Eine gute berufliche Qualifikation, eine Tätigkeit in Vollzeit und beständige Familienstrukturen sind in Deutschland immer noch die beste Absicherung gegen den sozialen Abstieg. Auch die Wirtschaftskrise hat die sogenannte "Mitte der Gesellschaft" kaum verändert. Im DHZ-Interview erklärt Wirtschaftsforscherin Judith Niehues, wo das Handwerk einzuordnen ist.
Jana Tashina Wörrle

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat eine ausführliche Studie über die deutsche Mittelschicht erstellt. Darin stellen die Autoren Judith Niehues, Jochen Pimpertz, Thilo Schaefer und Christoph Schröder fest, dass sich die Mitte der deutschen Gesellschaft kaum verändert hat. Ängste zum drohenden sozialen Abstieg können sie genauso wenig bestätigen wie Annahmen, dass die Mittelschicht finanziell am stärksten belastet sei. Judith, Niehues erklärt, welche Faktoren die Stabilität bedingen.
DHZ: Die Mittelschicht gilt als stabil und weder vom Schrumpfen noch vom sozialen Abstieg bedroht. Kann die Krise ihr denn gar nichts anhaben? Und betrifft der Wirtschaftsaufschwung vor allem die Großverdiener?
Judith Niehues: Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich der Anteil der Mittelschicht in Zeiten der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise kaum verändert hat. In dem leichten Zuwachs des Abstiegsrisikos im Jahr 2008 könnte man allerdings leichte Auswirkungen der Krise erkennen. Wie sich der aktuelle Aufschwung auf die Mittelschicht auswirkt, bleibt abzuwarten. Bei der positiven Wirtschaftsentwicklung in 2006 und 2007 konnten wir jedoch keinen merklichen Einfluss auf die Anteile der unterschiedlichen Einkommensgruppen erkennen.
DHZ: Sind hierbei Mittelschicht und Mittelstand gleichzusetzen? Ist auch der Mittelstand ein Stabilitätsanker in Deutschland?
Niehues: Die Mittelschicht beschreibt die Zuordnung der privaten Haushalte anhand von sozio-kulturellen Merkmalen oder anhand ihrer Einordnung in die Einkommensverteilung der Gesamtbevölkerung. Die Mittelschicht korrespondiert insofern mit dem Mittelstand, dass viele Selbständige bis neun Mitarbeiter mit mittlerer Qualifikation in den erweiterten Bereich der Mittelschicht gehören. Selbständige mit zehn oder mehr Beschäftigten sind allerdings meist im höheren Einkommensbereich zu verorten.
DHZ: Wo ordnen Sie das Handwerk ein?
Niehues: Ein Blick auf die Selbständigen in Handwerksberufen zeigt, dass sich diese einkommensmäßig vor allem in die Bereiche der Mitte im engen Sinne und die einkommensstarke Mitte – aber auch bei den Einkommensreichen – einordnen.
DHZ: Warum kommt es zu den Vorurteilen, dass die Mitte der Gesellschaft schrumpft und dass der soziale Abstieg scheinbar ständig droht?
Niehues: Die Hartz Reformen haben zu einer Senkung der möglichen Bezugsdauer von Arbeitslosengeld geführt. In Verbindung mit der steigenden Arbeitslosigkeit bis Mitte dieses Jahrzehnts kamen Ängste auf, beim Jobverlust direkt in Hartz IV zu rutschen. Wie unsere Ergebnisse aber zeigen, ist der Abstieg in die unteren Einkommensbereiche selten. Im Zuge des Beschäftigungsanstiegs in den letzten Jahren wurden auch die Wiederaufstiegsmöglichkeiten in die Mittelschicht größer.
DHZ: Wie stark muss die Mitte gegen den drohenden Abstieg ankämpfen oder ist das alles Mythos?
Niehues: Auch wenn es nicht die breite Masse trifft, gibt es ja Haushalte, die von der Mittelschicht in den armutsgefährdeten Bereich abrutschen. Für diese Haushalte ist der Abstieg sicherlich kein Mythos. Die konkreten Gründe lassen sich nicht für alle Haushalte eindeutig nachvollziehen, aber der Verlust der Erwerbstätigkeit und insbesondere die Auflösung von bestehenden Haushaltsstrukturen spielen eine Rolle. So sind bei den abgestiegenen Haushalten beispielsweise Alleinerziehende überrepräsentiert.
DHZ: Welche Faktoren tragen zu der Stabilität am meisten bei?
Niehues: Vor allem die Erwerbsstruktur und die Haushaltsstruktur sind für die Zuordnung in die Mittelschicht von Bedeutung. Eine gute berufliche Qualifikation, eine Tätigkeit in Vollzeit und beständige Familienstrukturen führen zu einer stabilen Verankerung in der Mittelschicht. Genauso führen also ein gutes Ausbildungsniveau und hohe Beschäftigungsquoten zu einer stabilen Mittelschicht im Zeitablauf.
DHZ: Wie wird es gerade jetzt in Zeiten der Eurokrise mit der Mitte der Gesellschaft und mit Mittelstand und Handwerk weitergehen? Bleibt die Stabilität?
Niehues: Unsere Analyse zeigt, dass die Mittelschicht zuletzt einen ähnlichen Anteil ausmacht wie zu Zeiten der Wiedervereinigung, und dass obwohl die letzten zwei Jahrzehnte von sehr markanten wirtschaftlichen Entwicklungen geprägt waren. Die Mittelschicht zeigt sich also als durchaus krisenresistent.