Hörnerschlittenrennen im Allgäu "Guat isch gange, koi Schalengge isch hee woare"

Im Allgäu messen sich jedes Jahr zur Faschingszeit wagemutige Piloten bei traditionellen Hörnerschlittenrennen. Einst Brauchtum, heute Gaudirennen bis zu 350 Teams stürzen sich die präparierten Rennstrecken hinab.

Eva Schneider

Auch die Teams der „Original-Schalengger“ stellen sich mit Holz oder Stroh beladen der rasanten Abfahrt. - © Pfronten Tourismus

Guat isch gange, koi Schalengge isch hee woare“ heißt so viel wie „Alles ist gut gegangen und kein Schlitten ging kaputt“. Das sagten die erleichterten Schalengger früher, wenn Sie am Abend heil im Tal angekommen waren.
Schalenggen oder auch Hörnerschlitten wurden im Allgäu ursprünglich dafür verwendet, um das im Sommer in den Bergen produzierte und gelagerte Heu und Brennholz im Winter ins Tal zu transportieren. Die hölzernen Schlitten ohne Metallkufen waren dafür das einzige Transportmittel. Jeweils zwei Männer fuhren die vollbeladenen Schalenggen, die weder Bremsen noch Lenkvorrichtungen hatten. Dementsprechend kräfteraubend und gefährlich war die Abfahrt ins Tal – und nicht selten wurden die Männer dabei verletzt oder die ­Schalenggen gingen zu Bruch. Bis zu viermal täglich machten sich die Männer zu solch anstrengenden Schlittenfahrten auf.

Aus der Tradition wurde ein Gaudirennen

Seit den 70er Jahren ist aus dem alten Brauch ein Gaudirennen geworden, das jährlich in der Faschingszeit in mehreren Orten im Allgäu ausgetragen wird. Traditionell sind nur original Hörnerschlitten ohne Hilfsmittel wie Brems- und Lenkvorrichtung zum Rennen zugelassen und werden wie früher von zwei Männern, einem Lenker und einem Helfer, gefahren. Es werden Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometer in der Stunde erreicht. Die Länge der Rennstrecken liegt zwischen ein und zwei Kilometern.
Da die Rennen in der Faschingszeit stattfinden, ziehen sich die Piloten nicht nur traditionelle Lederhosen und Berg­ler­strick­jacken an. Auch einige kuriose Verkleidungen sind dabei, die das Ganze einmal mehr zur Gaudi machen.

Für den Einstieg braucht es Mut

Das bekannteste Schalenggen-Rennen findet in Pfronten-Kappel alljährlich am Faschingssamstag statt. Bis zu 350 sowohl weibliche als auch männliche Piloten und mehrere hundert Zuschauer lassen hier die Tradition aufleben. Zur Eröffnung finden sich jedes Jahr auch „Original-Schalengger“ ein, die sich wie anno dazumal mit Stroh oder Holz beladen auf die Rennstrecke wagen.

Jedes Team muss seinen Schalenggen eigenhändig bis zum Start unterhalb der Hündleskopfhütte hinaufschieben, das verlangt den Piloten schon vor dem Rennen einiges an Kondition ab. Für den Einstieg ins Rennen benötigt man dann einen kräftigen Schluck Mut, denn der sei echt brutal, erzählen Tobias Laxy und Markus Kuisle, die im vergangenen Jahr ein Team bildeten. Die Strecke verläuft über rund 200 Höhenmeter fast senkrecht ins Tal. Die Schwierigkeit ist es, die wenigen Kurven und Sprünge ohne großen Zeitverlust oder Sturz zu meistern. Gerade bei diesen Manövern gehen immer wieder einige der teilweise noch Original-Schlitten zu Bruch.

Auch Bruchpiloten erhalten eine Urkunde

Jedes Team wird mit großem Applaus im Ziel begrüßt, und man ist einfach nur froh, dass man heil unten angekommen ist, so Markus Kuisle. Aber auch Bruchpiloten, die mit mindestens einem ­Einzelteil ihres Schlittens ins Ziel ge­langen, wird applaudiert und erhalten als Trostpreis eine Urkunde.

Sowohl weibliche als auch männliche Piloten nehmen an den Gaudirennen teil - © Wertach Tourismus
Schalenggen Rennen

Da die beiden Allgäuer in den Jahren zuvor immer als Zuschauer neben der Rennstrecke standen, beschlossen sie vor zwei Jahren, selber teilzunehmen und ersteigerten sich – ganz gegen jede alte Tradition – einen Schalenggen im Internet. Die ersten Versuche fanden im Tiefschnee am Auerberg statt und hatten, wie sich herausstellte, absolut nichts mit der präparierten Rennstrecke gemeinsam. „Wir wussten danach einfach, dass der Schlitten uns aushält.“ Nach der erfolgreichen Premiere werden sie auch heuer teilnehmen. „Jetzt hat uns der Ehrgeiz gepackt“, so Markus ­Kuisle, „es sollte schon ein Platz unter den ersten 20 sein.“

In Pfronten ist nicht das einzige Gaudi-Rennen. Unter anderem laden auch die Wertacher alljährlich am ersten Sonntag im Februar am Buronlift zum Hörnerschlittenrennen ein. Die Teilnehmer müssen
auf der 1,7 Kilometer langen Schanzbach-Abfahrt westlich von Nesselwang ihr Können beweisen.

In Wertach werden neben vielen Auszeichnungen übrigens auch die besten „Ü-100-Teams“ ermittelt. „Ü-100“ heißt: Das Gesamtalter der beiden Fahrer muss zusammen über 100 Jahre ergeben.

Informationen und Termine:

Rennen in Wertach:
Sonntag, 5. Februar 2012
Beginn 11:00 Uhr
Am Buronlift, www.wertach.de

Rennen in Pfronten-Kappel:
Samstag 18. Februar 2012
Beginn 12:00 Uhr,
Pfronten im Ortsteil Kappel
www.kappelar-schalenggar.de