Ein weitsichtiger Elektromeister aus Unterfranken hat vor Jahren ein skandinavisches Unternehmen übernommen, die Produktion von Elektromobilen nach Deutschland verlagert und profitiert jetzt vom steigenden Ölpreis. Denn immer mehr Berufspendler steigen auf das dreirädrige CitEl um.

Tankstopp an der Steckdose
„Waren es früher vor allem Ökoakademiker und Gewerbekunden, die sich für solch ein Fahrzeug interessierten, so kommen heute immer mehr klassische Berufspendler hinzu“, erklärt Karl Nestmeier, Vorstand der CityCom AG, die im nordbayrischen Aub-Baldersheim den CityEl produziert. Kein Wunder, denn die Kostenexplosion bei den Kraftstoffpreisen lässt viele auf Mobilität angewiesene Menschen nach Alternativen zum Auto suchen. Warum allein mit einem tonnenschweren Pkw zur Arbeit fahren, wenn auch ein 280 kg wiegendes Gefährt eine Person täglich zweimal 15 km befördern kann? Zwar reist der Insasse im CityEl längst nicht so bequem wie in einem herkömmlichen Kleinwagen, dafür liegen die Kosten pro Kilometer laut Hersteller lediglich bei 40 Prozent.
Das Elektrofahrzeug, das Platz für einen Erwachsenen sowie Gepäck oder Kindersitz bietet, kommt mit einem Stromverbrauch von 5 kWh/100 km aus. Umgerechnet in Benzin wäre das ein halber Liter. Die Haftpflichtversicherung schlägt mit 100 Euro zu Buche. Außerdem ist das Fahrzeug fünf Jahre steuerfrei, ab dem sechsten Jahr gibt sich das Finanzamt mit 11,30 Euro zufrieden. Selbst wenn man die relativ hohen Batteriekosten – rund 200 Euro bei einer Jahreslaufleistung von 5.000 km – einrechnet, kommt der CityEl-Fahrer mit 60 Cent auf 100 km aus.
Zweite Stärke des Elektromobils ist seine Umweltbilanz. Gerade vor dem Hintergrund der Debatte um den Klimawandel hat die CityCom AG für ihr Produkt beste Argumente: Eigentlich fährt das CityEl ja sogar abgasfrei, weshalb auch kein Feinstaub entsteht. Lediglich bei der Erzeugung des Ladestroms emittieren die Kraftwerke Kohlendioxid. Demnach kommt ein CityEl auf 26 g/km. Zum Vergleich: Ein Auto mit Benzinmotor emittiert bei einem Verbrauch von 8 l Kraftstoff 190,4 g/km. Die EU möchte bei den Autoherstellern bis 2012 einen Grenzwert von 130 g/km durchsetzen. CityEl-Fahrer sind dieser Zeit weit voraus.
Immer seiner Zeit voraus
Dank seines Umweltfaibles war auch Karl Nestmeier stets seiner Zeit voraus. Sein Elektrotechnikstudium hat der heute 43-Jährige nach sechs Semestern abgebrochen, um nach dem Tod des Vaters den heimischen Elektrobetrieb zu übernehmen. Mit einer Ausnahmegenehmigung konnte er seine Gesellenprüfung ablegen, schon ein Jahr später hatte er auch den Meisterbrief in der Tasche. 1991 folgte die Gründung einer Solartechnik GmbH, die mit Solarthermie, Blockheizkraftwerken und Photovoltaik Pionierarbeit leistete.
In diese Zeit fiel auch der erste Kontakt mit dem CityEl. Als sich bei dem dänischen Produzenten der wichtigste Anteilseigner, ein schwedischer Energieversorger, nach kartellrechtlichem Verbot zurückziehen musste, stand Europas größter Leichtmobilhersteller vor dem Aus. Nestmeiers spontane Reaktion: „Warum bauen wir das CityEl nicht in Deutschland?“ Die Probleme, die dieses Vorhaben mit sich bringen würde, konnte der fünffache Familienvater damals freilich nicht vorhersehen.
Als Ende 1996 das erste Fahrzeug die Werkstatt verließ, hatten sich bereits 800.000 Mark Anlaufkosten angesammelt. Zudem war die Belegschaft mit zwölf Beschäftigten für die Startphase viel zu hoch. Da Nestmeier weder Fördergelder noch Investitionszuschüsse bekam, wurde die Liquidität des Unternehmens immer schlechter. 1999 wurde die GmbH deshalb in eine kleine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Seither hat das Unternehmen kräftig an Fahrt gewonnen. 1,7 Millionen Euro wurden in einen Neubau investiert, um Produktion und Verwaltung an einem Standort zu konzentrieren. Die Personalkostenquote sank von 48 auf 18 Prozent. 5.700 CityEl wurden bisher gebaut. In der „Manufaktur für Mobilität“ produzieren 18 Beschäftigte rund 25 Fahrzeuge pro Monat. 70 Prozent der Wertschöpfung werden in Deutschland geleistet. Von einer Verlagerung der Produktion ins Ausland hält Karl Nestmeier wenig. „Bei einem Montageaufwand von 12–14 Stunden lohnt sich das nicht. Dafür haben wir die Qualität immer unter Kontrolle“, sagt der Vorstand der Aktiengesellschaft, bei der drei Anteilseigner 60 Prozent des Stammkapitals halten. Die restlichen 40 Prozent verteilen sich auf 500 Kleinanleger.
Attraktiver Wachstumswert
Im letzten Quartalsbericht konnte CityCom-Vorstand Nestmeier einen Auftragsbestand von 250.000 Euro verkünden, was einer Auslastung von vier Wochen entspricht. Insgesamt peilt die AG dieses Jahr eine Steigerung des Fahrzeugabsatzes von 200 auf 500 CityEl an – ein Plus von 150 Prozent. Der Umsatz soll von 1,9 auf 4,6 Millionen Euro wachsen. Der anvisierte Nettogewinn von 400.000 Euro brächte jeder Aktie ein Plus von zehn Prozent auf den Nennwert. Experten des Anlegermagazins „Der Aktionär“ halten die CityCom-Aktie für einen attraktiven Wachstumswert.
Dass das CityEl für die Zukunft gewappnet ist, hat das Elektromobil bei der Eco-Tour 2007 unter Beweis gestellt. Obwohl für Kurzstrecken von maximal 50 km ausgelegt, rollten zwei CityEl vergangenen Sommer bei Tagesstrecken von bis zu 280 km von Flensburg quer durch Deutschland bis an den Bodensee. Für die Strecke von 1.300 km verbrauchte jedes Fahrzeug nur 62,25 kWh Strom, dessen Erzeugung – errechnet nach deutschem Kraftwerksmix – insgesamt 33,8 kg Kohlendioxid verursachte. Bei dieser Art von Mobilität ließen sich die hochgesteckten Klimaschutzziele der Politiker leicht realisieren.
Das Beispiel der unterfränkischen Elektromobilbauer zeigt eindrucksvoll, wie das lokal agierende Handwerk mit der globalen Weltwirtschaft verflochten ist: Im vergangenen Jahr stieg der Ölpreis um 60 Prozent. Gleichzeitig verzeichnete die CityCom AG ein Wachstum von 70 Prozent.