Bundesweit schließen immer mehr Bankfilialen – für ländliche Regionen ein Problem. Im Erzgebirge springen jetzt Handwerker für die Banken ein. Nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt.
Mirabell Schmidt

"Die Stimmung war erst einmal im Keller", sagt Regina Findeisen, Mitinhaberin der Fleischerei Findeisen in Weißbach. Der Grund für die schlechte Laune: Die Filialschließungen der Sparkasse im Erzgebirge. "Die meisten Kunden waren erbost darüber und haben den Frust bei uns rausgelassen." Denn jetzt übernehmen Fleischer wie Findeisen, Bäcker und Einzelhandelsgeschäfte den Schalter: Sie zahlen Geld an Bankkunden aus.
Alleine im Januar 2014 haben 38 Sparkassenfilialen im Erzgebirge geschlossen. "Die Filialen waren nicht mehr stark genug frequentiert und damit nicht mehr wirtschaftlich", erläutert André Leonhardt, Pressesprecher der Erzgebirgssparkasse.
Statt der Filialen gibt es nun eine Agenturlösung: Die Kunden zahlen in den Geschäften wie der Metzgerei Findeisen mit ihrer EC-Karte. Findeisen gibt das Geld aus ihrer Kasse und bekommt es von der Sparkasse zurück. Außerdem hängt im Betrieb ein Briefkasten für Überweisungsscheine, der zwei Mal pro Woche vom Kurier geleert wird.
Handwerker übernehmen gesellschaftliche Verantwortung
"Die Bereitschaft bei diesem System mitzumachen war da", sagt Leonhardt. "Manche sehen es auch als Umsatzbringer." Doch für viele der Beteiligten war vor allem ihr soziales Gewissen ausschlaggebend, wie für Bäcker Gottfried Schellenberger aus Heidersdorf. "Wir machen die Hilfsdienste für die Sparkasse, damit die Infrastruktur hier im Ort nicht zusammenbricht", sagt er. In der Vergangenheit hätten bereits einige Geschäfte geschlossen und zugleich gebe es im Ort viele alte Menschen, die nicht mehr mobil seien.
Als die Sparkasse also auf ihn zukam, habe er nicht lange überlegt. Schellenberger wollte, dass es im Ort weiterhin die Möglichkeit gibt, Geld abzuheben. Auch wenn die Zusammenarbeit jetzt gut läuft: "Im ersten Gespräch mit der Sparkasse habe ich meine Kritik geäußert, denn ich finde das nicht in Ordnung."
Mit den Filialschließungen folgt die Sparkasse im Erzgebirge jedoch einem allgemeinen Trend. Alleine im Jahr 2013 sank die Zahl der Zweigstellen der Sparkassen laut der Bankstellenstatistik der Deutschen Bundesbank in Deutschland um 320 auf 12.323. Ähnliches gilt für die anderen Banksektoren. Einzig die Großbanken eröffnen noch Bankstellen. "Die Entwicklung ist auch durch relativ viele kleine Fusionen in den vergangenen Jahren bedingt. Nun werden die Filialen zusammengelegt", erläutert eine Sprecherin der Deutschen Bundesbank.
Meist ländliche Regionen von Schließungen betroffen
In Deutschland gebe es außerdem sehr viele Banken - 2.029 an der Zahl – und daher einen großen Konkurrenzkampf zwischen ihnen. Der Trend zum Internetbanking trage zusätzlich zum Schwund der Zweigstellen bei. So hat sich die Zahl der Bankfilialen bundesweit gegenüber 1995 um mehr als 46 Prozent vermindert, seit 2007 um knapp neun Prozent. Und einigen Bankexperten geht das sogar noch zu langsam.
Das Problem dabei ist: Es trifft meist die ländlichen Regionen, in denen die Infrastruktur ohnehin schlecht ist. Der öffentliche Nahverkehr ist teils schlecht, es gibt immer weniger Schulen, immer weniger Ärzte – und jetzt auch immer weniger Banken. Zwar stellte die Sparkasse im Erzgebirge im Zuge der Schließungen mehr Geldautomaten auf und erweiterte ihren Telefonservice. Gerade für ältere Menschen ist das allerdings häufig eine nicht zu bewältigende Herausforderung.
Online-Banking keine Alternative
Als die Pläne der Sparkasse bekannt wurden, hatte sich im November 2013 daher Gegenwehr formiert – die "Allianz für unser Erzgebirge"“ – aus VdK, der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Bürgermeistern der betroffenen Städte. "Wir sind eine sehr ländlich geprägt Region, die Sparkassenfilialen sind in den Dörfern wichtige Lebensadern", sagt Tobias Andrae, Hauptinitiator der Initiative. Die Filialschließungen seien außerdem unrechtmäßig, da die Sparkassen ihrem gesetzlichen Auftrag, flächendeckend Geld- und Kreditleistungen anzubieten, damit nicht mehr nachkämen. Unterstützung erfuhr die Allianz von der Bevölkerung – rund 14.000 Unterschriften gegen die Schließung hat sie gesammelt.
Die Agenturlösung sieht Andrae zwiegespalten: Es sei natürlich gut, dass die Geschäfte die Auszahlungen übernehmen. Doch dass die Sparkasse immer wieder auf das Online-Banking für die restlichen Geldgeschäfte verweise, sei lächerlich. "Das können sie mir gerne sagen, aber dass ältere Menschen ihr Smartphone zücken und ihre Bankgeschäfte online erledigen, kann mir keiner erzählen."
Die Aufgaben der Agenturen beschränken sich darauf, Geld auszuzahlen. "Wenn die Alten mal Fragen haben – meist wegen Überweisungen – rufe ich aber schon mal bei der Bank an und kläre das", sagt Metzgerin Findeisen. Die Hoffnung auf mehr Umsatz hat sich bei den Agenturen bisher aber nicht erfüllt, zumindest nicht bei Schellenberger: "Es sind vielleicht 50 Leute im Monat, die bei uns Geld abheben."