Der Maschinenbauer Löwenkamp sichert sich mit einer ungewöhnlichen Schulkooperation die Fachkräfte von morgen
Reinhard Myritz
Lehrlinge als Botschafter
Karl-Heinz Löwenkamp kann es kaum glauben. Nach nicht einmal einem Jahr Zusammenarbeit mit der benachbarten Hauptschule wurden seine Erwartungen bereits übertroffen. „Wir haben in diesem Jahr vier neue Lehrlinge eingestellt, drei von ihnen kommen aus unserer Schule und sind damit ein direktes Ergebnis unserer Kooperationsvereinbarung.“
Gemeinsam mit seiner Schwester Christa Weiß und seinem Bruder Helmut führt Karl-Heinz Löwenkamp die Geschäfte der 1947 vom Vater gegründeten Heinrich Löwenkamp GmbH in Inden-Pier bei Aachen. Seitdem hat sich die Maschinenbaufirma zu einem international anerkannten Prototypenbauer entwickelt. Die Auftragsbücher sind voll, bis tief ins nächste Jahr hinein.
Trotzdem treiben die Unternehmer Sorgen um. Denn der demografische Wandel ist im Mittelstand längst angekommen. Damit geht es an die Wurzeln des Betriebes, der seinen wirtschaftlichen Erfolg in erster Linie zwei Eigenschaften verdankt: einer ausgeprägten Grundhaltung der Firmenlenker zur technischen Innovation und ihrer großen Wertschätzung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Beides hängt untrennbar zusammen und gerät in Gefahr, wenn irgendwann einmal der Berufsnachwuchs fehlt.
Zu den Kunden des Betriebs gehört unter anderem die Deutsche Aerospace. Als 1994 die Europa-Rakete Ariane 5 in Französisch-Guayana abhob, ging auch ein Teil aus Inden-Pier mit in die Luft. Das Unternehmen hat sich längst einen Namen gemacht, wenn es um höchste Qualität und feinste Präzision geht.
Bereits 1971 hat der Betrieb auf der Internationalen Handwerksmesse in München die Goldmedaille der bayerischen Staatsregierung erhalten. Heute suchen viele Ingenieurbüros Rat und Tat bei dem Maschinenbauspezialisten. Gleichzeitig wuchs die Zahl ausländischer Kunden. Viele Anlagen oder Komponenten gehen in alle Kontinente. „Präzision und Individualität sind eben überall gefragt“, kommentiert Karl-Heinz Löwenkamp. Schon vor 15 Jahren interessierten sich Chinesen für technische Lösungen im Kalkschachtofenbau.
Der Höhenflug des Betriebs war nicht vorgezeichnet. Breites technisches Wissen und große handwerkliche Erfahrung sind in erster Linie die Gewähr dafür, dass das Unternehmen heute ein gefragter Partner der Kalkschachtofenindustrie ist.
Hohe Ausbildungsquote
Christa Weiß ist wie die meisten Unternehmerfrauen im Handwerk auch für das Personalwesen und damit die Lehrlingsbetreuung verantwortlich. Zehn Azubis werden aktuell als Metallbauer, Feinwerkmechaniker und Zerspanungsmechaniker ausgebildet, bei rund 60 Mitarbeitern ein beachtlicher Prozentsatz. Jährlich werden zwei bis vier Jugendliche neu ins Ausbildungsteam übernommen. Doch es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, geeignete Bewerber zu finden.
Das sei erst der Anfang, sagt die Unternehmerin. Bevor mittelfristig der Fachkräftemangel eine Gefahr für das weitere Wachstum werde, habe sie zusammen mit ihren Brüdern aus der Not eine Tugend gemacht. „Je früher wir an die Jugendlichen in der Schule herankommen“, weiß sie aus ihrer langjährigen Erfahrung mit Praktikanten, „desto eher können wir sie über unsere Arbeit und unser Unternehmen informieren, desto genauer können wir prüfen, wer sich für welche Berufe bei uns interessiert und desto früher können wir die Richtigen an uns binden.“ Der Gedanke einer Zusammenarbeit mit einer Hauptschule lag nahe. Anlässlich des 50. Firmenjubiläums im Sommer 2007 wurde eine Lernkooperation mit der Hauptschule Inden unterzeichnet.
Christa Weiß entschloss sich darüber hinaus, die Leitung dieser Kooperation in die Hände des eigenen Berufsnachwuchses zu legen. Seitdem sind immer zwei Azubis aus dem Unternehmen dafür verantwortlich, dass die Partnerschaft mit Leben erfüllt wird. Für Christa Weiß ist die Übertragung dieser Verantwortung in die Hände jeweils eines Lehrlings aus dem dritten und dem zweiten Lehrjahr ein wichtiges Element der Personalentwicklung. „Unsere Jungs erhalten eine zusätzliche Wertschätzung durch die Schülerinnen und Schüler. Dabei erfahren sie sehr deutlich, welche enorme fachliche und auch persönliche Entwicklung sie in den zwei, drei Jahren seit ihrer eigenen Schulzeit schon genommen haben“, sagt sie.
Privilegierte im Handwerk
Betriebsbesichtigungen in der Heinrich Löwenkamp GmbH gehören inzwischen zum betrieblichen Alltag. Besonders interessierte Schüler nutzen außerdem die Möglichkeit, im Rahmen von Praktika in den Ferien ihr Taschengeld aufzubessern. Gleichzeitig beobachten Christa Weiß und ihre Brüder die Jugendlichen genau. Wo immer es möglich ist, erfolgt der Einsatz der Jugendlichen auf der Grundlage ihrer individuellen Interessen, Befähigungen und Neigungen. Erscheint ihnen dann einer der Jugendlichen besonders geeignet, bieten sie ihm einen Lehrvertrag an.
Und weil die Zahl der an einem aufgestockten Taschengeld interessierten Mädchen und Jungen sehr groß ist, haben sie ausreichend Gelegenheit, die künftigen Anwärter auf eine Lehrstelle genau zu prüfen und in Ruhe zu wählen. „Allein die Option, endlich wieder aus dem Vollen schöpfen zu können, macht uns heute zu den Privilegierten im Handwerk, was die Lehrlingssuche betrifft“, ist sich Christa Weiß sicher.
Der Kooperationsalltag verläuft zweigleisig. Es sei entscheidend für den Erfolg, dass auch die Partner in der Schule Initiativen entwickeln. Die gemeinsam erarbeitete Vereinbarung enthält deshalb konkret nachprüfbare Ziele. Gemeinsam entwickelten die Pädagogen und die Geschäftsleitung des Unternehmens eine Reihe von Unterrichtsthemen, die unter Einbeziehung praktischer Erfahrungen aus dem Unternehmensalltag den Schülerinnen und Schülern ab der 8. Klassen vermittelt werden können. Neben naturwissenschaftlichen Themen, die im Mathematik-, Informatik- und Physikunterricht vor allem eine Rolle spielen, gehören dazu sogar die Fächer Deutsch und Kunst.
Auf Bitte der Lehrer kommen in Abständen Lehrlinge in die Schule und vermitteln ihr Praxiswissen im Rahmen von Berufsinformationsveranstaltungen für die 9. Klassen. „Kein Problem“, meint Andreas Berg, angehender Feinwerkmechaniker im dritten Lehrjahr und Koordinator der Löwenkamp-Schulkooperation, über seinen Schuleinsatz. „Privat bin ich schließlich auch so etwas wie ein Lehrer.“ In seiner Freizeit gibt er Kindern Trompetenunterricht. Ihm habe es Spaß gemacht, den Schülern dabei zu helfen, mögliche Fehleinschätzungen bei der Berufswahl zu vermeiden. „Außerdem sind wir bei dem, was wir über berufliche Chancen sagen, überzeugender als Lehrer“, meint Andreas Berg. „Einmal kennen wir als Lehrlinge die Praxis im Betrieb und dann sind wir ja noch fast gleichaltrig. Bei mir kommt noch dazu, dass ich selbst einmal in dieser Schule gelernt habe. Ist doch ganz klar, dass die Schüler keine Scheu vor mir haben und Fragen stellen, die ihnen wirklich am Herzen liegen.“