Virtual Reality und 5G-Netz Technik, die Handwerk einfacher macht

Auf dem Mobile World Congress drehte sich alles um den Mobilfunkstandard 5G und neue Anwendungen für die virtuelle Realität. Dem Handwerk ermöglicht die Technik neue Arbeitsprozesse.

Steffen Guthardt

Virtuelle Lackierkabine: Die HTC Vive spart Farbe und Malerkittel. - © Andrea Warnecke/picture alliance/dpa

Wer in diesem Jahr durch die Messehallen des Mobile World Congress in Barcelona schlenderte, musste nach einem großen Zukunftsthema der IT-Branche nicht lange suchen. Ob bei Samsung oder Sony – überall tummelten sich scharenweise Menschen mit überdimensionalen Brillen im Gesicht, die wild mit ihren Armen gestikulierten oder sich in Fahrgeschäften wie auf dem Jahrmarkt in 360 Grad durch die Luft schleudern ließen.

Was für manchen noch nach Science-Fiction aussehen mag, wird in der Fachbranche längst als einer der großen Umsatztreiber der Zukunft betrachtet. Das Stichwort lautet virtuelle Realität. Die von den Messebesuchern genutzten VR-Brillen sind der Zugang in computergenerierte Umgebungen, die sich wahlweise mit realen Eindrücken kombinieren lassen (Augmented Reality).

Bisher waren die virtuellen Welten vor allem für Fans von Filmen und Computerspielen interessant. Zunehmend bringen die Softwarehersteller aber auch Anwendungen auf den Markt, die in der Wirtschaft und im Handwerk neue Geschäftsmodelle entstehen lassen und die klassischen Berufsbilder und Ausbildungsinhalte verändern werden.

VR-Brille statt Malerkittel

Wie das im Handwerk aussehen kann, demonstrierte der Smart­phone-Hersteller HTC an seinem Stand. Statt sich den herkömmlichen Arbeitskittel überzustreifen und die obligatorische Schutzmaske anzulegen, könnte sich der Maler-Azubi künftig einfach seine VR-Brille aufsetzen. Im Nu befindet er sich in seiner virtuellen Lackierkabine und kann das Werkstück bearbeiten.

Bei der Präsentation in Barcelona konnten die Besucher eine Autotür lackieren – natürlich ganz ohne reale Farbe und Materialien, aber mit einer echten Lackierpistole, die als Eingabegerät dient.

In der Brille wird anhand von farbigen Markierungen dargestellt, ob beim Lackieren Geschwindigkeit,
Distanz und Winkel stimmen und ein optimales Arbeitsergebnis erzielt werden kann. Die spätere Analyse der VR-Software deckt Fehler genau auf und zeigt, an welchen Stellen des Werkstücks zu viel oder zu wenig Farbe aufgetragen wurde.

Vorteile für die Ausbildung

Die Technik dürfte für die Ausbildung von Malern und Lackierern einige Vorteile bringen. Die Azubis können sich in der virtuellen Lackierkabine austoben, ohne den Verbrauch von Farbe im Blick behalten zu müssen, und Werkstücke können beliebig oft bearbeitet werden, bis sich der Azubi an den echten Arbeitsauftrag heranwagt. Im Test müssen sie sich auch nicht vor ungesunden Dämpfen in den Farben schützen.

Maler und Lackierer ist nur einer von vielen Berufen, für den die IT-Branche derzeit vielversprechende VR-Software entwickelt. Bauhandwerker können zum Beispiel gemeinsam mit ihren Kollegen eine virtuelle Begehung der Baustelle durchführen und Schreiner ihren Kunden Möbel in 360 Grad im Online-Shop präsentieren.

Film in einer Sekunden laden

Während das eine Zukunftsthema der IT-Branche auf dem Mobile World Congress schon erlebbar ist, spielt sich die zweite Vision bisher vor allem in den Köpfen und auf den Arbeitsblättern der Fachteilnehmer ab. 5G ist der neue Mobilfunkstandard, der ab 2020 schrittweise eingeführt werden soll.

Die Erwartungen zum Nachfolger des aktuellen 4G-Standards, besser bekannt als LTE, sind extrem hoch. Große Datenmengen sollen künftig fast verzögerungsfrei von A nach B transportiert werden. Telekom-Chef Timotheus Höttges kündigte in Barcelona an, dass das 5G-Netz hundertmal schneller sei als heutige Netze. Übertragungsgeschwindigkeiten von etwa 10 GB/s würden es ermöglichen, zum Beispiel einen ganzen
Kinofilm in HD innerhalb von weniger als einer Sekunde auf sein Endgerät zu laden.

Kooperieren statt konkurrieren

Doch die Vorbedingungen zur weltweiten Einführung von 5G sind erheblich. Telekom-Chef Höttges rechnet mit einem Investitionsbedarf zwischen 300 und 500 Milliarden Euro. Und der Netzausbau dürfte nach Ansicht von Experten und Beteiligten nur in einem partnerschaftlichen Netzwerk zu stemmen sein. Auch Wettbewerber wie Deutsche Telekom oder Vodafone müssen wohl an einem Strang ziehen, um 5G wirklich in die Tat umzusetzen.

Nicht zuletzt sollen Diensteanbieter wie Facebook und Google stärker als bisher an den Kosten des Netzausbaus beteiligt werden. Doch ganz so einfach wird das nicht zu machen sein. Während die Telko-Bosse argumentieren, dass etwa der Google-Dienst YouTube massiv vom Mobilfunknetz profitiert, ohne sich in angemessenem Umfang an den Kosten zu beteiligen, entgegnen die Dienste­anbieter, dass der Kauf von mobilen Datentarifen für die Verbraucher nur aufgrund ihrer attraktiven Angebote als Geschäftsmodell trage.

Ordnung von Daten

Ein weiteres Problem ist der Grundsatz der Netzneutralität. Dieser besagt, dass alle Daten im Netz gleich behandelt werden sollen – unabhängig von Inhalt, Sender und Empfänger. Da jedoch immer mehr Geräte ans Netz angeschlossen sind und gleichzeitig Daten schneller übertragen werden, ist eine Ordnung nach Inhalt und Bedeutung wohl zwingend erforderlich. Kleinere Datenpakete, etwa für Haushaltsgeräte, könnten künftig durch ein separates Schmalbandnetz verschickt werden.

Zu den Nutznießern von 5G würde auch das Handwerk zählen. Zum Beispiel bei der Bearbeitung von BIM-Bauprojekten. Auch große Projektdateien mit 3D-Modellen könnten künftig direkt von der Baustelle per Smartphone und Tablet an die Partner gesendet werden. Eine von vielen denkbaren Erleichterungen der Arbeitsprozesse des Handwerks.