Städte boomen. Trotzdem bauen gerade ländliche Regionen ihre Standortvorteile aus. Allerdings liegen die erfolgreichsten Landkreise alle im Speckgürtel einer Großstadt.
Barbara Oberst
Drei Regeln gilt es zu beachten, wenn man eine Immobilie kauft: Erstens: Lage. Zweitens: Lage. Drittens: Lage. Gerade im standortabhängigen Bäckerhandwerk trifft diese Binsenweisheit zu. Bis 2006 gingen bei Torsten Mann in Arnstadt die Geschäfte schleppend. Seine Bäckerei lag außerhalb, er hatte viel Arbeit, aber wenig Gewinn.
Der gelernte Konditormeister handelte: Er trennte sich von seinen Filialen und Lieferwagen, konzentrierte sich auf sein Hauptgeschäft und ohne sein Zutun verbesserte sich auch sein Standort. Ein Gewerbegebiet wurde in direkter Umgebung angesiedelt. "Jetzt sind wir an der Zufahrtsstraße zu vielen neuen Betrieben und zu vier Discountern – für uns ist das eine Chance", wertet der Obermeister der Bäckerinnung die Entwicklung positiv.
Ländliche Regionen holen auf
Torsten Mann hat Glück. Arnstadt liegt im Ilm-Kreis südlich von Erfurt, ein Gebiet, das im Zukunftsatlas 2013 der Prognos AG positiv hervorgehoben wird. Dieser Landkreis in Thüringen sei ein Beispiel für ländliche Regionen, die sich in den vom Ranking beurteilten Punkten Demografie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation sowie Wohlstand und soziale Lage deutlich gesteigert haben.
Damit steht der Ilm-Kreis nicht allein. Es sei auffällig, so die Autoren der Studie, dass unter den 30 Kreisen, die in den letzten zehn Jahren am deutlichsten aufgestiegen sind, 27 eher ländlich geprägt seien. Ein Aufstieg, der dem allgemeinen Trend der Landflucht entgegensteht. Allerdings liegen die gelobten Regionen alle im erweiterten Speckgürtel um eine Großstadt.
Dies trifft auch auf den hessischen Schwalm-Eder-Kreis zu. Er profitiert von der Strahlkraft Kassels, das in den vergangenen Jahren einen starken Zuwachs vor allem an neuen Technologien und in der Logistikbranche verzeichnete. Hier hat, ähnlich wie im Ilm-Kreis, die zentrale und gute Verkehrslage mit mehreren Autobahnen ihren Beitrag geleistet. Von der daraus resultierenden Dynamik profitiert auch das Handwerk, insbesondere die Baubranche.
Wettbewerb um Fachkräfte
Die positive Wirtschaftsentwicklung hat aber nicht nur angenehme Folgen. "Gerade im Metall- und Elektrobereich saugen die Industriebetriebe Fachkräfte aus dem Handwerk", beobachtet Antje Türk, Pressereferentin bei der Handwerkskammer in Erfurt. Nicht alle hätten verstanden, dass man sich heute um Mitarbeiter und Auszubildende aktiv bemühen muss.
Für Torsten Mann ist das allerdings eine Selbstverständlichkeit. Er bietet ein angenehmes Betriebsklima, gute Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung. Dafür hat er auch keinen Nachwuchsmangel: "Ich habe elf Mitarbeiter, alle meine Fachkräfte habe ich selber ausgebildet, drei meiner Mitarbeiter haben Abitur, eine macht gerade ihren Meister bei mir", erzählt er stolz.
Die Suche nach guten Mitarbeitern kostet nicht nur in den Boom-Regionen viel Kraft. Der Saale-Holzland-Kreis wurde von Prognos weit hinten eingestuft, aber auch hier ist der Fachkräftemangel im Handwerk ein großes Problem, beobachtet Landrat Andreas Heller. In den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl im Landkreis um rund 9.000 gesunken.
Trotzdem schätzt Heller die Lage besser ein, als es das Ranking vermuten lässt: "Unsere Infrastruktur ist gut ausgebaut, vom öffentlichen Personennahverkehr auf Straße und Schiene über die medizinische Versorgung bis zu den Kindergärten und Schulen. Bei der Betreuungsquote von Kleinkindern zum Beispiel nimmt der Kreis bundesweit einen Spitzenplatz ein", zählt der Landrat die Standortvorteile auf.
Gar nicht trostlos
Auch im hessischen Odenwaldkreis, der vor allem in Sachen Dynamik und Arbeitsmarkt im Zukunftsatlas schlecht abschnitt, verweist man auf Aspekte, die ins Ranking nicht mit einflossen. So initiierte der Kreis 2013 ein Standortmarketingkonzept, das die Außendarstellung, Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung reformieren soll. Landrat Dietrich Kübler hält es mit dem Fazit der Prognos-Studie: "Eher ländlich strukturiert zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass man rückständig, trostlos und ohne Zukunft ist."