Gute Fee verzaubert mit Farbe

Die Malermeisterin Sandra Bauscher verleiht ihrem Beruf neue Dimensionen, fühlt sich aber dem traditionellen Handwerk verbunden. Von Uli Steudel

Gute Fee verzaubert mit Farbe

Das Leben ist das schönste Märchen. Mancher Besucher des hessischen Malerforums im März mag sich wohl an Hans Christian Andersen erinnert gefühlt haben, als er im Rahmenprogramm die bunte Meerjungfrau bestaunte. Leuchtende Farben auf nackter Haut. Ein lebendiges Kunstwerk, geschaffen von einer Farbfee. Oder besser: von der Farbfee. Denn als solche ist Sandra Bauscher inzwischen weit über Hessens Grenzen hinaus bekannt.

Trotz ihrer Jugend von 29 Jahren hat sich die Maler- und Lackierermeisterin aus Niederdorfelden schon einen ausgezeichneten Ruf in der Branche erworben. Freilich nicht allein mit Bodypainting. Im Gegenteil: Ihr beruflicher Erfolg basiert auf der unglaublichen Vielfalt ihrer Arbeiten und auf der Kreativität einer jungen Frau, deren berufliches Selbstverständnis weit über das ihrer meist männlichen Kollegen hinausgeht. Trotzdem sieht Sandra Bauscher im Handwerk die Basis ihrer Tätigkeit. „Ein Kunststudium kam für mich nie in Frage“, versichert die Farbfee, die schon in der Schule jeden Malwettbewerb gewonnen hat. Trotzdem mochte sie später nicht in Museen den Leuten die Bilder erklären. Oder Gemälde restaurieren, auf denen doch andere Namen und Signaturen stehen.

Entwickeln neuer Techniken

Heute wagt sich Sandra Bauscher an Herausforderungen, wie sie nur wenige Meister in Angriff nehmen würden. Das hat sich herumgesprochen. Als sie jüngst ein Jäger bat, sein historisches Waldhorn nach dem Vorbild eines Museumsstückes zu verschönern, hat sie eigens eine neue Technik zur dauerhaften Bemalung von Musikinstrumenten entwickelt. In ihrem Büro liegen noch die Arbeitsproben, in denen die junge Meisterin in vielen Stunden das passende Zusammenspiel von Untergrund, Haftvermittlung und Beschichtungssystem gesucht hat. "Auf das dünne Material wirken Vibrationen, dazu Schweiß, Atem und Speichel. Das macht eine Farbbeschichtung so kompliziert", beschreibt Sandra Bauscher den Aufwand für ein solches Experiment.

Dass sie sich das überhaupt leisten kann, liegt an ihrer Einstellung zum Beruf. Trotz ihrer kreativen Ader ist sich Sandra Bauscher für die "normalen Malerarbeiten" nicht zu schade – egal, ob eine Wohnung tapeziert werden muss oder Fensterrahmen zu streichen sind. "Diese Arbeiten geben mir die Zeit, neue Ideen zu entwickeln."

Oft arbeitet sie dann gemeinsam mit ihrem Vater Gerd Bauscher, der seinen 1915 gegründeten Malerbetrieb in dritter Generation führt und bei dem auch Sandra ihr Handwerk gelernt hat. "Da musste ich wenigstens nicht erst wochenlang Pinsel auswaschen, sondern konnte gleich richtig mitarbeiten", sagt die Tochter. Trotzdem möchte sie nicht den Betrieb ihres Vaters übernehmen, sondern hat vor vier Jahren ihren eigenen gegründet.

Dabei wollte Sandra Bauscher nach dem Abitur und der Berufsschule eigentlich in Mainz Kommunikationsdesign studieren. Aber als sie von den Angeboten der Akademie des Handwerks hörte, entschied sie sich intuitiv für die Ausbildung zur staatlich geprüften Technikerin für Baudenkmalpflege und Altbauerhaltung auf Schloss Raesfeld, wo sie auch ihren Meisterbrief erwarb und gleichzeitig mit anderen Baugewerken in Kontakt kam. Und schließlich brachten die Beziehungen nach Raesfeld der spontanen Jungmeisterin ihre erste große Aufgabe.

Zu Weihnachten 2003 fragte einer ihrer Ausbilder, ob sie an einem größeren Projekt im Ausland mitarbeiten möchte. Am 6. Januar flog Sandra Bauscher nach Malaysia, wo sie nicht nur große Flächen einer gewaltigen Kuppel von 42 m Durchmesser vergoldete und mit Lasurtechniken bemalte, sondern zudem eine Schar einheimischer Studenten anleitete – für die unverschleierte blonde Frau in einem muslimischen Land allein schon Herausforderung genug. "Aber wo bekommt man in Europa schon die Chance, solch riesige Flächen zu vergolden. Nicht einmal in Italien", blickt Sandra Bauscher gern auf ihre berufliche Feuertaufe zurück.

Inzwischen überragt die Kuppel die Eingangshalle des Sieben-Sterne-Hotels Emirate Palace in Abu Dhabi, während die Malermeisterin sich in heimischen Gefilden bei ihrem Gast für den etwas in die Jahre gekommenden Firmenwagen entschuldigt. Die Farbfee setzt vorerst andere Prämissen, beschäftigt sich lieber mit der Weiterentwicklung altbewährter Techniken wie der Abformung, mit der etwa Steinmetze dreidimensionale Körper nachgestalten können.

Sandra Bauscher hat mit dieser Technik zum Beispiel einen filigranen Engel kopiert, indem sie mit einem Gemisch aus Polyurethan und Metallpulver die Konturen der Figur für eine Gussform sicherte. Der Engel war für ein Grabmal gedacht, das von der Malermeisterin gleich komplett gestaltet wurde: eine Kreation aus Edelstahl, Gusseisen und Stein – eine Arbeit für die Ewigkeit.

Wenn Farbfee Sandra Bauscher von solchen Erfolgen erzählt, dann klingt das regelrecht euphorisch. Auch weil sich ihr Betrieb in die gewünschte Richtung entwickelt. Lag der Anteil der kreativen Arbeiten 2006 noch bei rund 15 Prozent, so ist er inzwischen auf mehr als die Hälfte angewachsen. Kürzlich hat die Farbfee sogar für einen mittelständischen Steinelementehersteller die Farbpalette für die neue Kollektion der Terrassenplatten entworfen: warme und kalte Pastelltöne, die beliebig zu kombinieren sind. "Ich durfte sogar am Produktkatalog mitarbeiten", schwärmt Sandra Bauscher, die quasi eine Familientradition fortführt. Während der Vater ihr das Handwerk beigebracht hat, stammt die Kreativität womöglich vom Großvater mütterlicherseits. Der war nämlich Kunstmaler.

Ihr bislang kurzes, aber nichtsdestotrotz schon ereignisreiches Berufsleben mag der Farbfee manchmal selbst wie ein Märchen vorkommen. Und einen Prinz gibt es auch schon. Trotzdem wird die eigene Familie noch ein bisschen warten müssen, erst soll sich der Betrieb weiter festigen. "Die Familienplanung wird wahrscheinlich wieder eine spontane Entscheidung." Doch mit ihrer Spontanität hat Sandra Bauscher bisher ja nicht schlecht gelegen.