Die Sehnsucht nach Israel oder wie Steinmetz Jakob Horowitz im Beruf seine Heimat gefunden hat.
Aaron Buck und Frank Muck
Arbeit für die Ewigkeit – Leben für den Moment
Der Himmel über Frankfurt am Main ist bedeckt. Es ist Herbst, doch schon winterlich kalt. Die Passanten tragen dicke Jacken. Das Rot-Braun der geklinkerten Mauer vorm jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße ist nüchtern, erbaut im Stil der neuen Sachlichkeit. Hinter dem Hauptportal mit den drei nebeneinanderliegenden Pforten erstreckt sich das 54.500 Quadratmeter große Areal des Friedhofs. Heute sind die Tore geschlossen, denn es ist Feiertag. An "Simchat Thora", dem Freudenfest zu Ehren der Thora, der fünf Bücher Mose, beginnt für Juden das Lesen der Heiligen Schrift von neuem. So auch für Jakob Horowitz. Er wohnt am Friedhof gleich neben dem Haupteingang über dem Büro des Friedhofsverwalters. Horowitz ist Steinmetz und hat bis 1981 die Steinmetzarbeiten am Friedhof erledigt. Danach hat er 20 Jahre den Friedhof verwaltet.
Die Wohungstür geht auf und vor uns steht ein kleiner Mann mit einem dünnen Kranz aus grauen Haaren und schmalen, blitzenden Augen hinter der silbernen Metallbrille. Auf den ersten Blick traut man ihm die schwere Arbeit als Steinmetz gar nicht zu. Horowitz schickt uns geradeaus ins Wohnzimmer, wo uns seine Schwester Dyna Schulz erwartet. Sie lebt in Israel und besucht ihren Bruder über die Feiertage, die sich im jüdischen Kalender im September und Oktober häufen. Als wir eintreten, räumt sie schnell ihren Platz auf dem Sofa. "Ich lass euch mal allein", sagt sie und verschwindet in der Küche.
Dass Jakob Horowitz überhaupt so alt geworden ist, grenzt an ein Wunder
Jakob Horowitz hat noch vor einer Stunde in der Synagoge fröhlich mit der Thora getanzt, um ihren Neuanfang zu feiern. Jetzt sitzt der 79-Jährige auf einem grünen Stoffsofa in seinem Wohnzimmer und spricht über ganz andere Neuanfänge, wie es sie in seinem Leben so einige gegeben hat – Erinnerungen, die die Freude aus seinem Gesicht schlagartig verdrängen. Denn dass er überhaupt so alt geworden ist, grenzt an ein Wunder. Nach der Logik der Nationalsozialisten wäre Horowitz nur ein weiteres namenloses Opfer der Vernichtungsaktionen in den polnischen Ghettos geworden. Der Steinmetz erzählt von einem Leben mit vielen Brüchen, wie sie ein Stein aufweist, der zu fest oder achtlos behauen wurde und von einem Beruf, ohne den er den Krieg wahrscheinlich nicht überlebt hätte.
Aufgewachsen ist Horowitz im polnischen Piotrkow nahe Lodz. Sein Vater führte dort einen Steinmetzbetrieb, den der Großvater Ende des 19. Jahrhunderts gegründet hatte. Schon als Kind spielte Horowitz in der Werkstatt, seine Berufswahl war quasi vorgezeichnet, wie er sagt – "ich bin halt ein Handwerkersohn“. Sein Vater wünschte sich, Jakob werde eines Tages den Betrieb übernehmen. "Höchstwahrscheinlich wäre ich sein Nachfolger geworden", sagt Horowitz, "wenn nichts dazwischengekommen wäre". Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen im September 1939 spitzte sich die Situation der dort lebenden Juden bedrohlich zu. Die Besatzer trieben sie in Ghettos der größeren Städte zusammen, auch den zehnjährigen Jakob, seine Eltern und seine beiden Schwestern. Am 14. Oktober 1942 nutze Horowitz einen unbeobachteten Moment, um sich für einige Stunden aus der Enge des Ghettos zu befreien – nicht ahnend, was an jenem Abend geschehen sollte. Ein ehemaliger Angestellter seines Vaters warnte ihn vor unmittelbar bevorstehenden unheilvollen Aktionen der Nazis. Jakob kehrte nicht zurück und erlebte diese Nacht, da das Ghetto umstellt und seine Bewohner in Vernichtungslager deportiert wurden, allein in einer kalten, dunklen Friedhofsgruft. Im Bann der Erinnerung an jene Stunden, in denen seine Mutter und seine kleine sechsjährige Schwester ermordet wurden, lassen die feuchten Augen des 79-Jährigen die Angst des kleinen Jakobs nur erahnen; Horowitz’ Finger graben sich in ein Sofakissen. "Ich war noch ein Kind", sagt er, "ich wollte doch zurück zu meinen Eltern". Doch bis dahin sollte es sechs Wochen dauern. So lange verharrte er in seinem Versteck. Nachts holte ihn der ehemalige Geselle des Vaters aus der Gruft, damit er seine Bedürfnisse befriedigen und etwas essen konnte. Dann brach der Winter ein. Doch nicht die bittere Kälte vertrieb den Jungen aus der Obhut inmitten der Toten. Vielmehr lief er Gefahr, dass die verräterischen Spuren im Schnee ihm zum Verhängnis würden.
Als "Illegaler" wurde der 13-Jährige dreimal zum Erschießen vorgeführt
In einem Holzbetrieb der Wehrmacht, dem ein Lager angegliedert war, lebten und arbeiteten die Überlebenden der Vernichtungsaktionen, die als Zwangsarbeiter gebraucht wurden. Unter ihnen Horowitz’ Vater, den Jakob mithilfe des Gesellen wiederfand. Als "Illegaler" im Sinne der Deutschen wurde der 13-Jährige dreimal zum Erschießen vorgeführt; einmal gelang ihm die Flucht, zweimal rettete ihn sein Vater. Als Anfang 1944 auch die Arbeiter in den Ghettobetrieben, die für die deutsche Rüstung tätig waren, nicht mehr verschont bleiben sollten, kamen Vater und Sohn ins Konzentrationslager Buchenwald. Wenn Horowitz davon erzählt, wie es weiterging in den KZs Schlieben und Theresienstadt, wird seine Stimme brüchig, werden seine Sätze einsilbig. Fast scheint es, als würde der kleine Körper des Mannes auf der breiten Couch noch mehr in sich zusammensacken.
Seinem Handwerk verdanke er sein Leben, fährt er stockend fort. "Wir überlebten, weil wir arbeiten konnten. Wir haben alles gemacht, alles, wo sie Maurer, Ofensetzer oder einen Steinmetz gebraucht haben", erläutert er. Was genau sie bauen mussten, erzählt er nicht.
Jakob und sein Vater gehörten zu den Pionieren, die Israel aufgebaut haben
Am 9. Mai wurden Jakob und sein Vater im KZ Theresienstadt durch sowjetische Soldaten befreit. In der Hoffnung, dort Überlebende zu finden, kehrten sie in ihre polnische Heimatstadt zurück. Wie durch ein Wunder fanden sie Jakobs ältere Schwester, die nach der Vernichtungsaktion in verschiedenen Rüstungsfabriken Zwangsarbeit verrichtete, bis sie Mitte Januar befreit wurde und ein Onkel sich ihrer annahm. "Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, sie seien auf dem Wege von Theresienstadt nach Hause", erzählt Dyna Schulz, die neben ihrem Bruder Platz genommen hat. "Da bin ich dann hingefahren und wir blieben zusammen, wir wollten ja einen neuen Anfang machen."
Dieser jedoch wurde durch die aufflammenden Pogrome in Polen zur Illusion. Einmal mehr tief verängstigt verließen Jakob und seine Schwester 1946 ihre Heimat – jedoch ohne den Vater, der den jüdischen Friedhof in Piotrkow aufgebaut hatte und nicht gehen wollte, so lange Grabsteine noch umgeworfen oder ohne Namen waren. Während seine Schwester nach Berlin flüchtete, wo sie später heiratete, wurde Jakob als "Displaced Person" per Kindertransport nach Israel/"Palästina" gebracht. 1950 folgte ihm sein Vater nach und fand Arbeit in einem Steinmetzbetrieb. Gemeinsam gehörten sie zu den Pionieren, die das Land aufgebaut haben; zu tun gab es in dem jungen Staat genug. Horowitz arbeitete im Anschluss an die obligatorische dreijährige Militärzeit ab 1949 als technischer Zeichner – sechs Jahre lang. Dann schlugen die schmerzlichen Erinnerungen an die Vergangenheit eine weitere Kerbe in sein Leben. "Die Nerven", sagt Horowitz nur. Er kann nicht richtig in Worte fassen, warum er 1955 zurück nach Deutschland gekommen war. Denn eigentlich hatte er sich in Israel sehr wohl gefühlt; "ich bin dort heimisch geworden", sagt er.
"Ich war krank – die Nerven"
Sein Blick senkt sich, er greift nach seinem Becher, an dessen Innenseite der längst kalt gewordene Tee hässliche Rückstände hinterlassen hat. Spuren, wie sie das Erlebte auf Horowitz’ Seele hinterließ. Die ihn krank machten und schließlich zur Rückkehr zwangen. "Hier hatte ich meine Schwester", erläutert er. Ein Hauch von Niederlage schwingt in seinen Worten mit: Der erneute Verlust von Heimat, ein weiteres Mal herausgerissen werden. Bereits zwei Jahre zuvor war sein Vater von den seelischen Nachbeben der von Todesangst geprägten Jahre der Verfolgung und Gefangenschaft eingeholt worden und nach Deutschland zurückgekehrt.
Im Schoß seiner Familie konnte Jakob neuen Halt finden. In Berlin arbeitete der Steinmetz bei seiner Schwester – allerdings mit ganz anderen Steinen. Dyna Schulz führte mit ihrem Mann ein erfolgreiches Schmuckgeschäft. An die Arbeit mit den kleinen Edelsteinen hatte er sich schnell gewöhnt. Das sei zwar etwas ganz anderes als der Umgang mit groben Steinen, aber dennoch kein Problem gewesen. "Ich habe gelernt, mich im Leben umzustellen, flexibel zu sein", sagt er mit einem bitteren Lächeln. So kam nach und nach mit dem Anschluss an die Familie auch die Lebensfreude zurück. Und es kam die Liebe. Auf den ersten Blick sogar, wie er sagt: eine Kundin im Geschäft des Schwagers. Er heiratete die Leipzigerin, die sogar zum Judentum konvertierte, damit auch ihre Kinder jüdisch werden konnten.
Jüdische Gräber und Friedhöfe wirken durch ihre Bescheidenheit
Bald fühlte er sich auch der körperlichen Belastung des Steinmetzberufs wieder gewachsen, so dass er 1958 seinem Vater nach Frankfurt folgen konnte. Der war schon 1954 in die Stadt am Main gezogen, um dort den Steinmetzbetrieb am Friedhof zu übernehmen. Im Betrieb seines Vaters war Horowitz hauptsächlich mit dem Hauen von Grabsteinen beschäftigt. Nebenbei fertigte er für Baufirmen unter anderem Treppen und Fensterbänke. "Ich hatte zwar genug zu tun in unserem Betrieb, aber ich wollte lernen", sagt er und als er darüber nachsinnt, wie denn die Arbeit als Steinmetz war, löst ihm der Gedanke daran allmählich die Zunge. Er fängt sogar ein wenig an zu plaudern. Bei diesem Thema fühlt er sich sicher. Bei sich und ganz zu Hause. Er berichtet von den Anforderungen der Friedhofsarbeit, die inzwischen nur noch wenig Handarbeit zulassen. Davon, dass es heute hauptsächlich darum gehe, Gravuren in die Steine zu hauen. Ein bisschen Feinarbeit, ein bisschen Bildhauerei. Alles andere machen Maschinen. Die Steine selbst seien alle ähnlich schlicht, ergänzt er. Jüdische Gräber und Friedhöfe, speziell der neue jüdische Friedhof in Frankfurt, wirkten durch ihre Bescheidenheit. Das Sparsame, Zurückhaltende sei gleichsam vorgeschrieben, hier sogar durch den Architekten. Vielleicht ist es aber auch einfach der Gräberkult, der zur Einfachheit mahnt. Denn jüdische Gräber werden nicht eingeebnet, erklärt Horowitz. So will es das religöse Gesetz. Sie sollen bestehen, bis der Messias kommt. In dieser Tradition arbeiteten auch Horowitz und sein Vater. Bis ihm das Leben einen weiteren Schicksalsschlag zumutet. 1967 wird sein Vater direkt vor dem Friedhof von einem Auto erfasst und stirbt. Von nun an musste Jakob den Betrieb alleine weiterführen und bleibt bei der Arbeit auch allein. Angestellte oder Lehrlinge beschäftigt er nicht. Die habe er nicht gewollt. Seine Kollegen hätten sich in jener Zeit, als an Arbeitskräften großer Mangel herrschte, dauernd über ihre Mitarbeiter beklagt. "Ich habe mich in meinem Leben genug geärgert", sagt er.
In der Arbeit selbst fand er dagegen Erfüllung. Das weiß auch Stefan Szajak, Direktor der Jüdischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Er lobt das große persönliche Engagement, das Herzblut, das der Steinmetz dafür aufgebracht hat, den Friedhof zu dem zu machen, was er heute ist. Horowitz wisse eben um die Tradition, die Überlieferungen, die er perfekt umsetze. Er leistete aber dabei nicht nur auf dem jüdischen Friedhof gute Arbeit. Horowitz war auch auf dem sich nördlich anschließenden Frankfurter Hauptfriedhof tätig. Dieser Einsatz ist den vielen Mischehen geschuldet. Wenn er für ein jüdisches Familienmitglied einen Grabstein gefertigt hatte und die Angehörigen zufrieden waren, bat nicht selten der christliche Teil der Familie ebenfalls um seine Arbeit. Horowitz setzte sich sogar für einen interkonfessionellen Bereich für Ehepartner aus Mischehen ein. Und er hat dafür gesorgt, dass Juden, die sich den Nazis durch Freitod entzogen hatten, gegen religiöse Vorbehalte, einen Platz auf dem Friedhof bekamen. Von all diesen Leistungen berichtet der zurückhaltende Mann nicht viel. Erst als er zu seinem ehemaligen Büro geht, wird nach und nach offensichtlich, was er geschaffen hat und warum ihm all das so wichtig war.
"Ich war im Betrieb mehr verwurzelt als in Deutschland selbst."
"Ich bin rausgerissen worden." Dieser Satz fällt mehrfach im Laufe des Nachmittags. Irgendwann klingt er wie eine Selbstverständlichkeit – in der Logik eines Mannes, der lernen musste, schicksalhaften Weichenstellungen klaglos zu folgen und das Unmenschliche als menschlichen Wesenszug zu akzeptieren. Nur in dieser Logik lösen sich wohl auch die Widersprüche auf, die die Brüche in seinem Leben bergen. Wie heimisch kann ein Mensch wie Jakob Horowitz in diesem Land wirklich sein? Er hatte Kollegen unter den Handwerkern und war nie fremd. "Ich habe mich auch hier wohl gefühlt, aber eben nicht zu Hause – in Israel bin ich heimischer." Mit "Ja" beantwortet er die Frage, ob er Israel vermisse. Warum also blieb er? Heute ist er zu alt und krank, 2006 erlitt er einen Schlaganfall. Und zuvor? Zuvor hat er sich gemäß seiner Logik die Frage gar nicht mehr gestellt. "Ich fühle mich den Toten verpflichtet", sagt er. Vielleicht sei es seine Berufung gewesen, am Friedhof zu arbeiten. "Ich war im Betrieb mehr verwurzelt als in Deutschland selbst", sagt er. Also war es die Werkstatt, sein Beruf, die Horowitz in Frankfurt hielten. Stehen Friedhöfe in den Augen der meisten Menschen für Tod und Trauer, so symbolisieren sie in Jakob Horowitz’ Logik Überleben – ja Leben. Und so blieb er und verrichtete sein Handwerk im Dienst der Toten.
Fast unbemerkt ist das Lächeln auf sein Gesicht zurückgekehrt. Der Schrecken der Vergangenheit ist der Gewissheit gewichen, seinen Lebenskampf gewonnen zu haben. Wenig später in seinem Büro präsentiert er als stolzer Handwerker seinen deutschen Meisterbrief aus dem Jahr 1961, lächelt in die Kamera und liefert ein Zeugnis deutscher Geschichte mit all ihren Brüchen – wie die eines achtlos behauenen Steins.