Lungenkrank durch Putzen Putzmittel angeblich so gefährlich wie Rauchen

Weltweit leiden immer mehr Menschen unter Asthma und der Atemwegserkrankung COPD. Als Ursache gilt verschmutzte Luft, speziell bei COPD-Patienten aber auch das Rauchen. Eine norwegische Studie hat jetzt einen dritten Faktor benannt: Putzen soll mindestens genauso gefährlich sein für die Lunge wie Rauchen. Was dahinter steckt.

Barbara Oberst

Frauen, die privat oder beruflich putzen, haben eine höhere Gefahr, lungenkrank zu werden als Frauen, die nicht putzen. - © amh-online

20 Jahre Putzen entsprechen täglich 20 Zigaretten über denselben Zeitraum: Auf diesen Nenner bringen Wissenschaftler der Universität Bergen in Norwegen die Ergebnisse ihrer European Community Respiratory Health Survey. Zwei Jahrzehnte lang sammelten sie Daten zur Lungengesundheit und dem Lebensstil von über 6.200 Teilnehmern.

Dabei stellte sich heraus, dass Frauen, die entweder privat oder beruflich mindestens einmal pro Woche putzten, am Ende des Zeitraums eine schlechtere Lungenfunktion aufwiesen als Frauen, die nicht putzten – vergleichbar mit Menschen, die 20 Jahre lang eine Schachtel Zigaretten pro Tag rauchten.

Putzen so schädlich wie Rauchen

Bei Männern war dieser Unterschied nicht festzustellen. Wissenschaftler vermuten auch aufgrund von früheren Untersuchungen, dass Frauen schneller als Männer Atemwegserkrankungen entwickeln.

Sowohl Reinigungssprays als auch andere Putzmittel sollen den beschleunigten Verlust der Lungenfunktion auslösen. Der schädigende Effekt zeige sich nach zehn bis 20 Jahren.

Steffi Reuter, Pressereferentin beim Bundesinnungsverband der Gebäudedienstleister, nimmt die Studie ernst. "Wir untersuchen derzeit, was dahinter steckt. Allerdings haben wir keine nennenswerten Zahlen zu Erkrankungen von Lungen.“ Wichtigster gesundheitlicher Problembereich im Gewerk sei für gewöhnlich die Haut.

Wenige Erkrankungsfälle bekannt

Die BG Bau wertet die Studie als qualitativ hochwertig ein, bestätigt aber die Einschätzung des Bundesinnungsverbands. Statistisch gesehen seien in Deutschland nur wenige Erkrankungsfälle bekannt: "Die Auswertung der gemeldeten Berufskrankheiten der Jahre 2013 bis 2017 ergab durchschnittlich acht potenzielle Fälle pro Jahr“, informiert Joachim Förster von der BG Bau.

In Frage kommen folgende Berufskrankheiten:

  • BK 4301: Durch allergisierende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen
  • BK 4302: Durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen
  • Wie-Berufskrankheiten nach §9 Abs.2 SGB VII: Dabei handelt es sich um neue Berufskrankheiten, die noch nicht in der Berufskrankheitenliste veröffentlicht sind.
Die BG Bau hat Messungen in der Raumluftkonzentration nach dem Umgang mit Reinigungsmitteln durchgeführt, deren Ergebnisse zurzeit noch aufbereitet werden. Grundsätzlich rät die BG Bau, stark reizende oder allergieauslösende Reinigungsmittel nicht zu verwenden.

Sprühfähige Reinigungsmittel besonders gefährlich

Vor allem beim Einsatz von sprühfähigen Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, auch in Verbindung mit Bleichmitteln oder Wachsen, steige die Gefahr, eine Atemwegserkrankung zu entwickeln.

Entsprechende Gefahrenhinweise auf den Produkten weisen auf dieses Risiko hin. „Viele Hersteller setzen mittlerweile verstärkt auf eine umwelt- und gesundheitserhaltende Zubereitung. Außerdem sollten Reinigungsmittel nur in gut belüfteten Räumen angewandt werden“, fügt Förster hinzu.

Informationen zur sicheren Verarbeitung von Reinigungsmitteln bietet die Gefahrstoffsoftware WINGIS der BG Bau und das Produkt-Sicherheitsdatenblatt. Unter Wingis-Online befindet sich auch ein Giscode für Reinigungs- und Pflegemittel, in dem Nutzer auf einen Klick die jeweiligen Gefahren erkennen können.

Für den Umgang mit Reinigungsmitteln, die Gefahrstoffe enthalten, muss grundsätzlich die Betriebsanweisung beachtet werden. Bei Fragen können sich Gebäudereiniger an den Betriebsarzt und an die BG Bau wenden.

Lungenkrankheiten selbst gemacht?

Das private Verbraucherverhalten hat starken Einfluss auf die Qualität der Luft und damit auf die Gefahr, Lungenkrankheiten zu entwickeln.

Atmosphärenforscher Thomas Karl von der Universität Innsbruck hat ermittelt, woher flüchtig organische Verbindungen (VOC) in der Stadtluft stammen: Je zur Hälfte kommen sie demnach aus natürlichen Quellen, die andere Hälfte stammt von Verkehr, Restaurants, Lösungsmitteln und dem Rauchen.

Erstaunt waren die Wissenschaftler über Verbindungen, die vor allem aus Kosmetika und Waschmitteln stammen. "Wir fanden in unseren Daten deutliche Hinweise auf Silikonöle, die in sehr vielen Kosmetik- und Reinigungsartikeln enthalten sind“, sagt Thomas Karl. "Dass diese Silikonöle in der städtischen Luft so deutlich Spuren hinterlassen, hat uns überrascht.“

Dies bestätigen auch Forschungen des US-Umweltingenieurs Brian McDonald. Nach seinen Untersuchungen stammen inzwischen die Hälfte der vom Menschen verursachten VOCs in Industriestädten nicht mehr von Verbrennungsmotoren, sondern von Pestiziden, Lacken, Druckertinte, Klebstoffen, Reinigungsmitteln und Kosmetika.