Marketing aktuell Mitarbeiter möchten mitdenken

Motivierte Angestellte halten dem Betrieb die Treue. Das ist das erste Mittel gegen den Fachkräftemangel. Von Barbara Oberst

Mitarbeiter möchten mitdenken

Berlin, Amsterdam, London, die Frisur sitzt. Das ist keine Werbung, sondern Realität im Friseursalon "Look“ von Timo Seitz aus dem schwäbischen Ichenhausen. Einmal im Jahr verreist der 35-Jährige Friseurmeister mit seinem zwölfköpfigen Team für zwei Tage. „Wir machen das im lockeren Rahmen, der Spaßfaktor ist ganz wichtig“, betont Seitz. Die aufwändigen Betriebsausflüge gelingen, weil nicht nur Stadtrundfahrten, Essengehen und Flanieren auf dem Programm stehen, sondern auch Schulungen eines Herstellers von Haarpflegeprodukten. Da Seitz hier guter Kunde ist und für die Abnahme der Produkte Seminargutscheine für sich und seine Mitarbeiter bekommt, muss er nur einen Teil der Reisekosten finanzieren.

Die Investition in die Reisen rechnet sich. Das Teamgefüge verbessere sich nachhaltig, sagt Seitz. Das ist wichtig für sein Unternehmen, denn selbst in der Friseurbranche, wo es nie schwierig war, Personal zu bekommen, hat der Fachkräftemangel Einzug gehalten: "Es ist ganz schwierig, gute Mitarbeiter zu kriegen, ich bekomme kaum mehr Bewerbungen und die Qualität ist schlecht“, beobachtet der Unternehmer. Fluktuation kann er sich also nicht leisten, zumal es nach Seitz’ Berechnungen zwei Jahre dauert, bis eine neue Kraft Umsatzgrößen erreicht, wo sie sich selbst trägt.

Motivierte Mitarbeiter bringen Erfolg. Das bestätigen die Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) in ihrem Personal-Panel 2010 zur Balance von Flexiblität und Stabilität. Wenn Unternehmen einen "ergebnis- und bindungsorientierten“ Führungsstil haben, so die Studie, dann seien sie meist auch wesentlich innovativer und erfolgreicher am Markt als andere. Wichtigste Faktoren seien ein hohes Vertrauen in die Eigenverantwortung der Beschäftigten, das Bestreben, Mitarbeiter zu Mitdenkern zu entwickeln, jährliche Mitarbeitergespräche sowie die Förderung der Arbeitszufriedenheit und der Leistungsbereitschaft. Doch das scheint heutzutage die Ausnahme zu sein, wie das Beratungsunternehmen Gallup in seinem "Engagement Index 2010“ jüngst veröffentlicht hat: Jeder fünfte Arbeitnehmer habe innerlich gekündigt, 66 Prozent wiesen nur geringe emotionale Bindung auf und lediglich 13 Prozent seien bereit, sich freiwillig für ihren Arbeitgeber und dessen Ziele einzusetzen.

Timo Seitz kann auf seine Angestellten zählen. Wenn er sie braucht, kommen sie, selbst an Wochenenden. Das ist keine Selbstverständlichkeit – aber das sind ja auch seine Leistungen für die Mitarbeiter nicht. Bis zu sechs Fortbildungen pro Jahr finanziert Timo Seitz für alle. Das kostet viel Geld, doch die Investition zahlt sich aus: "Wir haben im letzten Jahr eine Umsatzsteigerung von elf Prozent gehabt“, kommentiert der Ichenhausener – die Gesamtbranche verzeichnete dagegen laut Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks Umsatzrückgänge. Ebenfalls ungewöhnlich für die Branche ist die geringe Fluktuation in Seitz’ Salon. Abgesehen von den beiden Azubis gibt es niemanden im Betrieb, der weniger als vier Jahre dabei ist. Selbst zwei Meister sind angestellt und bekommen auch Meistergehalt. In diesem vermeintlichen Luxus sieht Seitz seinen Vorteil: Er kann Aufgaben abgeben, zum Beispiel die Verantwortung für die Ausbildung im Betrieb.

Eigenverantwortung und der Freiraum, selbst Ideen zu entwickeln und umzusetzen, motivieren Mitarbeiter. Kleine Betriebe haben hier einen Vorteil gegenüber der Großindustrie. Denn dort bremsen hierarchische Organisationsstrukturen die Mitarbeiter in ihrer Entfaltung, haben die Forscher des IW Köln herausgefunden. Es müssen auch nicht immer kostspielige Maßnahmen sein, die den Mitarbeitern die Freude an der Arbeit wiedergeben. Ein kommunikativer und motivierender Führungsstil kann schon viel bewirken. Deswegen hat Seitz sich mit der Theorie der Mitarbeitermotivation und Rhetorik beschäftigt. Er achtet darauf, Kritk nur in Einzelgesprächen zu üben und legt viel Wert auf Lob – nicht nur im jährlichen Mitarbeitergespräch, sondern gerade auch im Alltag. Die Kunden spüren die gute Atmosphäre im Salon. Und herrscht doch einmal gereizte Stimmung, so holt Timo Seitz alle Beteiligten in ein Besprechungszimmer, damit die Gespräche nicht über-, sondern miteinander geführt werden.