An der Wand lehnt Sarg an Sarg. Urnen und Bestattungszubehör stapeln sich in Regalen bis unter die Decke. Hinter einem Leichenwagen taucht Lisa Marquardt auf und lächelt. Statt für ein Studium hat sie sich für eine Lehre zur Bestattungsfachkraft entschieden.

Für Lisa ist der Tod alltäglich
Die 19-Jährige fühlt sich in der vermeintlich schauerlichen Umgebung vollkommen wohl. Auch die zwei Kühlräume, in denen Särge mit den Verstorbenen aufbewahrt werden, jagen ihr keine Angst ein. Für Lisa ist der Tod alltäglich.
Sie entschied sich nach dem Abitur gegen ein Psychologiestudium und für einen Beruf, der "viel mehr Kreativität" erfordert, wie sie sagt: Bestatter. Seit September 2007 ist Lisa Auszubildende beim Roga Bestattungsunternehmen und lernt unter anderem in Ilmenau ihren Traumberuf. "Ich bin mit dem Bestatterwesen aufgewachsen", sagt Lisa. Ihre Eltern sind Bestatter und arbeiten in einem Familienbetrieb im brandenburgischen Spreewald. Der Betrieb existiere seit 1945, und irgendwann wolle sie ihn übernehmen. Bestatter sei schließlich ein "ganz gewöhnlicher Beruf".
Im elterlichen Unternehmen hatte Lisa mit 13 Jahren ihren ersten Kontakt zu einem Verstorbenen. "Damals wurde noch jemand für die Fahrt ins Krematorium benötigt, da bin ich spontan eingesprungen."
Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft hätte Lisa auch bei ihren Eltern machen können. "Aber es ist gut, dass ich mal in einen anderen Betrieb reinschnuppern kann und verschiedene Erfahrungen sammele, bevor ich nach Calau zurückkehre", sagt sie.
Drei Jahre Ausbildungszeit
Nach Angaben des Vorsitzenden des Landesinnungsverbandes der Bestatter in Thüringen, Gerd Rothaug, gibt es derzeit nur vier oder fünf Ausbildungsplätze zur Bestattungsfachkraft innerhalb Thüringens. Drei Jahre beträgt die Ausbildungszeit zur Bestattungsfachkraft normalerweise. Neben der betrieblichen Ausbildung findet ein Großteil auch in den Berufsschulen statt.
Prüfung über Särge
So lernen Lisa und 29 Klassenkameraden in Bad Kissingen unter anderem die Bergung und Überführung von Verstorbenen, deren Einkleidung und Einbettung. Aber auch Trauerpsychologie, Ethik und kaufmännische Aspekte spielen eine wichtige Rolle. "Es ist schon merkwürdig, wenn dann eine Prüfung über Särge geschrieben wird. Daran muss man sich halt gewöhnen", sagt Lisa.
Es gibt aber auch Dinge, an die sie sich nur schwer gewöhnen kann. So vermeide sie es, den Verstorbenen beim Ankleiden ins Gesicht zu schauen. In schwierigen Fällen wendet sich die junge Frau auch heute noch an ihre Eltern. "Wenn kleine Kinder gestorben sind oder auch Gleichaltrige, dann kann ich das nur schwer vergessen", räumt Lisa ein.
Doch nicht nur psychische Stärke, auch körperliche Kraft und handwerkliches Geschick sind bei einem Bestatter gefragt. In ihrer Abschlussprüfung muss Lisa auch ein Grab ausheben. Besser gefällt ihr da das Dekorieren der Trauerhallen. "Die Auswahl und Aufstellung der Blumen erfordern viel Kreativität und Feingefühl. Das macht Spaß und ist immer wieder eine Herausforderung", erklärt die 19-Jährige.
Ziel: Thanatopraktikerin
Herausforderungen scheinen der jungen Frau zu gefallen. Nach der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft will sie "Geprüfte Thanatopraktikerin" werden, Spezialistin in der ästhetischen und hygienischen Herrichtung von Verstorbenen für eine Aufbahrung. "Das bedeutet, noch eine Menge Scheu zu überwinden", sagt Lisa.
Vor dem eigenen Tod hat Lisa keine Angst. Durch ihren Beruf habe sie "gelernt, bewusst zu leben und mein Leben zu genießen". Über ihr eigenes Lebensende hat sich die junge Auszubildende auch schon Gedanken gemacht. "Für mich kommt nur eine Feuerbestattung in Frage. Das bedeutet auch wenig Arbeit für die Hinterbliebenen." ddp