Die finnische Provinz Åland besteht zu fast 90 Prozent aus Wasser, hinzu kommen rund 6.500 kleine Inseln. Von Jana Tashina Wörrle
Ein Land aus tausend Inseln
Mit einem Joystick von nur etwa zehn Zentimeter Länge steuert Kapitän Mats Stormblad die dreißig Meter breite und 180 Meter lange Mariella durch enge Wasserstraßen, vorbei an kleinen Inseln und Felsblöcken. Der Weg von Stockholm nach Åland per Fähre dauert rund sechs Stunden. Er führt quer durch den skandinavischen Schärengarten zwischen Schweden und Finnland. Schären sind kleine Felseninseln, die meist als Inselgruppen dem Festland vorgelagert sind. Sie sind nur wenige Quadratkilometer und manchmal sogar nur einige Quadratmeter groß. Åland liegt mittendrin im Inselgebiet der so genannten Scandinavian Islands, etwa auf halber Strecke zwischen Stockholm und Helsinki. Und genau diese Position in der Mitte macht sich bei den Åländern auch politisch bemerkbar.
Offiziell gehört Åland zu Finnland, im Hinblick auf die Innenpolitik ist die Provinz jedoch unabhängig. Zahlungsmittel ist der Euro, gesprochen wird schwedisch. Der Ostseearchipel Åland gehörte lange Zeit zu Schweden, ging im Russisch-Schwedischen Krieg jedoch gemeinsam mit Finnland in russische Hände über. 1917 im Zuge der russischen Februarrevolution und der Unabhängigkeitserklärung Finnlands forderten die Åländer, wieder zu Schweden zu gehören. Nach langen Verhandlungen kam schließlich als Kompromiss die faktische Zugehörigkeit zu Finnland mit weitgehenden Selbstverwaltungsrechten zustande. Amts- und Unterrichtssprache war in Åland immer das Schwedische. Durch seine Zugehörigkeit zu Finnland ist Åland zwar EU-Mitglied, es gehört jedoch nicht zur Steuerunion. Damit ist auf den åländischen Inseln ein steuerfreier Einkauf möglich.
Fähre und Festland – Unterschiede wie Tag und Nacht
Dies machen sich auch die Schiffsreisenden zwischen Schweden und Finnland zunutze. Rund 2.500 Passagiere passen auf eines der großen Fährschiffe die fast pausenlos zwischen den beiden Ländern pendeln. Für viele Jugendliche und einige Feierbegeisterte sind die Bootstouren jedoch mehr als bloßer Transfer. Auf mehreren Decks verteilt gibt es auch auf der Mariella Kneipen, Karaokebars, Restaurants und Duty-free-Shops. Aufwändig gestylt und mit viel guter Laune stürzen sich die Schweden und Finnen hier ins Getümmel und da der Alkohol in den skandinavischen Ländern bekanntermaßen sehr teuer ist, nutzen sie die åländischen Vergünstigungen gerne aus.
Betritt man nach dieser feierfreudigen Fährtour am Hafen der Hauptstadt Marieham dann åländisches Festland, erlebt man plötzlich den klaren Gegensatz zum Feierlärm und den vielen Menschen auf engem Raum. In Åland herrscht Ruhe, jedoch keine Stille oder gar Stillstand. Das Land umfasst eine Gesamtfläche von 13.517 Quadratkilometern, die Landfläche misst jedoch nur rund elf Prozent, auf der etwa 27.000 Einwohner leben. Wasser, Wald und Felsen bestimmen die Landschaft. Fischfang, Schiffsbau, Seefahrt und der Tourismus sind die wichtigsten Wirtschaftszweige. Dabei beträgt die Arbeitslosenquote der Region nur zwei Prozent und das Land wächst. Die Geburtenziffer übertrifft klar die Sterberate. Vor allem die Hauptstadt Marieham und ihre Vororte verzeichnen positive Wachstumsraten. "Natürlich gehen viele junge Leute nach der Schule erst einmal weg aus Åland. Wenn sie dann aber eine Familie gründen wollen, kommen sie wieder zurück", sagt Annica Grönlund von der Touristeninformation in Marieham. Etwas problematischer sieht es in den Schärengemeinden aus. Viele Orte und Häuser werden hier nur im Sommer bewohnt.
Rund 8.000 so genannte Sommer- und Ferienhäuser gibt es in Åland, aber nur etwa 2.500 davon werden an Touristen vermietet. Die restlichen gehören den Åländern selbst oder schwedischen und finnischen Familien, die das åländische Heimatrecht besitzen. An den Wochenenden im Sommer und in den Ferien dienen die Sommerhäuser den Åländern als Zweitwohnsitz, Freizeit- und Erholungsort. Viele dieser Häuser liegen entweder in den Schärengebieten oder in Regionen, die bei schlechter Witterung nicht gut zu erreichen sind. An warmen Sommertagen kann man hier jedoch eine unglaublich schöne und zugleich wilde und unberührt wirkende Natur erleben. Im Juni – kurz vor dem Mittsommerfest – steht die Sonne bis nach 24 Uhr am Himmel – die Nächte sind dann fast zu kurz und auch zu schön zum Schlafen.
Die vereinigten åländischen Handwerker
Vor der Industrialisierung und dem zunehmenden Welthandel wurde in Åland fast alles selbst hergestellt – ob Kleider, Möbel, Werkzeug oder Lebensmittel. Der typische Åländer war damals Seemann, Bauer und Handwerker zugleich. Heute konzentriert sich die Wirtschaft in Åland stark auf die Seefahrt und die damit zusammenhängenden Branchen. Reedereien, Fischereien und Fischhandelsbetriebe, der Fährbetrieb und dessen Verwaltung sowie der damit zusammenhängende Tourismus spielen eine große Rolle. Die meisten Haushaltsgegenstände und Lebensmittel werden heute importiert. Im Handwerksbereich gibt es hauptsächlich Künstlerwerkstätten, die typische Gegenstände wie Strick- oder Töpferwaren herstellen. Um diese Waren gemeinsam zu vertreiben, haben sich die ansässigen Betriebe zur Handwerkervereinigung "Salt“ zusammengeschlossen. Im Hafen von Marieham besitzt die Vereinigung eine gemeinsame Warenhalle, aber auch in anderen kleinen Läden wird das Kunsthandwerk unter der Marke „Salt“ verkauft.
In Åland gibt es insgesamt 2.300 Firmen, aber nur etwa neun mit über 100 Mitarbeitern. Die größte Firma des Landes ist eine Kartoffelchipsfabrik. "Mehrere Doppellaster gehen jeden Tag von der Fabrik nach Finnland“, erzählt Annica Grönlund. Die åländischen Chips sind beliebt. Aufgrund der großen Nachfrage können sie heute jedoch nicht mehr ausschließlich aus åländischen Kartoffeln hergestellt werden. Für die Produktion werden Kartoffeln aus Finnland zugekauft.
Besonders stolz sind die Åländer auf ihre beiden bekannten Schriftstellerinnen Sally Salminen, die den Roman "Katrina" geschrieben hat, und Anni Blomqvist, die für ihre Buchreihe der "Stormskärs Maja" bekannt wurde. Die Geschichte der Stormskärs Maja wurde auch als TV-Serie verfilmt und gilt seither – ähnlich die Geschichte von Heidi und dem Ziegenpeter in der Schweiz – als niedergeschriebenes Nationalsymbol.
Um die Inseln von Åland zu erkunden, schwingt man sich am besten auf das Fahrrad. Breite Wege, flache Strecken und vor allem die vielen, faszinierenden Eindrücke, die man durch das etwas langsamere Unterwegssein bekommt, machen die Erkundungstouren unvergesslich. Zusätzlich sind die Fähren, die die einzelnen Inseln verbinden und um die man in Åland nicht herumkommt, für Fußgänger und Radfahrer kostenlos. An machen Stellen führen die Verbindungen zwischen den einzelnen Schären jedoch auch über Brücken oder Dämme. Man fährt hier über feste, gut ausgebaute Straßen, an denen rechts und links direkt das Meer anschließt. Und genau dieser Eindruck ist es, den jeder Besucher der åländischen Schärenregion mitnimmt: Egal wo man sich gerade befindet, der Blick auf das Wasser und die Weite der skandinavischen Ostsee ist immer möglich.