Mit "Handwerk" hat Richard Sennett ein Buch veröffentlicht, das sich nicht im Eigentlichen um den mittelständischen Wirtschaftssektor in Deutschland dreht. Ihm geht es mehr um das Prinzip Handwerk, das als kulturelle Grundlage der Gesellschaft zu verstehen ist. DHZ-Autorin Christine Ax hat es für uns gelesen.
Christine Ax
"Handwerk" von Richard Sennett
Richard Sennett ist Professor am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT), Professor an der London School of Economics. Er gilt als einer der meistgelesenen Gegenwartswissenschaftler. Sein 400 Seiten starkes Buch ist ein sehr gut lesbarer, kulturhistorischer Abriss und ein vehementes Plädoyer für das Prinzip "Handwerk" in der Kultur und Wirtschaft der Gegenwart.
Sennett ist Amerikaner. Weltberühmt wurde er mit Büchern, die sich mit der Lage der Arbeitnehmer in den USA beschäftigen. In "Der flexible Mensch" analysiert er, was geschieht, wenn Facharbeiter zu Jobholdern werden. Wenn vor allem Flexibilität gefordert wird, in einer Wirtschaft, in der sich Technologien und Märkte immer schneller wandeln. Eine Welt, in der die Kunst des Backens keinen Platz mehr hat. In der angelernte Jobber den Backcomputer bedienen. Jobholder, die morgens Autos verkaufen und abends an der Bar Bier zapfen. Eine Entwicklung, die auch im Management nicht Halt macht. Die "New Economy" braucht Arbeitnehmer und Freiberufler, die allzeit bereit sind, sich jedem Trend und jedem Kunden anzupassen. Identität und Sinn werden so zu knappen Gütern. "Craftsmanship" oder "Handwerk" ist – wenn man so will – Sennetts Medizin, für diese Krankheit der Moderne.
Richard Sennett wäre um ein Haar Musiker geworden. Er spielt Cello und die Welt hat es nur einer missglückten Handoperation zu verdanken, dass wir heute seine Werke lesen dürfen. Die Praxis des Musizierens, das tägliche Üben, die mit der Übung und dem stetigen Zuwachs an Können und Virtuosität verbundene Befriedigung, all dies hat ihn geprägt, befähigt und motiviert die Welt von dem in Kenntnis zu setzen, was es heißt ein guter Handwerker zu sein. Dem Handwerk des Musizierens räumt er in seinem Buch daher Platz ein, beschreibt, was geschieht, wenn wir eine Handfertigkeit, eine Kunst erlernen. Wie spielen Kopf, Hand und Herz zusammen? Wie können wir über das Handeln so reden und schreiben, dass es erlernbar wird?
Handwerk ist fast überall
Handwerk finden wir, so Sennett, nicht nur im Handwerk. Wir finden es auch in der Wissenschaft und der Computerbranche. Gute Software ist Ergebnis von "Craftsmanship". Nichts anderes gilt für die Wissenschaft. Was macht Labors erfolgreich? Wie arbeitet der Entwicklungsingenieur? Ohne dass sie ihr Handwerk verstehen und leben, steht auch hier am Ende nur Pfusch. Technikentwicklung ohne "Craftsmanship" ist riskant. Das gilt auch für gute Politik und Verwaltung. Arbeiten ohne "Craftsmanship" führt nach Sennett zu schlechten Ergebnissen. Wer als Architekt noch nie eine Baustelle geleitet hat, und daher Erfahrung damit hat, was Bauen ganz praktisch bedeutet, ist ein schlechter Architekt.
Richard Sennett ist in seinem Herzen Europäer. Er beruft sich in seiner Studie über das Handwerk auf europäische Denktradition. John Ruskin, Hanna Arendt und die Literatur der Aufklärung sind wichtige Fixpunkte seiner philosophischen Argumentation. Sein Menschenbild, seine Vorstellung von Bildung sind ganzheitlich. "The Craftsman" verteidigt ein humanistisches Menschenbild und die Würde des Menschen in der Arbeitswelt. Sennett unterstreicht, dass durch Trennung von Kopf und Hand sowie die Abwertung von Arbeit und Können mehr verloren geht als Arbeitsplätze und ein politischer Konsens.
Handwerk leben
Sennett plädiert für einen "Kulturmaterialismus". Ein abstrakter Begriff für sehr konkrete Welten und Bezüge. Als bekennender Anhänger der philosophischen Schule des "Pragmatismus" fordert er Respekt und Anerkennung von "Craftsmanship". Empfiehlt auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen und der Welt ihre Würde zurückzugeben. In "Handwerk" zeigt er auf, was der Einzelne aber auch viele Industrieuntenehmen gewinnen können, wenn das Prinzip Handwerk respektiert und gelebt wird.
Wer Sennetts Buch liest, um etwas über das real existierende Handwerk zu erfahren, wird beim Lesen enttäuscht werden. Dies liegt sicher auch daran, dass es Handwerk, wie wir es kennen, in den USA nicht mehr in dieser Größenordnung gibt. Es darf auch Zweifel daran erlaubt sein, dass nur Toyota und Nokia als Vorbilder für "Craftsmanship" taugen. Unterstellt man aber, dass es Sennett vor allem darum geht, den amerikanischen Konzernen das Prinzip Handwerk ins Stammbuch zu schreiben, so wird dies verständlich.
Handwerk ist mehr als ein Prinzip
In Europa allerdings ist Handwerk mehr als ein Prinzip. Das real existierende Handwerk ist ein sich immer wieder erneuernder Sektor und für die Volkswirtschaft eine Chance für eine demokratische, nachhaltigere Zukunft. Nicht nur "das Prinzip Handwerk" verdient also unseren Respekt, auch das real existierende Handwerk und seine konkreten Menschen.
Dass Sennett das "Craftsmanship" weit über den real existierenden ökonomischen und sozialpolitischen Debatten ansiedelt, könnte sich jedoch auch als Stärke des Buches erweisen. Richard Sennett als überzeugter Vertreter des philosophischen Pragmatismus weiß genau, warum er ein bis in die musisch geschulten Fingerspitzen pragmatisches Buch über ein auch brisantes Thema schreibt. Ein Thema, das in der Wirklichkeit sehr viele ökonomische, ökologische und soziale Widersprüche aushalten muss.
Buch trägt zum Verständnis bei
"Craftsmanship" ist ohne Wenn und Aber ein sehr empfehlenswertes, genussvoll zu lesendes Buch. Es ist als eine kluge Kritik an der industriellen Arbeitswelt und der New Economy zu lesen. Wie bemerkenswert der Umstand ist, dass "The Craftsman" ausgerechnet in Deutschland zuerst erscheint, ist von Richard Sennett kaum zu verstehen. Denn er kennt die Realität des Handwerks in Deutschland oder Österreich nicht. Dass ein so grundlegendes Buch über Handwerk in großen Stückzahlen verlegt wird und in allen Feuilletons besprochen und so vermutlich ein breites Publikum erreicht, das ist allein dem Ruf Sennetts zu verdanken. Denn mit Büchern über Handwerk war in Deutschland bisher kein Geld zu verdienen. Das Denken und das Lesen, so sehen es die Verlage, überlässt der deutsche Handwerker gerne den Intellektuellen.
Wir dürfen das Buch auch als Ermutigung für alle diejenigen in und außerhalb des Handwerks verstehen, die in unserem Land Craftsmanship wertschätzen oder leben. Das Buch trägt maßgeblich zum Verständnis bei, dass Handwerk mehr ist als die Bereitstellung von Arbeitsplätzen. Handwerk ist ein kulturelles Vermögen und eine Chance für zukunftsfähige Wirtschaftssysteme.
Handwerk, Richard Sennett, Berlin 2008, 480 Seiten, ISBN-13: 978-3827000330