwärme. "Normalerweise kann man mit Temperaturen von unter 100 °C nicht viel anfangen. Im ORC-Prozessor gelingt es, ein Medium auch bei 75 bis 90 °C zum Kochen zu bringen, das über eine Dampfturbine Strom erzeugt", erklärt der 43-Jährige. Das Wort Medium hat er bewusst gewählt. Was sich genau dahinter verbirgt, möchte der Tüftler nicht preisgeben.
Trotzdem ist Manfred Guggenmos kein Geheimniskrämer, sondern stellt sein ISOLPP-Haus sogar als Tagungszentrum für Seminare, Kurse und Symposien zur Verfügung. Bis zu 60 Personen können dann aus nächster Nähe erleben, wie aus regenerativen Energiequellen Strom entsteht.
Wasserkraft als Initialzündung
Seine Begeisterung für die Stromerzeugung aus regenerativen Energien hat Manfred Guggenmos 2002 entdeckt. Damals hat er sein erstes Wasserkraftwerk restauriert. Als er das Grundstück des 1999 abgebrannten Sägewerkes erwarb, interessierte ihn natürlich auch das alte Wasserrecht am Flusslauf der Mindel. Zwei alte Turbinen, Baujahr 1926, hat er auf dem Gelände noch gefunden und wieder in Gang gesetzt. Eine treibt mittels Transmission den Generator an. Für die andere nutzt Guggenmos einen neu entwickelten Generator, der ohne Getriebe nicht nur leiser, sondern auch um 17 Prozent effektiver läuft als die herkömmliche Technik.
Und woher nimmt der Unternehmer selbst die Energie für seine Ideen und deren Umsetzung? "Ganz wichtig ist, dass ich mich auf meine Mitarbeiter 100-prozentig verlassen kann. Sie sind mein bestes Kapital. Schon die Lehrlinge werden zum selbstständigen Arbeiten erzogen", erklärt Manfred Guggenmos, der auch noch ein anderes Prinzip pflegt. Von Montag bis Donnerstag schafft er fürs Geschäft, ohne auf die Uhr zu schauen. Den Freitag aber hält er sich grundsätzlich frei. Wenn Guggi, wie der Pferdenarr von seinen Freunden gerufen wird, auf dem Rücken seiner Stute Sindy durch das beschauliche Mindeltal galoppiert, hat er die besten Einfälle. Der Notizblock für Skizzen und kurze Bemerkungen ist immer in der Nähe. "Viele Handwerker kommen vor lauter Arbeit gar nicht mehr zum Nachdenken. Kein Wunder, wenn ihnen mit der Zeit der Blick für Neues verloren geht", begründet Manfred Guggenmos seine wöchentliche Auszeit. Der Freitag ist sein Kreativtag.