Das Handwerkerinnenhaus in Köln sorgt dafür, dass Mädchen Berufsorientierung und mehr als nur eine Idee vom Handwerk bekommen.
Frank Muck
Das ganze Jahr Girls’Day
Laura hadert mit ihrem Tisch. Die 14-Jährige macht kein glückliches Gesicht. Sie ist mit den Einzelteilen fertig und will sie nun montieren, aber die Tischplatte ist zu klein geworden. Hilfe kommt von Petra Supplie. Die Tischlerin unterrichtet Laura und drei andere Mädchen im Projekt "Holly Wood". Sie zeigt ihnen, wie man mit Werkzeug umgeht, welche Dinge man aus Holz fertigen kann und was ein Tischler sonst noch tut.
"Holly Wood" ist eine Initiative des Handwerkerinnenhauses Köln (HWH). Dort, in Köln-Nippes, im Gebäude des denkmalgeschützten "Worringer Bahnhofs" auf dem Gelände eines ehemaligen Ausbesserungswerks der Deutschen Bahn, kümmern sich zwölf Mitarbeiterinnen darum, Mädchen und Frauen handwerkliches Arbeiten näherzubringen. Das Spektrum der Schülerinnen reicht von schulmüden Mädchen, die überhaupt keine Vorstellung von ihren beruflichen Möglichkeiten haben, bis zu Frauen, die einfach mal handwerklich arbeiten möchten. "Uns geht es aber vor allem darum, den Mädchen Freiräume zu schaffen, in denen sie sich ausprobieren können", erläutert Gabriele Sieberg das Ziel.
Die Sozialpädagogin arbeitet ebenfalls im Team "Holly Wood", macht Praxisbegleitung und vermittelt Praktikums- und Ausbildungsplätze. Denn noch immer kennen viele Mädchen Handwerksberufe, mal abgesehen von der Friseurin, höchstens vom Hörensagen. Tätigkeiten wie Tischlern oder Malern bewegen sich außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, so etwas beruflich zu machen.
Und kommen sie doch mal im schulischen Werkunterricht mit Holz in Berührung, leidet ihre handwerkliche Entfaltung unter dominanten Jungs. "Die drängen sich oft in den Vordergrund", sagt Sieberg, "hier dagegen können sich die Mädchen mal ganz allein ausleben". Nach einer Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) waren im Jahr 2006 nur 23,1 Prozent der Auszubildenden im Handwerk Mädchen. Der Anteil hat sich seit Anfang der 90er Jahre nicht wesentlich erhöht.
Zwar steigt die Nachfrage nach weiblichen Lehrlingen bei den Handwerksbetrieben, doch auch das HWH musste feststellen, dass die Ausbildung von Mädchen in vielen Unternehmen immer noch nicht selbstverständlich ist. Eher verhalten waren die Reaktionen bei einer Umfrage des Handwerkerinnenhauses unter 200 Handwerksbetrieben. Immerhin 50 Prozent bekundeten Interesse an einer Ausbildung von Mädchen. Der andere Teil hat Vorbehalte, die jedoch zum großen Teil organisatorischer Art sind. Etwa die Angst, extra Sanitärräume einrichten zu müssen. Der Rest der Betriebe bildet überhaupt nicht aus. Nicht umsonst gibt es jedes Jahr den Girls’Day, der Mädchen mit der Berufswelt und speziell mit technischen Berufen in Berührung bringen soll.
Lieber Tischlerin als Topmodel
Im Handwerkerinnenhaus ist seit 1989 jeder Tag Girls’Day. Seit fast 20 Jahren kümmern sich die Pädagoginnen und Handwerkerinnen um dieses Ziel. Man sollte meinen, dass Berufswahl heute geschlechtsunabhängig erfolgt, doch Gabriele Sieberg und ihre Kolleginnen haben festgestellt, dass ihre Arbeit nötiger denn je ist. Noch immer gebe es eine geschlechtsspezifische Prägung bei der Suche nach einem Beruf. Sieberg: "Mittlerweile ergreifen Mädchen zwar häufiger technische Berufe, aber die Zahl ist leider noch sehr gering."
Für Mädchen und vor allem für jene, die von zu Hause aus nicht mit Handwerk in Berührung kommen, führe der erste Weg oft in Arztpraxen als Arzthelferin. Soziale Berufe sind hoch im Kurs. An der Spitze der Beliebtheitsskala stehen außerdem kaufmännische Berufe. Wenn dann noch das Fernsehen suggeriert, Mädchen könnten als Topmodel oder Superstar Karriere machen, erwächst dem Handwerk ohne Anschub kaum weiblicher Nachwuchs.
Umso größer ist das Interesse der Schulen für eine Kooperation mit dem Handwerkerinnenhaus. "Wir arbeiten inzwischen mit über 50 Schulen in Köln zusammen", sagt Sozialpädagogin Monika Lehn. Und die Nachfrage wächst. Real-, Haupt- und Förderschulen schicken ihre Schülerinnen zu Schnupperkursen, Projekttagen und tiefergehender Berufsorientierung mit Vermittlung von Praktika und Ausbildungsplätzen.
Laura hat das Arbeiten mit Holz ebenfalls in der Schule entdeckt. Ihr Techniklehrer hat ihr empfohlen, ihre Fähigkeiten im Handwerkerinnenhaus auszubauen. Tischlerin ist inzwischen ihr Berufsziel. Zusammen mit Lea, Emine und Aylin werkelt sie an kleinen Tischen oder Strandstühlen.
Aylin malt an einem Wandbild auf einer Holzplatte. Es ist Patrick aus der Zeichentrickserie Spongebob. Anscheinend gerade schwer in Mode, denn auch Emine hat sich ein Spongebob-Motiv für ihr Ziffernblatt ausgesucht. Aylin hat die Farbe nicht ganz getroffen und Tischlerin Petra Supplie rät ihr, das Bild mit der Vorlage auf ihrem Handy abzugleichen. Christiane Lehmann kommt rein. Sie ist ebenfalls Tischlerin und betreut eine weitere Gruppe im Raum nebenan. Dort arbeiten die Mädchen von "Pfiffigunde", ein Präventionskurs aus dem Projekt "Zukunft" gegen Schulmüdigkeit. Diese Mädchen haben sich zumindest gedanklich aus der Schule verabschiedet.
Arbeit im geschützten Raum
Damit sie nicht endgültig dem Unterricht fernbleiben und zu Schulverweigerern werden, sollen sie bei "Pfiffigunde" Unterricht einmal anders kennenlernen. Die praktische Arbeit im geschützten Raum soll Konzentration, Ausdauer und soziale Kompetenzen fördern. "Die Erkenntnis, etwas eigenes bauen zu können, stärkt das Selbstbewusstsein", so Lehmann, "es ist schön für die Mädchen, mit Fug und Recht behaupten zu können: Das habe ich allein gemacht."
Genau in dieser Erkenntnis bemisst sich der Erfolg des HWH: Mädchen Orientierung zu geben und ihr Selbstwertgefühl zu fördern. Im besten Fall lernen sie planvoll und organisiert zu arbeiten. Lob bekommt das HWH für seine Arbeit von allen Seiten. Innungen, Kammern, Politik – alle zeigen sich begeistert von dem Konzept. Dennoch, so berichten die Frauen vom HWH, ist es mühsam, die Förderung des Projekts sicherzustellen. Das HWH erhält Geld aus vielen Töpfen. "Wenn dann ein Förderer abspringt, muss jedesmal ein neuer gesucht werden", erklärt Gabriele Sieberg. Es sei anstrengend, gerade ein bewährtes Projekt immer wieder "in trockene Tücher" zu bekommen. Eine Regelförderung, also eine kontinuierliche Unterstützung, würde die Pädagoginnen von der dauernden Suche nach Geldgebern entlasten.
Laura hat inzwischen ihr Problem mit dem Tisch gelöst. Sie hat die Ablageplatte unter der Tischplatte einfach etwas schmaler gesägt. Jetzt stimmen die Proportionen wieder. Sie möchte gerne aufs Foto mit ihrem Werk. Lea dagegen arbeitet noch. Es fehlt nur die Endmontage. "Warten Sie, ich will auch noch ein Foto", ruft sie durch die Werkstatt. Na klar, so viel Einsatz will belohnt sein.