Der Stein ist tot – es lebe der Stein

Biegung im Schnelldurchlauf – die Firma Jogerst Steintechnologie schafft hauchdünne Versteinerungen für Fassaden, Furniere und Arbeitsplatten

Frank Muck

Durchscheinend: Die Thekenverkleidung aus Steinplatten lässt Licht in den Raum. - © Jogerst

Der Stein ist tot – es lebe der Stein

Wer mit einem Steinmetz spricht, kommt unweigerlich auf das Thema Grabmal. Das ist bei Michael Walter nicht anders. Der Geschäftsführer der Jogerst Steintechnologie GmbH in Oberkirch (Schwarzwald) kann sich bei diesem Thema sehr ereifern. Von alternativen Bestattungswegen zum Beispiel hält er gar nicht viel. Er sage das nicht nur, weil Steinmetze mit Grabmalen natürlich noch hauptsächlich ihr Geld verdienen. Vielmehr ginge es ihm um die kulturelle Sicht, den Blick auf unsere Bestattungskultur, betont er. Die Leute wüssten gar nicht, was sie sich damit antäten, wenn sie ihre Toten verbrennen und zum Beispiel in Urnenwänden ausstellen würden. „Stellen Sie sich mal vor, Sie stehen mit Blumen vor der Wand, warten darauf, dass andere Leute den Friedhofsbesuch an ihrem Urnenfach beenden und Sie, sobald die anderen weg sind, nicht wissen, wo Sie vor lauter Blumen ihren eigenen Strauß noch ablegen sollen“, witzelt Walter sarkastisch.

Kreative Lösungen

Der 47-jährige Steinmetz- und Steinbildhauermeister karikiert etwas, aber es ist ihm ein ernstes Anliegen mit der Kulturpflege. „Ein Volk wird daran gemessen, wie es seine Toten bestattet“, zitiert er den griechischen Staatsmann Perikles und wünscht sich, dass die Menschen zu alten Bestattungsritualen zurückkehren.

Bei aller Auseinandersetzung mit der ethischen Grundhaltung unserer Gesellschaft spielt natürlich der geschäftliche Aspekt der Steinmetzbetriebe bei der Grabgestaltung ebenfalls eine große Rolle. Vor allen Dingen, weil Grabmale für die rund 7.000 Steinmetzbetriebe in Deutschland immer noch der Hauptgeschäftszweig sind. Walter bleibt bei dem Thema, auch wenn einige Städte wie Köln schon wieder zurückrudern mit ihrer liberalen Grabstättenvergabe, realistisch. Mit einer grundlegenden Rückkehr zur alten Friedhofskultur rechnet er nicht. Und so hat er sich schon vor 15 Jahren die Frage gestellt, in welche Richtung er mit seinem Steinmetzunternehmen eigentlich will. Auf dem Produkt Grabstein werde er sich nicht ausruhen können, hat er bereits damals erkannt. Also investiert die Jogerst Steintechnologie GmbH inzwischen in vier Geschäftsfelder: Restaurierung, Grabmale, Fassaden und Dünnsteintechnik. Gerade bei den Dünnsteinen setzt das Unternehmen auf kreative Lösungen. So außergewöhnlich, dass Jogerst im vergangenen Jahr den Innovationspreis Mittelstand der Volksbanken und Raiffeisenbanken bekommen hat.

Doch bis zu dieser Auszeichnung bedurfte es einiger Jahre Entwicklungsarbeit. Anlass war eine Anfrage der Daimler AG. Ein Designer des Autobauers wollte für die Inneneinrichtung der Pkws neue Oberflächen anbieten. Seine Wahl fiel auf Stein. Doch wie bringt man echten Stein oberflächlich auf mehrfach gewölbte Armaturen auf, ohne dass er bricht oder zu schwer wird im Verhältnis zum Gesamtgewicht des Autos. Eine Empfehlung brachte ihn dann 1999 zu Jogerst. Das Unternehmen war für seine Verarbeitung von Dünnstein bereits bekannt. Michael Walter war von der Idee sofort begeistert, obwohl nicht klar war, wie so eine Verkleidung technisch umzusetzen ist: „Wir haben einfach gesagt: Wir probieren das.“ Der Firmenchef hat dann Fachbücher gewälzt und geologisches Wissen gesammelt. Er fand heraus, dass Tiefengestein zwischen den Kristallen keine Bindemittel besitzt und sich deshalb bei entsprechender Form und Belastung sogar von allein verbiegt. Etwa, wenn eine Dünnsteinschicht an einer Wand lehnt und sich langsam in der Mitte wölbt. Da dieser Vorgang jedoch zu lange dauert, erledigt die Firma Jogerst die Verformung im Zeitraffer. Durch gezielte, gleichmäßige Belastung an den entsprechenden Stellen. Doch vorher muss der Stein erst einmal in hauchdünne Schichten zersägt werden. Die Techniker der Firma Jogerst haben es geschafft, ihn auf eine Dicke von 0,6 mm zu zerschneiden. Das Unternehmen hat dafür ein spezielles Verfahren entwickelt. Wie die Technik funktioniert, will Michael Walter aber nicht verraten.

Dreidimensionaler Look

Inzwischen hat Daimler das Steininterieur fest im Pkw-Angebot. Jogerst hat mit dem Autobauer einen Exklusivvertrag für die Belieferung mit Natursteinfurnier für Pkw-Innenverkleidungen abgeschlossen. Ausländische Unternehmen haben bereits angefragt, Ähnliches für die Oberfläche anderer Gegenstände zu produzieren. Der Steinlook kommt an und lockt andere Interessenten. Der Vorteil des Steindesigns im Vergleich zu Kunststoff sei die dreidimensionale Tiefe, erklärt Walter. Mit Kunststoff könne man diesen natürlichen Eindruck einfach nicht wiedergeben.

Das Steinfurnier hat nach neun Jahren Entwicklung seine Marktreife erlangt und wird auf unterschiedlichen Flächen, wie etwa Küchenarbeitsplatten oder Fassaden, eingesetzt. Der Erfolg hat Michael Walter angespornt. Das Design hat er in anderer Form weiterentwickelt. Neueste Umsetzung ist der Einsatz in Verbundglas, das in Verbindung mit Lichtquellen, etwa bei der Verkleidung einer Theke, einen lichtdurchscheinenden Effekt hat.

Trotz des Erfolgs unterschlägt Walter nicht das unternehmerische Risiko solcher Neuentwicklungen. Das Unternehmen habe schließlich einen siebenstelligen Betrag in den Einsatz von Dünnstein investiert. Doch als Unternehmer scheue er sich eben nicht, neue Wege einzuschlagen. Bedenkenträger und Besitzstandswahrer sind ihm ein Gräuel. „Ich bin Überzeugungstäter“, sagt er und ergänzt, dass ihm in seinem Handwerk gar nichts anderes übrig bleibe, als sich nach Nischen umzusehen. Märkte, mit denen man langfristig Geld verdienen kann. Im Moment sei es so, dass jeder Euro, der mit der neuen Technologie verdient wird, in weitere Investitionen fließt. Derzeit wird an einer Dünnsteinküchenplatte probiert. 6 cm dick soll sie werden. Insgesamt. Also nur äußerlich, denn der Dünnstein wird auf eine Schaumstoffplatte aufgebracht. Das spart Gewicht. Auch dieses Produkt birgt technische Herausforderungen, denen sich die Techniker im Unternehmen stellen müssen.

Neue Herausforderungen

Das war bis 1993 anders. Bis dahin war Jogerst der typische Steinmetzbetrieb, spezialisiert auf Grabmale. Michael Walter fing damals als Geschäftsführer bei dem Drei-Mann-Unternehmen an. Er selbst war Fachmann für Restaurierung: Fassaden, Kirchen, Sandstein. Schon als Kind, sagt er, hat er ein Faible für Steine entwickelt. Auf seinem Schulweg lag ein Steinbruch, in dem er jeden Tag mit Hammer und Meißel Mineralien sammelte. So war sein Traumberuf schnell klar: Steinmetz.

In die Firma Jogerst brachte er sein fachliches Wissen im Fach Restaurierung mit ein. Doch er ruhte sich nicht auf den Traditionen des Drei-Generationen-Betriebs aus, sondern analysierte Geschäftsmodelle, suchte nach Reserven, recherchierte nach neuen Ideen und entwickelte Konzepte für neue Produkte. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 25 Mitarbeiter, darunter drei Steinmetzgesellen. Aber auch Natursteintechnologen und -mechaniker, um die technische Umsetzung der neuen Produkte zu garantieren.

Ach ja, Grabmale fertigt die Jogerst Steintechnologie GmbH natürlich immer noch. 2.000 stehen in der Ausstellung und 500 Steinmetzbetriebe führen Jogerst als Großhändler für den Friedhofsschmuck, um selbst nur noch die Beschriftung vornehmen zu müssen. Das könnte sich geschäftlich irgendwann als ausgetretener Pfad erweisen, wobei aus kultureller Sicht darüber auch noch nicht das letzte Wort gewechselt ist.