Dieter Maisel, Herr der Seile bei den Bayreuther Festspielen, verknüpft Tradition und Hightech
Von Aaron Buck
Eine Welt am Haken
Als sich Dieter Maisel vor 28 Jahren bei den Bayreuther Festspielen bewarb, ahnte er nicht, dass er eines Tages Welten bewegen würde. Burgen, Berge, Autobahnen, Drachen, Flüsse, Wälder jeder Akt ein neues Bühnenbild. 24 Meter über den Brettern, die die Welt bedeuten, befindet sich Maisels Arbeitsplatz: der Schnürboden. Von hier aus bewegt der gelernte Werkzeugmacher tonnenschwere Kulissen per Mausklick.
Die Bayreuther Festspiele finden jedes Jahr vom 25. Juli bis 28. August statt. Das Opernhaus auf dem Grünen Hügel wurde nach Entwürfen Richard Wagners errichtet. Die Akustik gilt als eine der bes-ten weltweit. Seit der Premiere im Jahre 1876 gilt Wagners Prämisse vollendeter Zweckmäßigkeit. Dazu gehört die für das Publikum unsichtbare und zugleich bestmögliche Technik. Von außen nahezu unverändert, wird hier seither gezeigt, was gerade technisch möglich ist.
Nach drei Jahren als Schlosser übernahm Maisel die Stelle als „Schnürmeister“. Stahlstrieben, Umlenkrollen, Seile, Eisenstangen. Nein, Maisel steht nicht inmitten einer Metallfabrik, sondern auf dem Schnürboden des Festspielhauses. Die Theatertechnik, die in dieser Gitterkonstruktion hoch über der Bühne steckt, ist wichtiger Teil der perfekten Illusion. Die sogenannte Obermaschinerie bewegt alles, was nach oben aus dem Blick der Zuschauer verschwinden soll. Flache Stoffe und tonnenschwere Dekorationsteile hängen an langen Querstangen. Diese werden an Stahlseilen auf- und abgelassen.
Aus Hand- wurde Kopfarbeit
„Als ich anfing, habe ich die ersten zehn Jahre noch alles alleine geschafft“, sagt der 50-Jährige. Das gesamte Handtauwerk hing damals an gerade einmal 20 elektrischen Handkonterzügen, die mechanisch angewählt wurden. Am anderen Ende der Züge sind nach dem Prinzip der Balkenwaage „Schlitten“ mit Kontergewichten eingehängt. Ein Gewichtstück wiegt zehn Kilogramm, ein Zug kann bis zu 350 Kilogramm heben. Früher musste Maisel pro Aufführung insgesamt mehrere Tonnen an Kontergewichten aufladen. Doch diese sehr alte, bewährte Technik reichte bald nicht mehr aus, um die immer schwerer werdenden, oft dreidimensionalen Bühnenteile zu wuchten. In den späten 80er Jahren wurde zunächst eine halb computergesteuerte Anlage installiert. „Damals musste ich einen Computerkurs an der Volkshochschule belegen, um meinen Beruf fortsetzen zu können.“ Seitdem wurde sein „Beruf“ völlig auf den Kopf gestellt; und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Aus der schweren körperlichen (Hand-)Arbeit wurde Kopfarbeit. Denn heute befindet sich eine Ebene über den Handkonterzügen ein zweiter Schnürboden mit elektrisch betriebenen Punktzügen, die jeweils bis zu einer Tonne heben können. Um die Bühnenteile zu befestigen, werden die schweren Stahltrosse von elektrischen Winden über exakt positionierte Umlenkrollen abgelassen.
Die beiden Ebenen der Obermaschinerie vereinen eine der ältesten Bühnentechniken, den Handzug, mit modernster Bühnentechnologie. Der „Schnürmeister“ Maisel ist heute „Leiter der Obermaschinerie“ und Herr über mehr als 70 Handkonterzüge und 59 Punktzüge. Mit Hilfe einer computergestützten Steuerung und einer Art Joystick manövriert er die schweren Kulissen millimetergenau. „Wir reizen die aktuelle Theatertechnik voll aus“, schwärmt Maisel. Inzwischen unterstützen ihn fünf Kollegen. Nur gemeinsam können sie die modernen Inszenierungen stemmen, die bisweilen mehrere verschiedene Bewegungen gleichzeitig vorsehen. Maisel spricht von „vorstellungsbedingtem Stress“. Der „Parsifal“ etwa sehe in den Szenen viele Veränderungen vor, die „Meistersinger“ beinhalteten hingegen kaum Verwandlungen.
Im vierten Teil des „Rings der Nibelungen“, der „Götterdämmerung“, reißt das Seil des Schicksals aus Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. So wissen die Nornen nicht mehr, was auf der Welt vor sich geht. In der Realität über der Bühne kann das nicht passieren, denn das Spleißen der Seile ist Maisel als echte Handarbeit erhalten geblieben. Für den „Fliegenden Holländer“ im Jahr 1990 spleißte er hunderte Seile für die Takelage zweier Schiffe. Mammutaufgaben dieser Art sind selten geworden. Heute verflechtet er jährlich circa noch 20 Seile. „Die handwerkliche Tätigkeit ist sehr eingeschränkt“, meint er.
Vielmehr lockt die moderne Technologie in den Festspielwochen Bühnenarbeiter aus aller Welt ins oberfränkische Bayreuth. Aber um die Besonderheit der Arbeitsplätze auf dem Grünen Hügel weiß auch das Stammpersonal. Jeder Einzelne hier oben ist Teil eines Mythos. Die Festspiele sind das Mekka für „Wagnerianer“: Zu anderen Festivals reisen die Fans, nach Bayreuth pilgern sie.
Die Operninszenierungen verwandeln die Bühne in eine andere, berauschende Welt. Das Publikum hat den Eindruck, der Rhein fließt in den Zuschauerraum. In Minutenschnelle verwandelt er sich scheinbar in Bergeshöhen.
„Wir machen alles selbst“
Die Bayreuther Festspiele sind absolut autark. Die beeindruckenden Bühnenbilder werden in den hauseigenen Werkstätten konzipiert, statisch berechnet, bühnentechnisch umgesetzt und gebaut. Jede Kulisse ist ein Unikat. Regisseur, technische Leitung und Bühnenbildner erstellen noch während der laufenden Saison die ersten Baupläne für die perfekte optische Umsetzung der Stücke im kommenden Jahr. Die Arbeit der Handwerker beginnt drei bis vier Wochen nach der Festspielzeit. „Vom Transportwagen bis zur Dekoration machen wir alles selbst“, sagt Maisel. Auf Basis der detailgenauen Konstruktionszeichnungen fertigen er und sieben weitere Schlosser alle für die Kulissen nötigen Teile aus Stahl oder Aluminium vom Grundgerüst bis zu Hydraulikanlagen oder komplexen technischen Bühneneffekten. Anschließend verkleiden Schreiner die Stahlkonstruktionen. Andere „Bühnenpraktikabel“ werden komplett aus Holz gefertigt. „Praktikabel“ bezeichnet im Theater einen fest gebauten, begehbaren Teil der Bühnendekoration, der von Hand versetzt werden kann. Maler, Tapezierer und Plastizierer verleihen den fertigen Objekten ihre künstlerische Außenhaut.
In den Werkstatthallen werden die bis zu neun Meter hohen und fünf Tonnen schweren Kulissenteile nicht nur gebaut. Anfang Juni beginnt die Probenzeit mit den Darstellern. Dann verwandeln sich die sieben Werkstätten in Probebühnen, auf denen die Kulissen in Originalgröße aufgebaut werden. Die Hauptbühne mündet am Hintereingang direkt auf die Straße. So können die Kulissen komplett zwischen Werkstätten und Bühne transportiert werden.
Multifunktionalität wird auch von den ganzjährig beschäftigen Werkstattmitarbeitern erwartet. Sie fertigen die Bühnenbilder nicht nur, sie bauen auch auf, passen an, lagern ein, warten und reparieren. Und mit der Premiere am 25. Juli ist ihre Aufgabe nicht beendet. Wer von Oktober bis Juli Schlosser, Schreiner, Maler, Tapezierer oder Elektriker ist, ist in der Festspielzeit Bühnenarbeiter.
Zehn Tonnen in 25 Minuten
Maisels „Sonderarbeitszeit“ in der Obermaschinerie beginnt Anfang Juni und endet am 29. August. „Von acht bis zwölf Uhr komme ich dann nicht vom PC weg“, sagt Maisel. Die Frühschicht baut die Kulissenteile des letzten Akts vom Vorabend ab und die für den ersten Akt des Tages auf. Um 16 Uhr öffnet sich der Vorhang für die Vorstellung, die bis spät in die Nacht dauern kann. In den Pausen werden nicht selten zehn Tonnen weg- und zehn Tonnen hinbewegt dafür haben die Bühnenarbeiter nur knapp 25 Minuten. Zwei Stunden vor Mitternacht endet Maisels Dienst. Den Rest erledigt die Spätschicht.
Am Ende des Rings, nach insgesamt 16 Stunden des kompletten Opernzyklus, müssen die Götter erkennen, dass sie das Leben der Menschen nicht mehr lenken können. Ein todestrunkener musikalischer Rausch. Nur einer darf weder von Todessehnsucht noch von Schlaftrunkenheit erfüllt sein: Maisel, 24 Meter über der Bühne, hat die Sache im Griff. Bis zum bitteren Ende.
