Nicht über einen Kamm zu scheren: Promibarbier Gerhard Meir lebt von Münchens Schickeria, witzelt aber auch gerne über ihre allzu menschlichen Schwächen. Von Roman Leuthner
Gerhard Meir: Der Figaro aus Bussi-Bussi
Der Meister greift nach einer kräftigen Strähne im nussbraunen Haar der Kundin, nimmt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, hält kurz inne und massiert die Haarspitzen, wickelt das Ende der Strähne spielerisch um den Zeigefinger, zieht, dehnt und streckt sie und setzt endlich eine hölzerne Rundbürste an. Mit einer schnellen Bewegung dreht er die Bürste um die Strähne und platziert sie sanft auf der Kopfhaut. Der Stiel des Werkzeugs ragt der Dame im eleganten schwarzen Kostüm wie eine Antenne vom Kopf.
Schutzraum für die Eitelkeit
Es summt wie in einem Bienenhaus. In der "Schneidewerkstatt" des Nobelcoiffeurs Gerhard Meir im Herzen Münchens herrscht Hochbetrieb. Die 16 Schneideplätze erinnern an Waben aus Spiegelglas. Jeder Schneideplatz ist ein Schutzraum für das "Menschlichste am Menschen, die Eitelkeit", wie es Meir ausdrückt. Der Starfriseur schirmt seine Kundinnen ab – vor allzu neugierigen Kiebitzen, die gerne verfolgen möchten, wie sich nach dem Waschen nasses und formlos am Kopf klebendes Haar in eine duftende Wolke aus farbiger Schönheit verwandelt. Meir zelebriert sein Handwerk im "Le Q" am Promenadeplatz 12. In direkter Nachbarschaft zum "Bayerischen Ho"“ gelegen, einer der ersten Hoteladressen der Isarmetropole, strömen die Schönen und Gutbetuchten in den Designsalon: "Promis von A bis Z", erzählt der Meister, ohne Namen zu verraten und schon gar nicht die eine oder andere Anekdote um eine prominente Person. "Schauspielerinnen, Businessfrauen, Industriellengattinnen, ja – aber auch ganz normale Kundinnen", winkt er ab. Diskretion gehört zum Berufsgeheimnis, wie die Kunstgriffe und Tricks des Figaros, der fast jeder schlechten Laune der Natur – zumindest, wenn es um das Haupthaar geht – ein "Schnittchen schlagen" kann.
Vom Spiel mit der Eitelkeit lässt sich als Inhaber eines Salons meist anständig leben. Natürlich verraten nackte Zahlen wenig über die realen Lebensumstände eines kleinen Friseurbetriebs auf dem flachen Lande. Statistiken geben immer nur den groben Durchschnitt wieder und wirken oft aufgehübscht. Gleichwohl vermeldet der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks nicht ohne Berufsstolz, dass sich die Verbraucher 2008 auch angesichts der hereinbrechenden Wirtschaftskrise das Waschen/Legen/Fönen, Kolorieren und haarige Kuren nicht haben nehmen lassen. Die Umsätze der mehr als 62.000 Unternehmen und 11.000 Filialen in Deutschland gaben gegenüber dem Vorjahr lediglich um Haaresbreite nach: um 0,1 Prozent.
Erlebnis der schönen Träume
Über echte Zahlen redet im "Le Q" selbstredend niemand. Dafür spricht das Interieur Bände: Der Kunde, oder besser: die Kundin, die hier eintritt, denn Meir hält nichts vom "Herrenfach", möchte sich nicht nur die Haare schneiden lassen oder eine Maniküre oder Pediküre genießen. Sie sucht das Erlebnis der schönen Dinge und Träume. Ein mit exquisiten Trinkgefäßen, geschmackvollem Nippes und allerlei modischen Accessoires ausgestatteter Departementstore, den Meirs Geschäftspartnerin Iris Rampold betreibt, ist mit einer Tagesbar kombiniert. Dort serviert Adel Zorgati, ein hochgewachsener Barkeeper aus Tunesien, duftenden Espresso zu "ham and eggs", Antipasti oder Fruchtsalaten. An einem der Bistrotische sein Frühstück oder einen Snack zu genießen, auf den Einsatz des Schneidemeisters zu warten, nebenbei mit der oder dem zu plaudern und durch die große Panoramascheibe die streng dreinschauende Politesse zu beobachten, die am Bürgersteig großvolumigen Fahrzeugen der Oberklasse Knöllchen hinter die Scheibenwischer klemmt: Das hat schon was. Wie wäre es damit, die verbleibende Zeit in einer Kabine des "Spa to go" zu überbrücken? Bei einer Teilkörpermassage die Gedanken laufen zu lassen und vor dem nächsten Businessmeeting seelentief abzutauchen? Auch das ist möglich im "Le Q", das 2009 völlig neugestaltet wurde – just zum zehnjährigen "Betriebs"-Jubiläum.
Die Kommunikationsberaterin Barbara Weber, die für Gerhard Meir PR und Öffentlichkeitsarbeit leistet, prägte das schöne Motto „Die Sinne bezuckern“ und nennt das auch die "Mission" des "Le Q": "Der Kunde wird vom ersten Moment seines Eintretens an bis zum Verlassen des Salons perfekt bedient", so Weber. Sie weiß, wovon sie spricht. Seit 17 Jahren verbindet sie mit dem Starcoiffeur "eine ganz besondere Beziehung", der zu allem Glück auch noch ihr Trauzeuge ist.
Meir, der flink zwischen der Empfangstheke am Eingang des Salons, über der jetzt zur Vorweihnachtszeit ein überdimensionaler und rotmetallen schimmernder Adventskranz prangt, der Tagesbar und seiner "Schneidewerkstatt" hin und her springt, ist beinahe schon doppelt so lange Friseur. "Seit 31 Jahren", berichtet er, setzt sich flugs an den Bistrotisch, rückt seinen Stuhl in die richtige Position und zieht kräftig an der unvermeidlichen Zigarette. Ja, rauchen darf man hier noch, und seine Kundinnen verzeihen es ihm sogar, wenn er vom Nikotin selbst im Allerheiligsten nicht lassen kann. Man glaubt ihm sofort, dass er ein Besessener ist und nickt unwillkürlich, wenn er seinen Gesprächspartner über die Brillengläser fixiert und sagt: "Es nützt alles nichts. Ich muss meine Arbeit immer tausendprozentig machen. Wirklich tausendprozentig. Es geht bei mir immer nur um eines: absolute Qualität."
Und um jede Menge Kreativität und Sinn für Kunst und Ästhetik. Denn der Mann, der in der Nähe der oberbayerischen Kreisstadt Miesbach geboren wurde, im väterlichen Sanitärbetrieb aufgewachsen ist und 1978 seinen ersten Salon in München eröffnete, wollte zunächst Illustrator werden. Seine Mutter riet ihm jedoch zu einer Friseurlehre, die er dann auch nach der mittleren Reife begann. Der goldrichtige Tipp, wie sich, so Meir, "in den schrillen 80er Jahren" herausstellte. Monika Sachs, Helmut Dietl und viele andere Stars und Sternchen aus der Münchener Promiszene und weit darüber hinaus reichen sich bei Meir bald die Klinke in die Hand. Seinen Durchbruch zum Starbarbier, der seitdem in eine Reihe mit Kollegen wie Udo Walz und Marlies Möller in Berlin und Hamburg gestellt wird, schaffte er jedoch mit einer der zu dieser Zeit wohl schrägsten Exemplare des gehobenen Adels – mit Gloria von Thurn und Taxis, für die er turmhohe Punkfrisuren kreierte und sie, wie er in einem Interview mit dem "Spiegel" bekannte, "zur Marie Antoinette relaunchte". Für die Damen aber, die nicht so hoch hinaus wollten oder konnten, schuf er das „Münchener Blond“, das in den 80ern als mehrfach gesträhnte Bleiche in der süddeutschen Bussi-Bussi-Metropole legendär wurde. Und dann gab es da auch noch die berühmten Farbshampoos …
Meir aber ist auch ein Mann, der nicht nur mit scharf geschliffenen Werkzeugen trefflich umzugehen versteht. Auch seine Zunge ist spitz und mitunter scharf wie ein Rasiermesser. Dabei versprüht er als bekennender Homosexueller, der in fester Partnerschaft lebt, eine Lässigkeit, die vom Erfolg und einer gesunden inneren Distanz zur Szene rührt. Ein "cooler Hund": Das Kompliment drängt sich geradezu auf, denn er hat sich nicht nur als Figaro, sondern auch als Buchautor einen Namen gemacht. Mehrere Romane hat er verfasst, zum Teil mit Coautoren, und darin die menschlichen Schwächen und Fehltritte der High- und weniger hippen Society auf die Schippe genommen. Über koksende Künstler und Medienmenschen, schwule Politiker und gegen die Schwächen des Alters vergebens kämpfende Diven hat er geschrieben – mit veränderten Namen, versteht sich. Dennoch offenbar so interessant und entlarvend, dass die "taz" die Rezension eines Meirschen Epos’ übertitelte: "Scheren zu Schreibmaschinen!" Doch nicht nur die linken Politschreiber aus Berlin feiern genüsslich die literarischen Ausflüge des Promifriseurs. Von der "Süddeutschen" bis zum "Spiegel", vom Lifestyle- bis zum Frauenmagazin: Allen hat er seine An- und Einsichten schon ins Mikro diktiert, knatternde Wortschwälle zwischen hektischen Zügen aus seiner Zigarette. Zack, zack! Im Stakkato, so wie er schneidet, frei von der Leber und ohne Haarspaltereien. Nie jedoch persönlich verletzend oder ehrabschneidend.
Immer unter Strom
Christoph, ein Auszubildender im ersten Lehrjahr, wirft dem Meister einen fragenden Blick zu. Irgendetwas möchte er wohl erklärt bekommen. Der springt auf, lässt sein Handy am Bistrotisch liegen und flitzt zu einer Kundin, der in der "Schneidewerkstatt" das Haar gewaschen wird. Sofort hochkonzentriert, Tunnelblick in den Augen. So hat er es jahrelang mit zwischenzeitlich vier Salons in München, Hamburg und Berlin gemacht. Bis ihn vor kurzem "die Pumpe" bremste und die Ärzte eine Herzmuskelentzündung diagnostizierten. Seitdem laufen seine Salons im Norden und Osten Deutschlands unter Lizenz, und Meir verzichtet auf "permanenten Jetset".
Ganz ausbremsen lässt sich der Figaro aus Bussi-Bussi wohl aber nie. Die Scheren und Schreibmaschinen stehen doch immer unter Strom …