Rahmen und Vergolder Nah dran an alten Meistern

Der Münchner Handwerksbetrieb Pfefferle setzt seit fast 150 Jahren Bilder in den passenden Rahmen.

Jens Christopher Ulrich

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    Über 2.000 historische Originalrahmen umfasst Karl Pfefferles Sammlung. Foto: Ulrich
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    Die Sammlung reicht von den ersten Anfängen einfacher gotischer Fensterrahmen über Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil bis zur Moderne. Foto: Ulrich
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    Kirstin Romanek ist Vergoldergesellin. Hier grundiert sie Bologneser Kreide und Hautleim. Foto: Ulrich
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    Juniorchef Michael Pfefferle zeigt eine Gussform, mit der Ornamente hergestellt werden. Foto: Ulrich

Nah dran an alten Meistern

Auf die Frage nach seinen Lieblingsbildern muss Karl Pfefferle etwas überlegen. Zahlreiche Werke alter Meister schießen dem 62-Jährigen durch den Kopf. Einige davon, zum Beispiel von Rubens und Dürer, waren für ihn schon zum Greifen nah. Aber auch Picasso, Chagall oder Van Gogh. Allerdings hat er sich ihnen nicht etwa unerlaubterweise im Museum genähert, sondern in seiner alarmgesicherten Werkstatt im Münchner Stadtteil Lehel. Karl Pfefferle stellt Rahmen her – für Bilder von Privatkunden und großen Museen.

Vor bald 150 Jahren, 1859, kam der Urgroßvater des heutigen Firmeninhabers, der Tiroler Fassmaler Joseph Pfefferle, nach München, wo er in der Brienner Straße die "Rahmen und Vergolderwerkstätten Pfefferle" als ältestes Spezialgeschäft in München gründete. "Damals waren Kirchen und Privathäuser die Hauptauftraggeber. Allerdings wurden hauptsächlich Rahmen für Altäre gefertigt und nicht für Bilder", berichtet Pfefferle.

Süddeutschlands bedeutendste Rahmensammlung

Erst der Sohn des Firmengründers, Pfefferles Großvater Karl, legte mit dem Umzug in die Türkenstraße und dem Aufbau der umfangreichen Rahmensammlung den Grundstock für die individuellen, handwerklichen Einzelanfertigungen von Bilderrahmen, die heute das Kerngeschäft des Betriebs ausmachen. Heute gilt die Rahmensammlung Pfefferle als die bedeutendste historischer Rahmen im süddeutschen Raum. In mehr als 100 Jahren trug die Familie über 2.000 Stücke aus Europa zusammen. Die Sammelleidenschaft dient aber auch dem Geschäft: Im Schnitt passen rund 20 Rahmen zu jedem Bild, das die Kunden bringen.

Die Sammlung dokumentiert die Geschichte des Rahmens von den ersten Anfängen einfacher gotischer Fensterrahmen über Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Jugendstil bis zur Moderne. Der älteste Rahmen der Sammlung stammt aus der Gotik des 13. Jahrhunderts. Die Stücke haben die Pfefferles zum Großteil aus Nachlässen und von Versteigerungen. „Während Rahmen heute Antiquitäten sind, die es zu erhalten gilt, dokumentierte früher jeder neue Besitzer eines Bildes sein Eigentum mit einem eigenen, neuen Rahmen“, erzählt Firmenchef Pfefferle. August der Starke etwa ließ sein Wappen in alle Bilderrahmen einfügen, die seine Gemälde fassten. Ob der Rahmen auch zum Bild passte, spielte dabei keine Rolle. 300 bis 400 Stunden dauert es heutzutage, einen komplett neuen Rahmen zu fertigen. Rund 500 Stück verlassen die Rahmenwerkstatt Pfefferle pro Jahr. Für eine umfangreiche Arbeit mit Schnitzereien werden bis zu 9.000 Euro fällig.

Zum Ausgleich eine eigene Galerie

"Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt mein Vater viele Aufträge von Museen, die ihre Sammlungen wieder instand setzen mussten", sagt Pfefferle. Als die Restaurierungswelle für Bilderrahmen allmählich abebbte, übernahm sein Vater, ein gelernter Vergolder und Fassmaler, die Gesamtleitung für die Restaurierung der Fassungen für die Innenausstattung des Cuvilliés-Theaters in München. Die Werkstatt arbeitete außerdem an der Rekonstruktion der Rahmen des "Schaffner Altars" in der Alten Pinakothek sowie an der Restaurierung der geschnitzten gotischen Holzdecke im Hohen Schloss zu Füssen und des Renaissance-Orgelgehäuses für die St.-Anna-Kirche in Augsburg. Hinzu kam die Gesamtleitung für die Fassungen während der Restaurierung der Frauenkirche.

Nach dem Tod des Vaters 1967 übernahm Karl Pfefferle den Betrieb. Acht Fachkräfte, Schreiner und Vergolder, beschäftigt der Firmeninhaber, der nach seiner Lehre als Fassmaler und Vergolder noch die Meisterprüfung anschloss. Bei seiner Arbeit geht es ihm nicht darum, dem Bild nur eine Fassung zu geben. "Rahmen und Bild sollten eine Einheit bilden", erklärt Pfefferle ein wichtiges Grundprinzip seiner Arbeit, "es fiele mir daher schwer, für einen Kunden einen Rahmen zu bauen, der stilistisch überhaupt nicht zum Bild passt".

Doch bisher hat er mit seiner Expertise und seiner jahrzehntelangen Erfahrung noch jeden überzeugt. Aufträge kommen vor allem von Stammkunden, hinzu kommen solche, denen die Pfefferles empfohlen wurden. "Name und Tradition sind gerade in unserem Bereich viel wert", betont der Seniorchef. So zählen viele Museen zu den Auftraggebern, darunter die Münchner Pinakotheken, das Wallraff-Richartz Museum in Köln, das Städel Museum Frankfurt und das Liechtenstein Museum in Wien.

Gemälde sind jedoch nicht nur von Berufs wegen Karl Pfefferles große Leidenschaft. "Ich hätte mir auch gut vorstellen können, Kunstgeschichte zu studieren", erinnert sich der Vergoldermeister, "aber nach dem Tod meines Vaters wurde ich im Betrieb gebraucht". Als kleinen Ausgleich gründete er 1983 eine Galerie für zeitgenössische Kunst in der Reichenbachstraße. "Ich bin jeden Nachmittag dort", sagt Pfefferle und seine Augen strahlen. Vermutlich kann er dort gut von der Arbeit abschalten – die meisten der ausgestellten Bilder sind ungerahmt. Mit Pfefferles Sohn Michael ist vor 18 Jahren die fünfte Generation der Familie in den Betrieb eingestiegen. "Ich hatte nach dem Abitur Lust auf die Lehre, schließlich habe ich schon als Jugendlicher in der Werkstatt mitgeholfen", berichtet der 38-Jährige. Im Laufe der Jahre hatte es der Vergoldermeister nicht nur mit Meistern am Pinsel und an der Staffelei zu tun: "Einmal haben wir sogar eine Schuluniform gerahmt, die der AC/DC-Gitarrist Angus Young auf der Bühne getragen hat."

Auf Wunsch auch die Holzwurmlöcher

Obwohl er im Betrieb mittlerweile fast ausschließlich kaufmännisch tätig ist, ist der Juniorchef auch fachlich noch voll im Stoff und gibt kurzerhand einen Exkurs zum Thema Rahmenhölzer. "Nadelhölzer eignen sich besonders für vergoldete Rahmen, da der Leim gut in das offenporige Holz einziehen kann", erklärt Pfefferle. Dagegen werden feinporige Obsthölzer bevorzugt für Naturholzoberflächen verwendet. Bei ihrer Arbeit halten sich die Mitarbeiter der Rahmenwerkstatt haargenau an die historischen Vorbilder. "Wenn es der Kunde wünscht, imitieren wir sogar die Holzwurmlöcher", versichert der Juniorchef.

In der Werkstatt wird zunächst anhand des Originalbildes und der historischen Vorlagen gemeinsam mit dem Kunden der geeignete Rahmen ausgesucht. Auf Wunsch erstellen die Pfefferles auch Vorschläge für Rahmungen nach einer Bildvorlage, die die Kunden ihnen zuschicken. Dazu werden mehrere geeignete Rahmen maßstabsgerecht um das Bild montiert und per E-Mail oder Post zurückgeschickt. Wenn der Kunde sich entschieden hat, treten Schreiner und Vergolder in Aktion.

Entschieden hat sich schließlich auch Seniorchef Karl Pfefferle, zumindest was seine Lieblingsmaler angeht: "Mir gefallen besonders Skizzen von Rubens sowie Holzschnitte und Kupferstiche von Dürer." Eben jene, an denen er schon ganz nah dran war.